Es war wie die große Flut. Als Steuerfrau des Hauses für Kinder „Arche Noah“ konnte Elfriede Seidel ihr Schiff in den letzten Tagen nur mit größter Mühe über Wasser halten. Von einer auf die andere Woche waren die vier Gruppen der Kindertagesstätte wieder voll – mit bis zu 25 Kindern. Während sich die Kinder freuten wie ein Schwarm Fische im Meer, begann das Personal schon nach wenigen Tagen, nach Luft zu schnappen. „Wir freuen uns, dass die Kinder wieder da sind“, sagt Elfriede Seidel. „Aber wir wurden einfach ins kalte Wasser geworfen.“

Gut zwei Wochen ist es her, dass die Bundesregierung den Weg zur Kita-Öffnung für die Länder öffnete, wieder einige Tage später verkündete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder den 22. Februar als Eröffnungstermin im Freistaat. Bei Bernhard Hornig, am Landratsamt Kitzingen verantwortlich für die Kindertagesstätten im Landkreis, liefen die Vorbereitungen von da ab auf Hochtouren. Masken wurden verteilt, der angepasste Rahmenhygieneplan verschickt. Der offizielle Startschuss wurde am 19. Februar gegeben, als abzusehen war, dass der Inzidenzwert nicht über 100 ansteigt.

Gesundheitsschutz berücksichtigen

Der Betrieb sei für die Kinder sehr wichtig. Dass sie seit zwei Monaten auf ihr „vertrautes Umfeld“ und auf die Angebote in der Kita verzichten mussten, konnte auf Dauer keine Lösung sein. Trotzdem müssten „alle Bedarfslagen verantwortungsbewusst gegenübergestellt und abgewogen werden“. Der Gesundheitsschutz der Kinder und Eltern, aber auch der des Personals müsse berücksichtigt werden.

Petra Prokot fühlt sich diesbezüglich ein bisschen im Stich gelassen. Nicht unbedingt von den Eltern, die nach dem harten Lockdown ihre Kinder wieder in die Betreuung bringen. „Wir alle haben es schließlich erlebt, und man kann die Erleichterung ja auch nachvollziehen“, sagt die Koordinatorin von insgesamt acht Kindertageseinrichtungen unter Trägerschaft des Dekanates Kitzingen. Sie hätte sich nicht nur einen späteren Zeitpunkt gewünscht, sondern auch eine stufenweise Öffnung.

Diesen Wunsch kennt auch Bernhard Hornig, sieht ihn aber von einer anderen Seite. „Im Frühjahr 2020 wurde versucht, den Wiederzugang zu den Kindertagesstätten an persönlichen Umständen festzumachen“, erinnert er an die Diskussion um systemrelevante Eigenschaften der Eltern und Erziehungsberechtigten. Das sei zu diesem Zeitpunkt zwar nachvollziehbar gewesen, habe aber „zu gesellschaftlichen Spannungen geführt, die auch an den Kindern nicht spurlos vorübergegangen sind.

Dieses Mal sollten alle Kinder dieselbe Möglichkeit erhalten, die Kita – wenn auch unter strengeren Vorgaben – wieder zu besuchen.“ Auf der anderen Seite sehe er die Personalnot in den Einrichtungen. „Es gibt schlicht und ergreifend vielerorts nicht ausreichend pädagogisches Personal, um die Vorgaben aus München eins zu eins umsetzen zu können.“

In Kleinlangheim hat Elfriede Seidel im Moment genug Personal – noch. Die Zuordnung der Kinder in feste Gruppen erfordert von den ErzieherInnen und KinderpflegerInnen ein hohes Maß an Flexibilität im – nach zwei Monaten im Lockdown – ohnehin schon fordernden Kindergartenalltag.

Isolation hat Spuren hinterlassen

„Wir fangen mit den Kindern von null an“, berichtet Elfriede Seidel. Die Isolation der letzten Wochen habe Spuren hinterlassen. „Regeln und Strukturen müssen teilweise ganz neu erlernt werden. Und da spreche ich nicht nur von den jüngeren Kindern.“ Das viele Reden und Erklären, ohne die Gesichtsmimik zu Hilfe nehmen zu können, sei wahnsinnig anstrengend. „Ich habe schon nach drei Tagen Rückmeldungen bekommen, dass die ersten Mitarbeiter an ihre Grenzen kommen“, berichtet Petra Prokot, die auch das Kinderhaus in Kleinlangheim betreut.

Während sie bei Teilen ihres Personals neben der Angst vor Erschöpfung auch die Angst vor einer Ansteckung spürt, scheint die Pandemie für die meisten Eltern keine große Gefahr mehr darzustellen.

„Die Vorsicht ist erst mal weg“, wundert sich Prokot.

Dabei sei die Elternschaft mit der Nutzung der Notbetreuung sehr verantwortungsvoll umgegangen, habe ihren Nachwuchs nur sehr vereinzelt in die Kita gebracht. „Aber jetzt ist Corona scheinbar vorbei.“ Landkreisweit lag die Auslastung der Kitas in der letzten Woche bei etwa 70 Prozent und damit deutlich höher als in der Notbetreuung (rund 30 Prozent). Im Landratsamt erhielt Bernhard Hornig nur vereinzelt die Rückmeldung, dass sich Eltern weiterhin bewusst gegen eine Betreuung in der Kindertageseinrichtung entschieden haben. Das sei nach dem Jahreswechsel anders gewesen. „Wir vermuten, dass viele Eltern damals auf Betreuungsformen innerhalb der Familie ausgewichen sind, beziehungsweise durch Heimarbeitsplätze oder geänderte Arbeitszeiten die Kinder selbst zuhause betreuen konnten.“ Offensichtlich sind diese Zeiten jetzt erst einmal vorbei – und alle Eltern erleichtert, dass auch in der Kindertagesstätten wieder Leben einkehren kann. Grundsätzlich freut sich auch Elfriede Seidel, dass die Kinder wieder da sind. „Kinder brauchen Kinder, und Kinder brauchen ihre Bildungseinrichtung“, weiß die Kindergartenleitung. „Mein Wunsch wäre gewesen, dass es etwas langsamer geht.“ Dass den Kita-Teams ab kommender Woche Schnelltests zur Verfügung stehen sollen und sie in der Impf-Reihenfolge nach vorne gerückt sind, lässt sie nur teilweise aufatmen. Schließlich wollen auch diese Maßnahmen erst organisiert werden. Ein, zwei Wochen Puffer hätten da aus ihrer Sicht noch gut getan.

Schließlich steht das große, gemeinsame Ziel aller Beteiligten im Vordergrund: Die Einrichtungen jetzt dauerhaft offen zu halten. Das gelingt, wenn der Inzidenzwert im Landkreis weiterhin unter 100 bleibt.

Schnelle Reaktion dank Kita-App

Felix Wallström schaut nicht nur in dieser Hinsicht positiv in die Zukunft – kein Wunder, schließlich bekommt der Leiter der Kitzinger Geschäftsstelle des Bayerischen Roten Kreuzes von den BRK-Kitas in Kitzingen und Rödelsee überwiegend positive Resonanz. Die Stimmung sei gut, bei allen Beteiligten. Aber sie könne natürlich auch schnell wieder kippen. Vor allem, wenn der kritische Wert übertroffen wird. „Wir könnten zwar dank unserer Kita-App schnell reagieren, aber der Frust der Eltern würde groß sein.“ Wie auch Bernhard Hornig im Landratsamt behält Wallström die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut täglich veröffentlicht, stets im Auge – Veränderungen wirken sich schließlich direkt auf den nächsten Betreuungstag aus. „Sollten sich die Zahlen dem Schwellenwert von 100 wieder annähern, kann es sein, dass den Kindertageseinrichtungen und den Eltern letztlich nur ein Tag zum Reagieren bleibt, wenn Kitas geschlossen werden müssen und lediglich eine Notbetreuung anbieten dürfen“, erklärt Hornig. So weit möchte Elfriede Seidel gar nicht denken. Auf ihrer Arche Noah heißt es in den nächsten Tagen und Wochen, einen Schiffbruch zu verhindern. Und zusammen mit ihren MitarbeiterInnen, den Kindern und Eltern möglichst trocken durch diese Corona-Sturmflut zu kommen.

Inzidenz

Die aktuellste Inzidenzzahl erhält man über das Dashboard des Robert-Koch-Instituts über den Link auf der Homepage des Landkreises unter www.kitzingen.de