"So ein Filmriss, so ein Blackout ist mir noch nie passiert", sagte ein 32-jähriger Kronacher vor der Ersten großen Strafkammer aus. "Ich habe ein massives Alkoholproblem", gab er zu. Seit er volljährig ist, trinkt der Mann, der als Kind misshandelt worden und dessen Schulzeit ein Martyrium gewesen sei.

Er sprach von Trinkperioden, in denen sich sein Promillestand bei 3,5 bis 4 pro Tag eingependelt habe: "Ich trinke, damit ich meine Sorgen und Nöte vergesse." Immer wieder wurde der Mann, der zeitweise obdachlos war und Hartz IV bezog, kriminell, jedoch nie gravierend. Er beleidigte, stahl und beging Hausfriedensbruch. Dafür wurde er auch verurteilt. "Das alles war Larifari", sagte er.

Der Vorsitzende Richter am Landgericht, Gerhard Amend, stimmte zu: "Das sind alles Peanuts im Vergleich zu dem, was sonst bei uns so herum sitzt."

Am 16. Dezember 2013 eskalierte die Situation: Der Kronacher, der schon einige Entzüge und Aufenthalte in diversen Krankenhäusern hinter sich hatte, verließ an diesem Tag bereits um sechs Uhr morgens das Klinikum in Kutzenberg, in dem er sechs Wochen verbrachte.

Zwei Flaschen Schnaps inn zehn Minuten geleert

"Ich hatte einen erheblichen Suchtdruck", schilderte er dem Gericht. Deshalb habe er sich zu Fuß nach Ebensfeld aufgemacht, wo er in einem Supermarkt zwei Flaschen Schnaps gekauft habe. Die trank er innerhalb von zehn Minuten leer, wie er erklärt. Anschließend suchte er das Landratsamt in Kronach auf.

Eine Mitarbeiterin, die dem Angeklagten die Sozialhilfe auszahlte, erinnerte sich: "Der Pförtner meldete eine lautstarke und aggressive Person an." Die Behörde hätte sich erst einmal um eine Übernachtungsmöglichkeit für den Obdachlosen gekümmert und ihm dann lediglich 20 Euro ausbezahlt. "Wir hielten es für verantwortungslos, ihm mehr zu geben."

An diese Begebenheit kann sich der 32-Jährige noch erinnern. "Danach allerdings war mein Kopf scheinbar ausgeschaltet", sagte er, "ich weiß nur noch, dass ich im Haftraum aufgewacht bin."

Was zwischenzeitlich geschah, schilderten Zeugen: Einer 80-jährigen Frau habe er am Bahnhof in Kronach einen Stoß versetzt und beide Einkaufstaschen entreißen wollen. Nur weil die alte Dame diese beharrlich festhielt, ein Passant und zwei junge Mädchen zu Hilfe eilten, konnte der Angeklagte die Tat nicht ausführen.

In Zahnarztpraxis randaliert

Die Rentnerin habe sich nach dem Schrecken erst einmal in den Bahnhof gesetzt, gezittert und bitterlich geweint. "Ich wache nachts mit Herzklopfen auf und sehe sein Gesicht", erzählte sie, "er hatte so böse Augen." Während sie berichtete, schlug der Angeklagte die Hände vor die Augen. "Es tut mir sehr, sehr leid", entschuldigte er sich anschließend bei ihr.

Eine Zahnarzthelferin erfuhr von ihren Kollegen, dass der Angeklagte kurz zuvor auch in ihrer Praxis randaliert habe. Sie beobachtete, wie der Kronacher im Bahnhof erst die Verkäuferinnen beschimpfte und anschließend die Rentnerin angriff. "Er war erheblich alkoholisiert", bestätigte sie. Als nicht vernehmungsfähig bezeichnete ein Polizist den 32-Jährigen. Zum Tatzeitpunkt habe dessen Blutalkoholwert bei 2,9 Promille gelegen.

Mit dem Trinken will der Angeklagte allerdings nicht aufhören. Vom Gericht befragt, wollte der Mann, der unter freiwilliger Betreuung steht, eine Bewährungsstrafe nicht akzeptieren, ebenso wenig wie die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. "Ich werde nicht mehr ohne Alkohol leben können", betonte er, auch wenn er momentan - bedingt durch die lange Untersuchungshaft von 8,5 Monaten - "trocken" sei.

Er bat das Gericht um eine letzte Chance: Er habe die Zusage für eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe in Nürnberg, in der er einer geregelten Beschäftigung nachgehen könne. Dort werde sein Alkoholkonsum bis zu einem gewissen Grad toleriert.

"Er ist ein erfahrener Trinker"

Der Leiter der Psychiatrie der JVA-Würzburg, Anatoli Abramovic, bescheinigte dem Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung. "Er ist ein erfahrener Trinker", sagte er, dessen Sucht zu seinem Alltag gehöre und nicht mehr von seiner Person zu trennen sei.
Er riet zu einer geschützten Umgebung und einem strukturierten Alltag. Die Kombination von Medikamenten, die in der Klinik verabreicht worden seien, und dem erheblichen Alkoholkonsum hätten schlussendlich zu der Tat und wohl auch zu der Amnesie geführt, folgerte der Gutachter.

Das Gericht verurteilte den Kronacher zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und blieb damit ein halbes Jahr unter dem von Staatsanwältin Michaela Heublein geforderten Strafmaß.