Die Leute damals wussten nicht, was Social Media ist. Die Menschen heute kennen keine Windfege mehr. Zwei Welten, so scheint es, zwischen denen nur wenige Jahrzehnte liegen. Sie zusammenzubringen ist das Ziel des Freilandmuseums Kirchenburg Mönchsondheim. Vor genau 40 Jahren wurde es eröffnet, basierend auf einer Idee von ein paar „Verrückten“.

Verrückt? Kaum jemand würde sich heute trauen, dieses Wort mit den Gründungsvätern eines Museums in Verbindung zu bringen, das wichtige Erkenntnisse für die Erforschung dörflichen Lebens liefert und Jahr für Jahr tausende von Besuchern anzieht. Mitte der 1970er Jahre aber gab es viele, die den Kopf schüttelten ob der Idee des Mainstockheimer Heimatforschers Otto Beck. Er klingelte eines Tages bei Dr. Rudolf Schöpfel an der Tür mit dem Vorschlag, die stark verfallene Kirchenburg im Iphöfer Ortsteil Mönchsondheim zu sanieren und dort ein Bauernmuseum einzurichten. Und jener Rudolf Schöpfel war es auch, der wenige Tage vor der Eröffnung des Kirchenburgmuseums Mönchsondheim am 4. Juli 1981 davon sprach, „die Sache“ sei nicht zu machen gewesen, hätte es da nicht ein paar „Verrückte“ gegeben. Wohlweislich: Auch er selbst, der die Leitung des Museums übernahm, zählte sich dazu.

Vorbildlich für die Denkmalpflege

Beck, Schöpfel und Fritz Endres als Vorsitzender des 1975 gegründeten Kirchenburgvereins waren die treibenden Kräfte, unterstützt von den Eigentümern, die ihre Kirchengaden überließen, und der Stadt Iphofen. „Wäre die Stadt 1976 nicht bereit gewesen, das Eigentum und die Bauträgerschaft zu übernehmen, wäre das alles nicht gegangen“, sagt Museumsleiter Reinhard Hüßner rückblickend.

Bei der Sanierung packten die Mönchsondheimer kräftig mit an, so dass bei der Eröffnung des Museums am 4. Juli 1981 die lobenden Worte kein Ende nehmen wollten. Vorbildlich für die Denkmalpflege in ganz Bayern sei die restaurierte Kirchenburg, bemerkenswert, weil in ihrer Gesamtheit erhalten.

„Wir machen das Museum nicht für die Häuser, sondern für die Menschen von damals und heute.“
Reinhard Hüßner, Museumsleiter

Diese Gesamtheit ist auch das Besondere am ältesten Freilandmuseum Frankens. Während anderswo Gebäude zusammengetragen werden, zeigt sich hier das Dorf so, wie es gewachsen ist, mit Kirche, Rathaus, alter Schule, Wirtshaus und weiteren Gehöften. „In situ“, wie es fachlich heißt, erfahren die Besucher, wie sich das Leben früher abgespielt hat. Denn das Leben ist es, worum sich alles dreht. „Wir machen das Museum nicht für die Häuser, sondern für die Menschen. Für die Menschen heute, und für die Menschen von damals, die hier gelebt und gearbeitet, gelitten, getrauert und sich gefreut haben.“ Und so hat sich das Freilandmuseum in vielfältiger Richtung weiterentwickelt, ist längst weit mehr als eine Gerätesammlung aus Handwerk und Landwirtschaft. Immer wieder kamen Gebäude hinzu. Dass der Landkreis 1986 das Wirtshaus Schwarzer Adler mit dem großen Hof und dem Garten übernommen hat bezeichnet Hüßner als „Meilenstein.“ Über die Jahre unterstützt der Kreis das Museum, auch der Bezirk liefert regelmäßig Zuschüsse. 2020 wurde ein Zweckverband gegründet, Mitglieder sind die Stadt Iphofen, der Landkreis Kitzingen und der Verein Kirchenburgmuseum. Auch das Wort „Freilandmuseum“ wurde inzwischen in den Namen aufgenommen.

Persönliche Erinnerungen

Weil es „um mehr geht als um tote Gebäude“, forciert das Museumsteam die Befragung der Zeitzeugen. „Wir versuchen, möglichst viele Berichte und persönliche Erinnerungen einfließen zu lassen“, so Hüßner, bei Ausstellungen oder Führungen zum Beispiel. „Wir tragen Geschichtli aus der Geschichte vor.“ Von den beiden Frauen beispielsweise, die in einem der Höfe lebten, bis in die 1970er Jahre ohne fließend Wasser und mit minimaler Stromversorgung. „Es gab keine Steckdosen. Wenn ein Besucher kam, musste er zum Rasieren zu den Nachbarn.“ So etwas einfließen lassen zu können in die Führungen, das sei eine tolle Sache. Wie die Hofübergabe an die nächste Generation ablief, dass lange nur Männer ins Wirtshaus durften und dort früher nur dreimal im Jahr warm aufgekocht wurde, dass jeder, der telefonieren wollte, in die Poststube beim Bäcker im Rathaus lief, all das lässt sich vor Ort anschaulich erklären. „Wer jemanden anrufen wollte, durfte nicht selbst ans Telefon, sondern musste dem Bäcker sagen, was er sagen wollte – und der hat es dann weitergegeben“, so Hüßner. Heute unvorstellbar, da jeder überall und ständig telefonieren kann.

Moderne Technik

Auch wenn es um die Historie geht, ist das Museum nicht altbacken. Moderne Technik gehört zum Museumsleben, gerade in Bereichen, die der Besucher nicht sieht. Die Digitalisierung von Bildern und der Aufbau einer Datenbank, die Aufnahmen für die „Oral history“. Saßen früher vier Senioren am Wirtshaustisch zusammen und erzählten von früher, trafen sich in der Corona-Zeit schon mal ältere Damen zu einer Online-Konferenz. Was da erzählt wird, werten die Mitarbeiter aus, so dass es für Aktionen im Museum, Ausstellungen, Führungen und Publikationen genutzt werden kann.

Eigentlich hatten die Mönchsondheimer ihr Jubiläum groß feiern wollen. Wegen Corona ist statt des Kirchenburgfestes am Sonntag, 4. Juli, nur ein Aktionstag möglich. „Dann feiern wir halt nächstes Jahr 40+1“, sagt Reinhard Hüßner. Ein „Geschenk“ hat sich das Museum trotzdem gegönnt – und auch das hat was mit der Moderne zu tun. „Wir haben unseren Außenauftritt neu aufgestellt.“ Es gab ein „Relaunch“, ein neues „Corporate Design“ für die drei Bereiche „Dorf“, „Landwirtschaft“ und „Sonstiges“, die Homepage wurde überarbeitet, die Auftritte auf Facebook und Instagram forciert. Die Beiträge dort machen neugierig – aber sie ersetzen nicht den Besuch im Museum, das echte Erleben der Vergangenheit. Digital ist nötig, weiß Hüßner. „Aber wir dürfen nicht vergessen, dass ein Museum vom Original lebt.“

Ein Aktionstag für alle Generationen

Das Freilandmuseum Kirchenburg Mönchsondheim veranstaltet am Sonntag, 4. Juli, von 13 bis 18 Uhr einen Aktionstag für alle Generationen. Das Museum ist geöffnet, es gibt Workshops und Führungen. Sütterlin-Workshop: Deutsche Schrift – Lesen und Schönschreiben ab 13.30 Uhr bis 17.30 Uhr im Halbstundentakt im historischen Klassenzimmer im Schulhaus, jeweils maximal 10 Personen. Führung und Foto-Tour: Anno dazumal – ein Streifzug durchs mainfränkische Dorf ab 14 Uhr bis 17 Uhr im Stundentakt (Dauer jeweils 30 Minuten), Treffpunkt Kleinbauernhof Hahn. Schlepper-Ausstellung: Von historisch bis High-Tech, 13.15, 15.15 und 17.15 Uhr, Treffpunkt Kräutergarten. Vorführung: Aus Küchenkräutern und Küchenschrank – wie stelle ich Salben und Cremes selbst her, 14 und 16 Uhr, Kräutergarten. Spielstraße: Langweilig wurde es früher nie – alte Kinderspiele zum Ausprobieren. Foto-Aktion: Laden Sie ihre schönsten Schnappschüsse auf Instagram hoch: #KIBU40Jahre Dauerausstellung & Sonderausstellung „1945 – Erinnerungen an das Ende“. Hygienevorschriften sind zu beachten. Für die Aktionen gibt es keine Anmeldung, es gilt das Windhundprinzip: Wer zuerst da ist, darf dabeisein.