Die Nachricht hat am späten Dienstag Nachmittag die gesamte Region schockiert: Fast der komplette Produktionszweig, dazu Teile der Verwaltung, insgesamt 500 Stellen - das alles soll es in absehbarer Zeit am Fehrer-Standort Kitzingen nicht mehr geben?

Über Nacht hat sich die Schockstarre in helle Aufregung verwandelt. Im Rathaus, im Landratsamt, beim Betriebsratsvorsitzenden Holger Lenz, überall stehen die Telefone kaum mehr still, kommen An- und Nachfragen aus allen Bereichen. "Hier sind alle am Rotieren", erklärt Lenz atemlos.

Und auch bei Oberbürgermeister Siegfried Müller ist zunächst einmal besetzt. Als er am Apparat erklärt, dass er Dienstagabend um 17.30 Uhr den ersten, wenig erfreulichen Anruf von Geschäftsführer Dr. Bernd Welzel erhalten hat, klingt er ziemlich niedergeschlagen. "Das ist ein Schock, den man erst einmal verdauen muss", erklärt er. In den nächsten Tagen wolle er Gespräche mit dem Personalrat führen. "Wir wollen gemeinsam dafür kämpfen, dass die Einschnitte nicht in diesem Maß durchgesetzt werden, wie sie geplant sind", sagt der Oberbürgermeister - wohlwissend, dass die Entscheidung nicht wirklich in seiner Macht liegt. Aber: "Wir wollen zeigen, dass die Kommunalpolitik den Betroffenen zur Seite steht."

Weitere Schritte besprechen

Auch Landrätin Tamara Bischof ist "bestürzt". "Das ist ein bitterer Schlag für Kitzingen und die gesamte Region", erklärt sie per Pressemitteilung. "Die Streichung der Stellen werde ich (...) nicht kampflos akzeptieren!" Als ersten Schritt wolle sie am Gründonnerstag Gespräche mit Oberbürgermeister Müller, Vertretern der Agentur für Arbeit, der Gewerkschaft und des Betriebsrates führen, um gemeinsam die weiteren Schritte zur Erhaltung des Standortes festzusetzen. "Wir werden mit vereinten Kräften alles daran setzen, die angekündigte Stellenstreichung zu verhindern", zeigt sich die Landrätin kämpferisch. "Unser oberstes Ziel ist es, den Produktionsstandort in Kitzingen zu erhalten und damit auch die insgesamt 500 Arbeitsplätze." Die Folgen eines möglichen Abbaus seien derzeit "in ihrem ganzen Ausmaß" noch gar nicht abzusehen.

Gefahr für den Arbeitsmarkt

Sollte es bei der Entscheidung bleiben, wären sie vor allem auch für den Arbeitsmarkt weitreichend. Wolfgang Albert, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Würzburg, schreibt in seiner Stellungnahme: "Sollten die Kündigungen in dem geplanten Umfang realisiert werden, wird das nicht ohne Folgen für den regionalen Arbeitsmarkt bleiben." Es gelte daher, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um für so viele Betroffene wie möglich den Eintritt in die Arbeitslosigkeit zu vermeiden.

"Von der beabsichtigten Stilllegung der Produktion in Kitzingen und den damit verbundenen Kündigungen wurde die Arbeitsverwaltung genauso kalt erwischt wie die betroffenen Arbeitnehmer und die Öffentlichkeit", so Albert. "Im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten wird sich die Arbeitsverwaltung aktiv in künftige Gespräche mit allen Beteiligten einbringen, um die negativen Folgen für die betroffen Arbeitnehmer bestmöglich abzufedern." Eine rechtzeitige Arbeitsvermittlung oder auch Qualifizierungsanpassungen könnten hier ein wirksames Instrument sein.

Politik muss eingreifen

Daran wollen die Mitarbeiter derzeit wohl noch nicht denken - genau so wenig wie Oberbürgermeister Müller und Landrätin Bischof. Sie versprechen, sich auch auf höherer, politischer Ebene für die Kitzinger Fehrerianer stark zu machen. "Es wäre äußerst wichtig für Kitzingen, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben" - schließlich sei die Stadt ohnehin schon genug gebeutelt von den Folgen der Konversion. Er setze darauf, dass von der Landes- und Bundespolitik Unterstützung angeboten werde. "Uns wurde schon so oft Hilfe versprochen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um den Worten auch Taten folgen zu lassen."

Landrätin Tamara Bischof hätte sogar schon eine Idee, wie diese Hilfen aussehen könnten - auch in der Zukunft. "Das drohende Schicksal der Fehrer-Mitarbeiter zeigt, dass die Politik endlich regulierend auf die Automobilindustrie eingreifen muss. Es kann nicht sein, dass sie auf der einen Seite in diesem Jahr Rekordprämien von bis zu 8000 Euro an Mitarbeiter zahlt und auf der anderen Seite die Automobilzulieferer immer weiter im Preis drückt." Wie auch beim international agierenden Unternehmen Fehrer müsse die Produktion dann ins billigere Ausland verlagert werden, um wettbewerbsfähig bleiben zu können. "Und das Paradoxe: gerade diese Automobilhersteller werben mit dem Prädikat "made in Germany" und wollen, dass ihre Fahrzeuge in Deutschland gekauft werden - nur von welchem Geld?" Wer wenig verdient, könnte schließlich auch weniger ausgeben.

Unter der geplanten, massiven Stelleneinsparung würden letztlich auch viele andere Zweige leiden: Das Handwerk, der Einzelhandel, die Gastronomie - alles Bereiche, die in den letzten Jahren von positiver Stimmung und Aufschwung berichten konnten.Auch bei Fehrer schien sich die Lage nach dem Krisenjahr 2009 wieder entspannt zu haben - zumal der Standort Kitzingen nach der Ansicht von Landrätin Bischof nicht so schlecht ist wie von der Geschäftsführung kommuniziert. "Die genannten Gründe müssen meiner Meinung nach kritisch hinterfragt werden."

Standort Kitzingen punktet

Der Standort Kitzingen punkte auf jeder Logistikmesse als Knotenpunkt in Nordbayern, mit dem Hochwasser habe man eher im Ausnahmefall zu kämpfen und das Werk an sich mache nach außen einen guten Eindruck, erfülle alle sicherheitsrelevanten Anforderungen und sei hinsichtlich der technischen Ausstattung keinesfalls überaltert.

Auch Oberbürgermeister Siegfried Müller ist überzeugt, dass die gute Qualität der Produkte, die in Kitzingen gefertigt würden, bei den Automobilherstellern nach wie vor gefragt ist - wenngleich er die Augen vor den Folgen der Globalisierung gerade für die deutschen Standorte international agierender Firmen nicht verschließt. "Die Verantwortlichen sollten erkennen, dass es nicht nur um Gewinnmaximierung geht, sondern auch, dass sie eine Gesamtverantwortung haben."

"500 Beschäftigte bedeuten 500 Einzelschicksale, 500 Familien, Kinder und Häuslebauer, deren Existenz mit einem Schlag bedroht ist", erinnert Tamara Bischof. "Auch für die Großen in der Branche muss das Wort "Solidarität" Handlungsmaxime sein. Denn auch für sie gilt letztlich der Grundsatz: Eigentum verpflichtet!"