Es gibt kaum ein Kunstprojekt in Kronach, das Ingo Cesaro nicht organisiert. Der 75-Jährige ist einer der bedeutendsten Kulturschaffenden der Region und weit darüber hinaus bekannt. Mit unserer Redaktion traf er sich vor der Festung, wo die Ergebnisse seiner "HolzART" zu sehen sind.

Herr Cesaro, von der Festung aus hat man einen tollen Blick über Kronach. Sind Sie öfter hier oben und hat der Ort eine besondere Bedeutung für Sie?
Ingo Cesaro: Ich bin öfter hier, zum Beispiel wenn ich mich mit Interessenten der Werke der "HolzART" treffe. Die Festung ist wie viele andere ein Ort, an dem mir Reizworte einfallen.

Welche Rolle spielt Kronach für Ihr künstlerisches Schaffen?
Frankfurt am Main ist meine literarische Heimat, Kronach meine geographische, in die ich nach meinen vielen Reisen immer wieder gerne zurückkomme. Wenn man vorher in Großstädten war, schätzt man die Natur hier und mag es, mal nicht im Stau zu stehen.

Wie bewerten Sie die Kunstszene in Kronach?
Ich habe einiges über die Jahre hinweg organisiert und es tut sich wirklich eine ganze Menge. Heruntergerechnet auf die Einwohnerzahl müssen wir uns vor Städten wie München nicht verstecken.

War das schon immer so?
Als ich 1975 nach Kronach zurückkam, gab es in der Region fast nur Mundartautoren. Ich habe mit meinen Ausstellungen und Autorenlesungen dazu beigetragen, dass sich ein künstlerisches Umfeld entwickelt hat. Zündfunke waren sicherlich die Besuche und Lesungen von Günter Grass in Kronach 1976 und 2003.

Stichwort Günter Grass: Wie beschreiben Sie Ihr Verhältnis zum Literatur-Nobelpreisträger?

Viele sagen, ich sei ein Freund von ihm gewesen. Ich weiß nicht, ob Freund der richtige Begriff ist. Aber seit unserem ersten Treffen auf der Frankfurter Buchmesse 1964 hatten wir ein sehr enges Verhältnis und es gab keine Buchmesse mehr ohne ein mindestens einstündiges Gespräch. Wann immer er mich sah, hat er mich herbeigerufen. Und auch privat war ich bei ihm eingeladen, zum Beispiel zu seinem 80. Geburtstag.

Ein wenig hört man heraus, dass Sie sich damit gar nicht so sehr schmücken wollen.
Ich bin froh um jede Gesprächsminute, die ich mit Günter Grass hatte, will aber andere wichtige Wegbegleiter wie zum Beispiel Christoph Meckel nicht vergessen. Und ich bin auch ein Förderer lokaler und junger Künstler. So habe ich beispielsweise die Bildhauerin Judith Franke aus Wurzbach immer unterstützt. Oder die iranische Künstlerin Leila, die bereits drei Mal in Kronach und zwei Mal in Mitwitz ausgestellt hat und momentan in Hof ihre Werke zeigt.

Neben dem Unterstützen ist Ihnen auch das Vermitteln wichtig. Vor allem der Buchdruck mit beweglichen Lettern. Sie haben eine umfangreiche Druckwerkstatt. Erzählen Sie uns davon.
Ich wollte in die Welt von Johannes Guttenberg eintauchen und habe über die Jahre viele Utensilien gekauft beziehungsweise geschenkt bekommen - unter anderem die einzige mobile Handpresse im deutschsprachigen Raum. Damit bin ich an Schulen und Universitäten im In- und Ausland unterwegs. In der "Schreibwerkstatt" werden zunächst Gedichte verfasst und anschließend vor Ort gesetzt und gedruckt.

Sie sind 74 Jahre alt. Wenn Sie über Ihre Projekte sprechen, merkt man Ihnen Ihr Alter aber nicht an. Hält künstlerische Tätigkeit jung?
Anscheinend. Ich will ja auch immer weniger machen. Aber es wird im Grunde immer mehr, die Einladungen häufen sich. Aber meine Familie unterstützt mich dabei voll. Das ist eine große Hilfe.

Sie waren 27 Jahre alt, als sich 1968 die junge Generation in Deutschland gegen das Establishment auflehnte. Sie auch?
Ja, ich bin ein alter 68er, das war damals in Frankfurt eine heiße Zeit.

Spiegelt sich diese Vergangenheit auch in Ihren künstlerischen Werken?
Ich war immer ein linker Intellektueller und verstand mich immer als politischer Künstler.

Wann hat sich das besonders deutlich gezeigt?

Da gibt es unzählige Projekte. Zum Beispiel fällt mir die Aktion "Farbe bekennen" ein, anlässlich derer wir zweimal im Rahmen des Bündnisses für Demokratie und Toleranz mit 3000 Plakaten in Berlin auf uns aufmerksam machten.

Mit der Bitte um eine spontane Antwort: Nennen Sie zwei Ereignisse oder Personen, die für Sie Inspiration waren?
Spontan fällt mir die Reaktorkatastrophe Tschernobyl 1986 ein. In der ukrainischen Übersetzung heißt Tschernobyl passend "Wermutsstern", der laut der Johannes-Offenbarung "vom Himmel fiel und brannte wie eine Fackel". Man hätte es nicht passender formulieren können.

Welche Person hat sie inspiriert?

Auch hier fällt mir eine hochpolitische Situation ein. Ich habe großen Respekt vor dem tschechischen Studenten Jan Palach, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1969 auf dem Wenzelsplatz in Prag selbst verbrannt hat. Ein Ereignis, das mir auch heute noch den Rücken runter geht und über das ich einen Gedichtszyklus geschrieben habe.

Zurück in die Gegenwart: Welche Projekte stehen an?
Ich werde ich im Oktober wieder auf der Frankfurter Buchmesse sein. Ich habe seit 1960 keine einzige versäumt. Generell bin ich von September bis November jedes Wochenende unterwegs. Es gibt einige Projekte zu organisieren. Und auch die Kontaktpflege ist eminent wichtig.

Wer Sie länger kennt, wird sich fragen, warum Sie Ihre Haare nicht mehr offen tragen. Hat das einen besonderen Grund?
Seit zwei Jahren trage ich die Haare gebündelt, weil sie beim Setzen und Drucken herunter hingen. Die langen Haare bleiben aber ein Teil von mir und sind ein Markenzeichen. Mir fällt kein Grund ein, das zu ändern.

Sie haben eine Vorliebe für schwarze Klamotten, die Sie auch bei Sonnenschein tragen. Warum?
Ich habe mich früher viel für Existentialismus, Sartre und Co. interessiert. Den einen wirklichen Grund für meine Vorliebe für schwarze Klamotten gibt es aber nicht. Mittlerweile kenne ich es aber nicht mehr anders und könnte mich auch nicht so einfach umstellen. Im Schrank findet sich keine andere Farbe.

Das Gespräch führte
Andreas Schmitt
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Zur Person Ingo Cesaro



Heimatstadt Der Autor und Kunstvermittler wurde am 4. April 1941 in Kronach geboren, wohin er nach 15 Jahren in Frankfurt/Main 1975 wieder zurückkam. Er lebt heute mit seiner ebenfalls schriftstellerisch tätigen Frau am Kreuzberg und ist fester Bestandteil des kulturellen Lebens Kronachs.

Berufsleben Nach der Lehre zum Industriekaufmann zog Cesaro 1960 nach Frankfurt/Main, wo er u.a. als Manager arbeitete und Betriebswirtschaft studierte. Ab 1975 war er in Kronach Verwaltungsleiter und Geschäftsführer tätig. Seit 1989 ist er freier Autor und Kunstvermittler.

Werke Die Liste ist nahezu unendlich lang. Cesaro veröffentlichte ab 1962 Lyrik, Prosa, Hörspiele und Theaterstücke, die in Zeitungen, Zeitschriften und im Funk sowie in über 400 Anthologien und Sammelbänden erschienen. Seit 1975 kamen über 200 Einzelveröffentlichungen heraus - u.a. Dreizeiler (Haiku), Kinderbücher und Gedichte.

Szene Cesaro pflegt ein umfangreiches Netzwerk. Er organisierte Lesungen mit u.a. Martin Walser, Günter Grass, Reiner Kunze, Christoph Meckel, Sarah Kirsch, Wolfgang Bächler, Walter Kempowski, Brigitte Kronauer, Joachim Seyppel, Herbert Heckmann.

Patenschaften Cesaro ist in vielfältigste Projekte involviert. Einige Beispiele: An der Berufsfachschule für Krankenpflege organisiert er die Literaturwerkstatt "Mit Literatur über den Berg". Außerdem initiierte er den "Poesie-Baum", der vor der Helios-Frankenwaldklinik steht. Zusätzlich ist Cesaro Stiftungsrat der Bürgerstiftung "Historisches Kronach", stellvertretender Cranach-Beauftragter der Stadt, Vorsitzender des Vereins "Regionale Kunstförderung Kronach" und im Aktionskreis "Kronacher Synagoge" aktiv. Außerdem ist er Mitbegründer des "Kronacher Sommers" und in der Auswahlkommission "Kreiskulturring". asch