Volksglaube und Brauchtum verknüpfen sich einerseits mit der "Hohen Zeit" des kirchlichen Festjahres und den "Hoch-Zeiten" des menschlichen Lebens und regeln es von der Geburt bis zum Tod. Andererseits stehen Volksglaube und Brauchtum im engen Zusammenhang mit dem Verlauf des Kalenderjahres und bestimmen an allen seinen Festpunkten das Leben der Menschen.
Die Hochzeit, allgemein als Höhepunkt des Lebens betrachtet, nahm früher den breitesten Raum im Volksglauben und Brauchtum des Frankenwaldes ein. Der Bericht ist daher in drei Teilabschnitte gegliedert: Stolpersteine auf dem Weg ins Eheglück - Der große Showdown mit dem Kammerwagen - Einmal kommt der Tag, an dem man Hochzeit macht im Frankenwald.


Stolpersteine

Die Einwilligung des Brautvaters ist per Handschlag erforderlich. Der Pfarrer wird das Auf-gebot von der Kanzel herab verkünden. Die Aufgebotsverkündigung muss von der Kirchen-gemeinde abgesegnet werden.
Wenn Kindheit, Schule und Ausbildung mit allen Höhen und Tiefen glücklich überstanden und das heiratsfähige Alter erreicht ist, deckt man am Pfingstfest im Frankenwald die heimliche Liaison durch eine "Kalkmilchstreu" auf. Das heißt, von einem Haus zum anderen der beiden Verbandelten führt eine Kalkstraße, die dann jeweils mit einem großen "Pfladscher" endet.
Heute findet man - zum Leidwesen der nun verratenen Liebe und zur Schadenfreude der anderen - diese Kalkstraße immer noch hie und da im Frankenwald. Manchmal wiederholt sich dieser Brauch am Polterabend, also einen Tag vor der Vermählung.
Bevor jedoch das junge Paar schließlich Hochzeit feiern kann, muss der Bursche um seine Braut werben. Im Frankenwald nannte man es früher "das Fragen", auf gut Deutsch "es Froung".


Um die Hand bitten

Die Brautwerbung bestand also ganz einfach aus einer Bitte an die Eltern, die Tochter als Ehefrau zu geben. Die Zusage gab der Brautvater mit einem Handschlag. Von da an galten die Brautleute als verlobt.
Eine Feier zu diesem Anlass war damals nicht üblich. Auch einen Verlobungsring kannte man demnach nicht.
Sogar der Ehering fehlte früher sehr oft bei Handwerkern und Bauern, demzufolge wiederum der Ringwechsel bei der Trauung. Dieses Brauchtum der Brautwerbung, bei der "a Fraa ausgemacht werd", ist heute selbst bei den ausgebichtesten Frankenwaldbauern kaum mehr vorstellbar.
Bauern heiraten selten im Sommer. Da sind die Tage und Wochen ausgefüllt mit harter Arbeit auf Feld und Wiese. Das Wetter beherrscht die Frankenwaldbewohner in der Erntezeit. Denn ein einziger versäumter Tag kann materiellen Schaden bedeuten.
Diesen Überlegungen zufolge feiert man Hochzeit vorrangig in den Jahreszeiten, in denen keine Feldbestellung ruft und wiederum nur bei zunehmendem Mond. Sind sich die Brautleute im Termin einig, wird das Aufgebot bestellt.


"Ewiges Brautpaar"

Früher, als die Heirat in der Kirche rechtskräftig wurde, war ein vorheriges dreimaliges Abkündigen von der Kanzel notwendig. Jedes Mal konnten die Gemeindemitglieder ihren Einspruch geltend machen. Im oberen Rodachtal erzählt man von einem "ewigen Brautpaar", das diese Hürde nie nehmen konnte. Beim Aufgebotsverkündigen fehlt natürlich auch nicht der Aberglaube. Wenn sich nämlich der Pfarrer dabei verhaspelt, so soll es nichts Gutes für die Ehe bedeuten.


Sonntag war Hochzeitstag

Geheiratet wurde früher nach altem Volksglauben nur an Sonntagen. Heute hat sich der Hochzeitstag auf den Samstag verschoben.
So kann man den folgenden Sonntag zum Ausschlafen nutzen. Nur dem Brautpaar ist das versagt, denn nach alter Sitte besucht am ersten Sonntag nach der Trauung das nun verheiratete Paar den ersten gemeinsamen Gottesdienst.
Doch bevor die Hochzeit stattfinden kann, gibt es noch mancherlei zu bedenken. Gerade heute nimmt das Kuchenbacken einen immer größeren Raum ein. Das Backen von Kuchen sah man früher als "propädeutisch" für die Ehe an. Ist der Kuchen gut geraten, gerät auch die Ehe gut.
Bräunt er dagegen schlecht, so stirbt bald einer der Eheleute. Heute kommen die Kuchen und Torten, die klassischen Streubela und Blöchla, die früher zu einer Hochzeit gehörten wie das Amen in der Kirche, meistens vom Bäcker.
Das fertige Gebäck wird an Nachbarn, Verwandte und Freunde verteilt und mit dem heutigen Wohlstand häufen sich die Geschenke.


Ohne Kammerwagen

Fast nichts fehlt mehr von den zu einem Haushalt notwendigen Dingen. In diesem materiellen Sinn ist der gute alte Brauch des Kammerwagenfahrens nahezu erloschen.
Was es mit dem Kammer- bzw. Truhenwagen auf sich hat, ist eine für unsere Zeit recht merkwürdige und abenteuerliche Geschichte. Bleiben Sie dran!