Die Marx-Büste fürs Bücherregal ruht ein Stockwerk höher, verrät Reinhard Autolny. Es waren auch andere große Namen, die ihn vor gut 50 Jahren zum roten Parteibüchlein greifen ließen. Willy Brandt gehörte zweifelsohne dazu. Doch vor allem sei es doch das große Ganze, das Ordnungsbild und die Geschichte der SPD gewesen, die ihn überzeugt hätten. "Die SPD war immer Begleiter der Schwächeren", sagt er. Doch kann die Partei das heute noch bieten? Daran hat der 78-Jährige zwar seine Zweifel, sagt aber recht abgebrüht dazu: "Ich bin noch nicht ausgetreten." Zu viel Herzblut sei in den vergangenen Jahrzehnten in die Partei geflossen.

"Ein kerniger Typ"

Julian Wachter ist noch keine zehn Jahre Mitglied, mit 18 ist er eingetreten. "Ich war da auch familiär vorgeimpft", sagt der 26-Jährige aus Nordhalben. Ganz unabhängig davon sei die SPD inhaltlich klar die Partei seiner Wahl. "Hier steht nicht das Interesse eines Einzelnen im Mittelpunkt, die Partei trägt eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung." Was Brandt für Autolny war, könnte vielleicht Martin Schulz für ihn sein, überlegt er. Ja, Schulz, der hätte ihn begeistert. "Der war offensiv, ein kerniger Typ", sagt Wachter. "Von ihm hat man kaum verallgemeinerte Antworten bekommen."

Er spricht in der Vergangenheit, denn der sogenannte Schulz-Zug ist ja bekanntlich abgefahren, wenn nicht gar entgleist. "Es fehlt mir momentan an klaren Ansagen. Die Partei zensiert sich selbst." Kaum wird eine Aussage getroffen, rudere man schon wieder zurück. "Wir müssen wieder Standpunkte vertreten!"

Wie das geschehen soll, weiß Autolny: "Politik muss wieder so sein, dass auch die kleinen Leute sie verstehen." Als ehemaliger Gewerkschaftler brennt er natürlich für gerechte Arbeitspolitik. Missstände, durch deren Beseitigung sich seine Partei in Zukunft wieder einen Namen machen könnte, fallen ihm reichlich ein. Ein Beispiel - für ihn Unwort und untragbarer Umstand zugleich - ist die Beitragsbemessungsgrenze. Die Anhebung dieser hätte zur Folge gehabt, dass ein Besserverdiener prozentual weniger Pflegebeitrag leisten muss. Wer werde benachteiligt? Der kleine Mann. Ebenso kritisch seien zahllose Bemühungen, das immer größer werdende Wohnungsproblem zu lösen. Baukindergeld? "Da profitiert am Ende doch nur die Bauindustrie!"

Fehlendes Augenmaß

Auch Wachter fehlt hier das richtige Augenmaß. "Wer kann sich denn heute selbst mit durchschnittlich gutem Einkommen noch leisten, ein Haus zu bauen?", fragt er. Die SPD dürfe in diesem Zusammenhang nicht davor zurückschrecken, über Umverteilung zu sprechen, sagt Autolny. Ganz im Sinne von Kevin Kühnert? Der Kevin - wie er den Juso-Vorsitzenden nennt - sei ein Segen für die Partei. Er könnte als Antreiber für hitzige Diskussion sein, den Funktionären Kontra geben, sie anstacheln. Und so dafür sorgen, dass letztlich die inhaltliche Auseinandersetzung nicht nur am Kronacher Küchentisch, sondern auch auf großer Ebene stattfindet.

Dort ist man momentan noch damit beschäftigt, die jüngste Wahlschlappe aufzuarbeiten. Und sich auf bundespolitischer Ebene neu zu finden. Während manche nach Erneuerung in der Opposition rufen, klammern sich andere an die Macht in der Regierungsverantwortung.

Ideologische Gefechte

Doch das Grundproblem der SPD sitze weit tiefer und habe nicht erst mit der jüngsten Episode der GroKo begonnen, sagt Autolny. Während die SPD in den letzten 15 Jahren ideologische Gefechte ausgetragen habe, hat sich die soziale Markwirtschaft dem wachsenden Fortschritt gebeugt. "Das hat die SPD versäumt."

Wachter sieht das nicht ganz so negativ. Er will auch die Erfolge nicht unter den Tisch fallenlassen. Doch was sind die Erfolgsthemen, für die eine SPD im Jahr 2019 noch steht? Nach 150 Jahren sozialdemokratischer Geschichte ist vom Image der Arbeiterpartei wenig übrig geblieben. Das sagt zumindest eine Umfrage, die zuweilen der Union mehr Kompetenz in Arbeitsthemen zuschreiben.

Solidarische Gesellschaft, soziale Gerechtigkeit und Selbstbeteiligung - darauf lässt sich für Autolny die SPD herunterbrechen. Konkrete Erfolge hätte es sicher gegeben, Stichwort Mindestlohn. Auch jüngst die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung in der gesetzlichen Krankenversicherung könne man sich auf die Haben-Seite schreiben.

Für Wachter solle künftig ein weiteres Schlagwort dazu kommen: Sicherheit. "Das Thema ist zu kurz gekommen", sagt er. Das Problem liege unter anderem darin, dass innerhalb der Partei kein richtiger Konsens zustande komme. "Es werden nur verwässerte Konzepte vorgelegt." Um das zu ändern, soll sich die SPD gerade das Thema Migration zu Eigen machen. "Über Migration spricht keiner gerne", sagt er. Er wünscht sich eine harte Auseinandersetzung, will mit seiner Partei aber gleichzeitig einen gemäßigten Mittelweg in der Migrationsfrage liefern. Und Gesetze schaffen, die auch durchgesetzt werden.

"Migration ist kein Problem, das die SPD lösen wird", kommentiert Autolny und verweist auf die Vereinten Nationen. Dass die SPD zukünftig wieder wahrgenommen werde, müsse vor allem von der Basis ausgehen. Aus der müsse auch der neue Mann oder die neue Frau an der Spitze der Partei stammen. "Wir brauchen jemand, der weiß wie es sich anfühlt, wenn man Angst um seinen Arbeitsplatz hat", sagt Autolny. Es sei ein Problem, dass die SPD nur von "Studierten" geführt werde, sind sich beide einig. Momentan rücke einfach immer jemand anderes an die Stelle. Die gleichen Charaktere, denen stets die Lebenserfahrung fehle. "Schulz, Nahles, Beck, das sind schon Leute, die in diese Richtung gehen", sagt Autolny. Die seien allerdings von den Medien regelrecht niedergemacht worden.

Um inhaltlich wieder wahrgenommen zu werden, hat Wachter eine Lösung: "Schlagzeilen zählen!" Die SPD verkaufe oft starke Ideen und Konzepte zu schwach. "Wir müssen lernen, uns besser zu vermarkten."

Ursache der schwachen Konstitution der Partei liegt für Autolny auch in der Kommunikation zwischen Vorsitz und Basis. Selbst auf kommunaler Ebene habe man den Zugang verloren. Nicht nur SPD, jede Partei kämpfe mit der gesellschaftlichen Entwicklung. "Es wird immer schwerer, die Leute raus aus dem Wohnzimmer zu Versammlungen zu locken."

SPD als Kümmerer

Das läge sicher nicht daran, dass die Leute keine Sorgen haben. "Wir müssen wieder als Kümmerer-Partei wahrgenommen werden und Ansprechpartner für die Bürger sein." Indem man da anpacke, wo es akut ist. Nach der Loewe-Pleite seien das Arbeitsplätze. Doch auch Gesundheitsversorgung (Privatisierung der Klinik, Hausarztsituation) sei zentrales Thema.

Auch Wachter sieht im Hinblick auf den wirtschaftlichen Wandel eine Chance für die SPD. Die Arbeitsmarktsituation werde sich verschlechtern. "Wir müssen wieder zum Sprachrohr für Arbeiter werden und diese Themen in den Mittelpunkt rücken." Zudem gehöre sozialverträglicher Wohnungsbau zu den inhaltlichen Schwerpunkten auf kommunaler Ebene.

Trotz seines jungen Alters wirkt wie ein ewiger Optimist, wenn er sagt: "Wenn es wieder ums Eingemachte geht, wird die SPD erstarken."