In vielen Teilen Deutschlands haben Flut und Hochwasser Bilder der Verwüstung hinterlassen – und unzählige Menschen, deren Hab und Gut einfach weggespült wurde. Diese unwirklichen Zustände haben aber auch eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst – auch im Landkreis Kitzingen.

Die Zeit, um über seine Hilfsaktion zu sprechen, nimmt er sich. Auch wenn er sie eigentlich nicht hat. Daniel Neuner ist auf dem Sprung. Er muss los, um drei Sprinter, vier PKW und einen Hänger zu beladen. Hygieneartikel, Babynahrung, Ersthelferausrüstung und vieles mehr hat er in den letzten Tagen zusammen mit seinen Kompagnons gesammelt, um alles in die Flutgebiete im Osten zu fahren. „Wir haben dort zwei private Kontakte und reagieren jetzt auf die Hilferufe“, sagt der Markt Einersheimer. „Die kleinen Ortschaften werden gerade ein bisschen vergessen.“ Per Facebook-Post startete er eine Aufruf, der nicht nur hundertfach geteilt wurde, sondern sofort auch Resultate zeigte: Kartonweise brachten die Menschen Konserven, Hygieneartikel und Kleidung nach Scheinfeld, wo alles gesammelt und jetzt eben verstaut wurde. Heute morgen ging es dann in aller Frühe los auf die dreieinhalbstündige Fahrt ins Krisengebiet. „Wir haben ja selbst unsere große Patchwork-Family und haben uns gedacht, dass wir auch froh wären, wenn uns jemand in einer solchen Notsituation helfen würde“, erklärt der achtfache Familienvater seine Motivation. „Von einer auf die andere Minute alles zu verlieren, nicht zu wissen, wie man seine Familie durchbringt. Das muss so schlimm sein. Ich konnte einfach nicht anders, als eine Aktion zu starten.“ Dann muss er auch weiter. Er muss noch einkaufen. Sein Sohn feiert Geburtstag, die Gäste wollen verpflegt sein. Die Zeit, sich bei seinen Mitstreitern und seinen Eltern zu bedanken, nimmt er sich aber. Und dann darf die ganze Familie darauf hoffen, dass Papa wieder heil heimkommt.

Helfen von zu Hause aus

Bei Susanne Mann geht es da um einiges entspannter zu. Sie hilft von zu Hause aus und stellt ihr größtes Talent zur Verfügung: ihre Nähkünste. In die Facebook-Gruppe „Versteigerung von Handmade-Produkten“ hat sie eine ihrer wertvollen, selbstgemachten Kunstleder-Geldbörsen sowie eine Handtasche eingestellt und prompt Gebote erhalten. Insgesamt gehören 1984 Menschen dieser Gruppe an – und fast so viele Euro sind auch schon an „Spenden“ zusammengekommen. Als Geschäftsführerin der „Leder-Heidi“, einem Shop für Nähbedarf, hat Anja Herold die Gruppe ins Leben gerufen. Sie kennt viele Hobby-Näherinnen und fand so schnell viele Mitstreiter. „Ich fand es einfach eine gute Idee“, freut sich Susanne Mann aus Wiesentheid gleich zweifach: Zum ersten, dass ihre „Herzenssachen“ so gut ankommen. Und zum zweiten, dass sie den Opfer der Flutkatastrophe so ganz unkompliziert helfen kann. „Es ist ja nur ein kleiner Tropfen, aber helfen kann man trotzdem.“ Dabei gibt es in der Gruppe ganz klare Regeln. Verkäufer stellen ihre Fotos mit Startangebot und Auktionsende im entsprechenden Themenalbum ein. Ist die Auktion beendet, erhält der Käufer die Bankdaten, überweist das Geld inklusive Versandkosten und bekommt dann seine Ware, die der Verkäufer mit einem von den Organisatoren zugeschickten DHL-Label versehen und abgeschickt hat. „Da wir dies aus freien Stücken tun, bitten wir um etwas Nachsicht, wenn am Anfang noch nicht alles so klappt, wie es soll“, schreibt Anja Herold in ihren Ankündigungen. Der Endbetrag wird an entsprechende Hilfsorganisationen überwiesen, dazu soll es noch einmal einen gesonderten Beitrag geben. „Teilt, was das Zeug hält“, beschwört sie die Teilnehmer – was sich Susanne Mann sehr zu Herzen genommen hat. Schließlich braucht es nicht nur Verkäufer, sondern auch Käufer, die bereit sind, schöne Dinge für den guten Zweck zu ersteigern.

Keine Kleidung mehr!

Viele schöne Dinge liegen ganz sicher auch in den Kartons, die sich bei Jürgen Klafke in der Garage stapeln. Es wird hauptsächlich Kleidung sein, vielleicht Bettzeug oder Handtücher. Das ist auch der Grund, warum es dort noch steht, und nicht auf dem Weg ist in die Krisengebiete. Dorthin, wo alles weggespült wurde. „Die können dort nichts mehr annehmen“, sagt der Initiator des Spendenaufrufs, dem innerhalb von 24 Stunden unzählige Markt Einersheimer folgten. „Unfassbar“ fand der Familienvater es noch am Samstag, wie hilfsbereit seine Mitbürger, Nachbarn und Kollegen sind. Er wolle für die Hochwasseropfer Kleiderspenden zu einem Freund fahren, hatte er per WhatsApp geschrieben. Der würde sie dann zusammen mit den Initiatoren vom MC Ahrweiler an die Bedürftigen verteilen. „Wer Klamotten hat, die er nicht mehr braucht, kann sie gerne bei mir in die Garage stellen“, schlug er weiter vor. Das war um 9.36 Uhr. Um 18.45 Uhr hieß es dann: „Danke für euere riesige Spendenbereitschaft. Aber bitte jetzt nichts mehr bringen.“ 30 Kartons hatte er da schon verladen. Mindestens so viele wollte er noch am Abend zur Spedition Beständig in Gochsheim fahren. „Die haben die Spenden, in Absprache mit diversen Organisationen, dahin gebracht, wo es gebraucht wird.“ Allerdings wurde dort schon nichts mehr angenommen. Nun stehen etwa 60 Kleiderkisten nach wie vor in seiner Garage. „Ich kann es ja kaum einfach wegschmeißen“, sagt er beim Blick in den Raum, in dem definitiv kein Platz mehr ist für ein Auto. Und so wird er es noch eine Zeit lang aufheben. „Irgendwann haben die Leute ja wieder Platz für Kleidung“, ist er zuversichtlich. Dann werden die Sprinter und Hänger, Facebook-Posts und WhatsApp-Nachrichten wieder anrollen – und eine neue Welle der Hilfsbereitschaft in die Krisengebiete bringen.

Hilfsaktionen

Auf der Facebook-Seite von Anja Herold (Wohnort Fürth, Geschäftsführerin von „Leder Heidi) oder mit dem Hashtag #auktionhochwasseropfer bei Instagram kann man direkt zur Versteigerung der „Handmade“-Produkte für die Hochwasseropfer gelangen. Im Landkreis Kitzingen wurden noch viele weitere Hilfsaktionen gestartet, unter anderem von der Abtswinder und Wiesentheider Feuerwehr. Dieser Artikel würde gerne alle Helfer nennen, kann aber in keiner Weise den Anspruch auf Vollständigkeit erheben.