Die winzigste Schuppe. Der Hauch einer Lichtspiegelung im Facettenauge. Die genaue Farbnuance der Flügel. Wenn Martina Zwanziger zeichnet, kommt es auf jedes Detail an. Sie fängt eine sonst so flüchtige Szene ein und hält sie für den normalen Betrachter, aber auch für die Wissenschaft fest: Die Volkacherin ist Insektenzeichnerin.

Wer beschäftigt sich schon mit Wanzen? Ungeliebte Dinger, die es sich in Matratzen gemütlich machen. Unerfreuliche Gäste auf dem Himbeerstrauch, die stinken und den Geschmack der Früchte zerstören. Rot-schwarze kleine Insekten, die sich auf einem Haufen drängen und schon mit ihrer Farbe signalisieren: Wir sind gefährlich!

Martina Zwanziger lacht, wenn sie an diese Vorurteile denkt. Sie findet die Tiere nicht weniger faszinierend als andere Insekten auch. Unzählige Stunden hat sie schon mit den rot-schwarzen Ritterwanzen verbracht. Oder besser mit Fotografien der Tiere, mit Filmen und Präparaten. Mit Fachbüchern und Nachschlagewerken. Denn wer ein Insekt nicht genau betrachten kann, weiß nichts darüber, findet Martina Zwanziger. Was andersherum genauso gilt: Wer etwas über ein Insekt weiß, der erkennt es auch draußen in der Natur – den Käfer, die Wanze, die Fliege, über die man sonst so leicht hinwegschaut. „Nachdem ich sie gezeichnet hatte, habe ich die Ritterwanzen auch draußen immer wieder entdeckt.“

Einen Text über Martina Zwanziger mit Wanzen zu beginnen, ist das Thema von hinten aufgerollt. Es war die jüngste große Arbeit der Volkacherin, ein Auftrag der Universität Hohenheim. Dass sie sich später mal beruflich mit den kleinen Krabblern befassen und damit der Wissenschaft dienen würde, hätte Zwanziger als Jugendliche nicht gedacht, auch wenn sie schon immer gerne draußen in der Natur war und gerne gezeichnet hat. „Auch im Garten. Aber eher das Gemüsebeet“, sagt sie rückblickend.

Die junge Frau besuchte die Fachoberschule Gestaltung, hat Praktika bei Künstlern gemacht, einen der Kunst nahe liegenden Beruf gewählt, der dann aber doch weit weg war von dem, was ihr Herz erfüllte: Mediengestalterin ist sie geworden, hat als solche zehn Jahre lang in einem Betrieb der Automobilzulieferindustrie gearbeitet. Der Schmetterling von früher im Garten, der war weit weg und ist ihr erst wieder in die Stifte geflattert, als sie nach Volkach umgezogen und in Elternzeit gegangen ist. Mit viel Natur vor der Tür, alten Bäumen im Garten und einem Mann, der völlig gebannt ist von allem, was kreucht und fleucht. Wenn er nach draußen gegangen ist in Garten, Feld und Flur, zum Spazierenstehen statt Spazierengehen, weil es so viel zu sehen gibt, ist sie mitgegangen, hat fotografiert, was sie gemeinsam entdeckten. 2016 hat die zweifache Mutter begonnen, das Fotografieren mit dem Zeichnen zu kombinieren, hat erste Schmetterlinge auf Papier gebannt. Ihre Zeichnungen stellte sie 2017 erstmals aus, beim Kulturherbst in Untereisenheim, dann unter anderem im Botanischen Garten in München. Es folgten erste wissenschaftliche Aufträge, unter anderem für das Senckenberg-Institut und eben die Uni Hohenheim. Tuschezeichnungen von Pflanzen, Farbstiftzeichnungen von Köcherfliegen, Käfern, Wanzen – und immer wieder Schmetterlinge.

So ein Falter ist schnell vorbeigeflattert, ein Kirschprachtkäfer rasch im Spalt der Baumrinde verschwunden, eine Wanze vorbeigehuscht. So schnell geht es beim Zeichnen nicht. Da ist Geduld gefragt. Vom Erkunden des Insekts über die erste Skizze bis zum fertigen Bild dauert es meist weit über 100 Stunden. „Ich zeichne analog, ganz ohne Computer“, sagt Martina Zwanziger. Ganz vertieft, oft mit Musik oder einem Podcast im Hintergrund, sitzt sie am Schreibtisch und vergisst schnell mal die Zeit. Ein Flügel vielleicht an einem Vormittag, mehr ist nicht drin. Wenn überhaupt. Real und detailgetreu will sie zeichnen – und das gelingt ihr so gut, dass man schwört, der Ast, an dem der Erdbeerbaumfalter sitzt, müsse einfach fotografiert sein. Ist er nicht, er ist gezeichnet. Sie hat das Motiv lange gesucht und im Urlaub auf Korsika entdeckt, denn auch das Urlaubsziel wird bei den Zwanzigers oft danach ausgesucht, welche Insekten die Familie gerne mal in natura sehen möchte.

Wenn der Betrachter ganz nah rangeht an den Erdbeerbaumfalter, sieht er die feinen Striche der Farbstifte – „Sie müssen immer spitz sein!“ Die Nuancen der bis zu 20 verschiedenen Farbschichten übereinander, die Martina Zwanziger auf das hochwertige Papier aufgetragen hat. Weit über 300 Stifte stehen auf dem Schreibtisch bereit – wo soll man da anfangen bei so viel Gelb, Orange, Rot, Blau und Grün, fragt sich der Laie.

Die Zeichnerin geht an den Schrank, holt ein kleines Kästchen heraus. Der Flügel eines Schwalbenschwanzes liegt darin. Entdeckt sie bei ihren Spaziergängen tote Tiere oder Teile von Schmetterlingen, nimmt die 43-Jährige sie mit, um sie ganz genau betrachten zu können. Vorsichtig legt sie den zarten Flügel unter das Binokular, stellt scharf. Jede einzelne Schuppe ist zu erkennen, jedes Härchen, jede Farbschattierung. Ganz genau hinschauen, das ist wichtig, um einen Falter so lebensecht zeichnen zu können. „Aber ich muss ihn auch in der Natur sehen, sonst wirkt die Zeichnung später leblos“, sagt Zwanziger.

Auf einer ihrer Zeichnungen hat sie den ganzen Lebenszyklus des Schwalbenschwanzes festgehalten, vom Ei bis zum fertigen Falter. Ein Bild, das bei einer Ausstellung eine Betrachterin ins Grübeln brachte. „Wird aus diesen Raupen echt dieser schöne Falter?“, hat sie gefragt und kleinlaut zugegeben, dass sie die Raupen bislang jedes Jahr zerquetscht hat, weil sie sich über das Kraut der Gartenmöhre hermachten. Sie dachte, die Raupen fressen die Möhren. „Sie war erschüttert“, erzählt Martina Zwanziger. Seit der Ausstellung lässt die Frau die Raupen leben und damit auch die Schmetterlinge. „Allein dafür hat sich die Arbeit an der Zeichnung gelohnt.“

Überhaupt sind die Besucher immer wieder erstaunt ob der Farbenpracht der Bilder. „Gibt es den wirklich?“, heißt es ungläubig über den leuchtend bunten Kirschprachtkäfer. In der Natur haben ihn die meisten noch nicht gesehen und wenn, dann nicht beachtet. Einen Zentimeter groß ist er bloß, eine bedrohte Art, der Larven in den Totholzanteil lebender Bäume legt. Wer das Bild gesehen hat, hält dann auch Ausschau nach dem Tier. Martina Zwanziger weiß, dass sie mit ihren Zeichnungen ein Bewusstsein für die Natur wecken kann und das ist ihr auch wichtig. „Es ist schön, wenn man etwas über Faszination erreichen kann und nicht über Verbote.“ Reizt es eine Insektenzeichnerin nicht, sich mal anderen Motiven zu widmen? Martina Zwanziger schüttelt den Kopf. „Ich habe noch so viel zu tun mit den Insekten“, sagt sie. „Ich bin noch lange nicht bei den Libellen.“