Einmal mehr herrscht Chaos beim 1. FC Nürnberg. Mit Michael Wiesinger und Co-Trainer Marek Mintal leitet bereits das dritte Trainergespann die Geschicke des Clubs in dieser katastrophalen Saison. Zum zweiten Mal nach 1996 droht der Absturz in die Drittklassigkeit.

Einmal mehr steht der FCN vor einem Neuanfang. Im Sommer muss voraussichtlich wieder ein neuer Trainer gefunden werden. Wiesinger will nach den beiden Relegationsspielen ins Nachwuchsleistungszentrum zurückkehren. Die Zukunft von Sportvorstand Robert Palikuca ist fraglich. Mit Damir Canadi und Jens Keller griff er auf der Trainerposition innerhalb eines Jahres gleich zweimal daneben. Dazu wird er von vielen Seiten für die Zusammenstellung des Kaders kritisiert. Lauter wird auch der Ruf nach einer Strukturreform im Verein.

Und einmal mehr strapaziert der einst so ruhmreiche Club die Nerven seiner Fans. Schon zum vierten Mal seit der Wiedereinführung 2008/09 entscheidet sich das Schicksal des Clubs in der Relegation. Diesmal müssen alle Anhänger zu Hause vor dem Fernseher zittern, statt die Mannschaft im Stadion anzufeuern. Mit einigen von ihnen hat diese Zeitung über die prekäre Situation und die möglichen Folgen eines Abstiegs gesprochen.

Fehler in der Vereinsführung

Michael Pöhnlein ist überzeugt, dass Wiesinger und Mintal den Club vor dem Abstieg retten können. "denn sie sind Clubberer von Herzen", sagt der 45-Jährige. Der Vorsitzende der "Clubfans Frankenwald Nordhalben" (Kreis Kronach) hätte sich den Trainerwechsel aber schon eher gewünscht.

Die Fehler in dieser Saison sieht der Dauerkarteninhaber eher "ganz oben". "In der Führung gehört ein Rundumschlag gemacht", fordert er. "Da wird immer viel zu lange zugeschaut, bis alles den Bach runtergeht. Aber es kommt von oben immer noch keine Reaktion, außer jetzt die Trainerentlassung."

Zu Beginn sei er von Palikuca noch überzeugt gewesen. "Wir haben eigentlich gute Spieler gekauft. Von den Namen her, denkt man: da kann man nicht viel falsch machen. Aber da ist man eines Besseren belehrt worden. Warum es nicht funktioniert hat - keine Ahnung. Es ist schwierig zu sagen, ob es nur am Sportvorstand allein liegt oder ob man da eine Stufe höher muss."

Im FCN-Fanclub in Scheßlitz (Kreis Bamberg) ist die Stimmung sehr getrübt, wie Vorsitzender Erhard Goppert berichtet. Viele Mitglieder sind Dauerkartenbesitzer, auch Goppert. Ein möglicher Abstieg würde daran nichts ändern. "Für uns ist der Club eben eine Herzensangelegenheit", sagt er. "Da spielt die Liga keine Rolle."

Für die anstehende Relegation hat Goppert eine klare Forderung: "Die Mannschaft soll sich noch einmal zusammenreißen." Die Entlassung von Jens Keller hielt er für den richtigen Schritt, auch wenn Goppert von der Doppellösung Wiesinger/Mintal nicht komplett überzeugt ist. "Ich weiß nicht, ob sie der Mannschaft helfen können, aber es war wohl die naheliegendste Lösung."

An eine mögliche Saison in der 3. Liga denkt Goppert nur ungern. "Das wäre verheerend." Besonders die finanziellen Einbußen wären extrem. Der direkte Wiederaufstieg sei da fast schon Pflicht, denn sonst könnte dem Club ein ähnliches Szenario drohen wie Kaiserslautern und 1860 München. "Die beiden Vereine sollten eine Warnung sein", sagt Goppert. "Aber eine Aufstiegsgarantie gibt es nicht."

Beim 1.FCN-Fanclub Thurnau-Kasendorf im Landkreis Kulmbach geht die Angst um. "Ein Abstieg in die 3. Liga wäre für einen Traditionsverein wie Nürnberg der Wahnsinn", sagt der Vorsitzende Joachim Heller. Die Fehler für die schwache Saison sieht Heller nicht nur beim Trainer. "Bei der Einkaufspolitik wurden viele Fehler gemacht", beklagt er. "Lediglich Robin Hack war ein Glücksgriff." Einem Großteil der Mannschaft wirft Heller eine mangelnde Einstellung vor. "Manche nehmen nur ihr Geld und sind nicht mit Herzblut dabei." Verstehen kann Heller so ein Verhalten nicht. "Die Spieler wollen ja auch ihren Marktwert steigern und ein Abstieg wäre für das Image nicht förderlich." Dass es das Duo Wiesinger/Mintal nun richten soll, kann Heller nachvollziehen. "Beide haben genug Einblick", sagt er. "Aber am Ende muss es sowieso die Mannschaft richten."

Haben die Fans gefehlt?

Diana Wohlhöfner glaubt zwar nicht, dass der Trainerwechsel einen großen Unterschied macht, "aber der Verein musste irgendwie reagieren. Vielleicht bewirkt der Wechsel einen Aufschwung und zusätzliche Motivation." Daran habe es laut der Schriftführerin der "Clubfreunde Burk" aus dem Landkreis Forchheim am meisten gemangelt. Vor allem nach der Corona-Pause. Die 25-Jährige spekuliert: "Vielleicht haben dem Club die Zuschauer bei Heimspielen mehr gefehlt als anderen Teams. Vielleicht hat der Verein ein bisschen auf einen Saisonabbruch spekuliert und deswegen zu lange weggeschaut."

Im Fall eines Abstiegs würde sie - nach Corona - zwar weiterhin ins Max-Morlock-Stadion gehen, allerdings müsste sie erst die für sie unbekannten Spieltermine der 3. Liga checken. Außerdem stellt sich die einzige Frau im Vorstand des 281 Mitglieder starken Fanclubs die Fragen: "Werden im Stadion einzelne Blöcke abgesperrt, damit die Stimmung erhalten bleibt? Wird überhaupt ein Spieler der jetzigen Mannschaft übrigbleiben?"