Wer heute von Stockheims Vergangenheit spricht, denkt automatisch an den Steinkohlebergbau, der im Haßlachtal an die 400 Jahre tausenden Menschen Arbeit und Brot gab. Dass sich jedoch in der Gemeinde vor 140 Jahren eine bedeutsame Glasindustrie ansiedelte, scheint heute kaum mehr für möglich gehalten zu werden.
Über fünf Jahrzehnte, von 1877 bis 1930, fanden in der einzigen bayerischen Champagnerflaschenfabrik, der Firma Gebr. Sigwart & Möhrle, bis zu 400 Frankenwäldler Beschäftigung, und dies bei sehr guter Bezahlung. Schließlich sorgten die Glasmacher aus Buhlbach im Schwarzwald für einen enormen Aufschwung. Innerhalb von 20 Jahren wuchs Stockheims Einwohnerzahl um 500 Bürger.

Es war im Jahr 1877, als per Bahn eine größere Gruppe risikobereiter Menschen anreiste. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei den Ankommenden um Glasbläser aus dem Schwarzwald handelte, die sich eine neue Existenz in Stockheim schaffen wollten.


Verständigung war schwierig

Zunächst bestanden Verständigungsschwierigkeiten, denn der Frankenwalddialekt und das Schwäbische sind doch sehr unterschiedlich. Und es tauchten völlig neue Namen auf: Möhrle, Sigwart, Böhringer, Feist, Fritz, Luckscheiter, Klumpp, Rittmann, Finkbeiner, Schmitt, Grobeis, Morlock, Nickol, Moser, Lamparter, Wetzel und wie sie alle hießen. Und aus dem Böhmischen kamen später Spachtholz, Artmann, Lutz, Batsch, Weinfurter, Löffelmann und Nestle hinzu.

Die Invasion aus dem Schwarzwald - Stockheim wurde über Nacht um etwa 60 Neubürger reicher - sorgte zunächst für Schwierigkeiten, denn die Gäste wollten untergebracht werden. Und ausreichender Wohnraum war damals sehr rar. Ein vorübergehendes Domizil fanden sie unter anderem im Schloss, beim Schmied Wachter, im Wagnershaus unterhalb des Gasthofes Schwalb sowie im Gasthaus zur Eisenbahn.

Durch Können und Einsatzbereitschaft entwickelte sich eine Vorzeigeglashütte mit glänzenden Zukunftsaussichten. 1885 und 1886 gelang dann der große Durchbruch: In der Nähe des Bahnhofs - 1863 erbaut - entstand eine hochmoderne Champagnerflaschenfabrik.

Zwei weitere Fabrikationsanlagen sollten wenig später folgen. Zum 25-jährigen Firmenbestehen schrieb der "Fränkische Wald": "Mit dem vor einigen Jahren erbauten dritten Glasofen (1899) haben es die Begründer obiger Firma verstanden, ihre Fabrik zu einer der angesehensten und leistungsfähigsten auf dem Gebiet der Champagnerflaschen-Branche als Spezialität zu gestalten. Ganz im Stillen hat sich die Glasfabrik Stockheim zu dieser Höhe emporgeschwungen."

Die Investition scheint sich gelohnt zu haben, denn nun setzte ein bemerkenswerter Bauboom ein. Innerhalb weniger Jahre entstand das "Untere Dorf". Bereits 1888 wurde das erste Arbeiterwohnhaus gebaut und bis 1900 werden weitere vier Gebäude für Angestellte und Arbeiter errichtet. Über vierzig Familien fanden dort eine Bleibe. Ab 1889 entstanden an der Hauptstraße - und zwar in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs - bis 1902 vier prächtige Herrenhäuser im Jugendstil.


Zweigwerk in Homburg

Mit nationalen und internationalen Auszeichnungen bedacht, konnte ein attraktiver Absatzmarkt erschlossen werden. Bei der Weltausstellung 1889 in Paris zeigten die Glasmacher aus Stockheim Präsenz und warben mit der Champagner-Magnumflasche (90 Zentimeter Höhe) und dem Sektkelch (65 Zentimeter Höhe) für sich.
Rund um die Uhr arbeiteten an den drei Wannenöfen - der letzte wurde 1899 von Ingenieur Robert Dralle nach dem modernen Siemens-Regenerativsystem erbaut- bis zu 400 Beschäftigte. In drei Schichten produzierten Glasmacher an jeweils 16 Werkstätten vor allem Champagnerflaschen. Die mundgeblasenen Produkte fanden überall ihre Abnehmer, so unter anderem auch in Belgien, Frankreich und Spanien. Mit dem Zweigwerk in Homburg im Saarland ab 1911 schaffte man sich ein weiteres wirtschaftliches Standbein in unmittelbarer Nähe der Absatzmärkte. Die Niederlassung an der Saar - verstärkt durch 80 Stockheimer Spezialisten - kam in Spitzenzeiten auf bis zu 500 Beschäftigte.
Doch der Erste Weltkrieg sowie die Inflation von 1923 bremsten den Höhenflug. Hinzu kam die technologische Weiterentwicklung. Aus Amerika kommend, lösten nach 1911 Halbautomaten Zug um Zug das klassische Mundblasen ab. Ein völlig neues Herstellungsverfahren hielt Einzug in den Glashütten. Mit der Weltwirtschaftskrise - der "Schwarze Freitag" am 24. Oktober 1929 an der New Yorker Börse ging in die Geschichte ein - folgte der Todesstoß.

Nun stockte der Absatz gewaltig. Die Firmenbosse, die in jener schwierigen Zeit nicht den Mut zu neuen Investitionen aufgebracht hatten, gaben den Standort Stockheim trotz einer optimalen Verkehrsanbindung im Februar 1930 auf. Ein Jahr später schloss auch das Zweigwerk in Homburg. Von der Stilllegung waren in Stockheim 225 Arbeiter und acht Angestellte betroffen.


"Alles Leben erstorben"

Ende 1930 zog der "Fränkische Wald" eine Schreckensbilanz: "Die Sektflaschenfabrik in Stockheim, ein gut fundierter Betrieb mit einigen hundert Arbeitern, ist seit einigen Monaten wegen Absatzmangel stillgelegt ... Dies ist für die Gegend umso schmerzlicher, als sie vorher schon durch die Einstellung der Bergwerke Stockheim und Reitsch und einer Puppenfabrik stark betroffen wurde. In dieser Gegend ist alles geschäftliche Leben erstorben."

Und in der Tat: Die vom Bergbau und der Glasherstellung geprägte Gemeinde stand praktisch für Jahre ohne jegliche Industrie da. Das plötzliche Ende traf die Menschen hart, sehr hart. Denn zur damaligen Zeit gab es noch keinen betrieblichen Sozialplan, keine ausreichende staatliche Absicherung. Viele Menschen waren über Nacht gezwungen, ihrer Heimat für immer den Rücken zu kehren, um in der Fremde Beschäftigung zu finden.

Nach der Schließung der Glasfabrik dämmerten die Werksanlagen noch Jahre vor sich hin. Erst 1936 begann die Demontage. Millionenwerte wurden vernichtet, Illusionen einer heilen Welt zerstört. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine industrielle Epoche mit all ihren Höhen und Tiefen.