Christiane Kempf kann aufatmen. Für den Sanitär- und Heizungsbetrieb KIV GmbH hat sich auch dieses Jahr wieder ein Jugendlicher für eine handwerkliche Ausbildung als entschieden. „Anlagenmechaniker“ darf er sich nennen, wenn er die dreieinhalb Jahre dauernde Ausbildung abgeschlossen hat – und mit einem „jungen und dynamischen Team“ arbeiten, in das ein jeder seine Talente und Ideen einbringen kann. Auszubildende oder Umschüler sind auch für diesen modernen Familienbetrieb nicht einfach zu finden. Das Berufsbild des Handwerkers scheint für viele Jugendliche nicht mehr attraktiv zu sein. Allein im Landkreis Kitzingen sind im Baugewerbe noch 270 Stellen unbesetzt. Da schlägt nicht nur die KIV GmbH Alarm.

Michael Groha, Bezirksvorsitzender von der Industriegewerkschaft Bauen-Umwelt-Agrar (IG Bau), sieht darin einen traurigen Rekord. „In vielen Bereichen bewerben sich deutlich weniger Schulabgänger.“ Dabei stünden Bau-Azubis im Branchenvergleich in puncto Bezahlung an der Spitze, wie eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt. Ein angehender Maurer kommt demnach im ersten Ausbildungsjahr auf 890 Euro pro Monat. Im zweiten Jahr liegt die Vergütung bei 1.230 Euro, im dritten sind es 1.495 Euro. Im Anschluss an den Gesellenbrief können sich Beschäftigte fortbilden und es bis zum Polier oder Bauleiter bringen. Viele Fachleute verließen jedoch nach der Ausbildung ihren Baubetrieb, so die Gewerkschaft – vor allem wegen harter Arbeitsbedingungen. „Es kommt darauf an, den Bau auch nach der Ausbildung attraktiver zu machen“, betont Carsten Burckhardt vom IG BAU-Bundesvorstand.

Immer weniger Bewerber für Ausbildung im Handwerk: Woran liegt es?

An der Entlohnung scheint es also nicht zu liegen, dass sich immer weniger Schulabgänger für eine Lehre im Handwerk entscheiden. Die Kitzinger Kreishandwerksmeisterin Monika Henneberger sieht vor allem ein Informationsproblem. „So viel Anerkennung wie im Handwerk bekommt man in kaum einem anderen Beruf“, sagt die Friseurmeisterin. „Die Jugendlichen wissen es nur nicht.“ Durch den Wegfall von Praktika, Berufsbörsen und andere Informationsveranstaltungen habe sich die Problematik noch einmal verschärft, weiß Henneberger. Ihr fehlt allerdings auch der Rückhalt aus den Familien, die ihre jungen Absolventen bei der Berufswahl oft alleine ließen. „Vielleicht hat mancher Jugendliche da etwas zu viel Entscheidungsfreiheit“, findet die Mainbernheimerin.

Diese Generation von Eltern nehme ihre Kinder zu wenig an die Hand, zeige ihnen zu selten die verschiedenen Wege und Möglichkeiten auf. „Natürlich bringt es nichts, wenn jemand handwerklich überhaupt nicht begabt ist. Arbeitszeit ist Lebenszeit, und der Beruf sollte zu einem passen.“ Wenn sich aber gerade in mittelständischen Handwerksbetrieben bestmöglich um die Azubis gekümmert werde, die Ausbilder sich größte Mühe geben, dann müsse man sich doch fragen, warum das Handwerk von einer ganzen Generation Jugendlicher fast schon ignoriert werde.

Dabei sei die Handwerkskammer sehr engagiert dabei, junge Leute zu werben. Groß angelegte Kampagnen zeigten auf, wie vielfältig das Handwerk ist, was man dort erreichen kann und wie glücklich so viele, junge Handwerker, egal in welcher Branche, in ihrem Job sind. Daniel Röper, Pressesprecher der Handwerkskammer Unterfranken (HWK) kennt den großen Aufwand, den die Organisation bei der Werbung von neuen Fachkräften betreibt. „Wir haben uns wirklich gefragt: wo sind die ganzen Schulabgänger hin?“ Natürlich dürfe der demografische Wandel nicht außer Acht gelassen werden – es gibt faktisch weniger Jugendliche, und damit sinkt auch der Prozentsatz möglicher Neu-Handwerker. Mit den fehlenden Kontakten der verschiedenen Ausbildungsakteure wurden die Hürden für die Jugendlichen, sich gezielt umzuschauen und zu informieren, noch höher. „Sie waren so hoch, dass die jungen Leute nicht mehr drüber gesprungen sind.“

"Wo sind die ganzen Schulabgänger hin?": Bis zu 1000 Ausbildungsstellen unbesetzt

Für Daniel Röper hat das Handwerk vor allem mit einem Imageproblem zu kämpfen – und damit, dass viele Schulabgänger immer häufiger weiterführende Schule besuchen oder eine akademische Laufbahn einschlagen wollen. Als die Organisation für europäische Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor gut zehn Jahren im Rahmen einer groß angelegten Vergleichsstudie davor warnte, dass es in Deutschland zu wenige Fachkräfte, weil zu wenig Studierende, gebe, habe das den Ausbildungsberufen massiv geschadet. „Die Qualität der Ausbildung ist in Deutschland eine ganz andere als in vielen anderen europäischen Ländern“, ärgert sich Röper über diesen Vergleich von „Äpfeln mit Birnen“. „Die Karriereaussichten sind enorm, die Digitalisierung schreitet voran, der Einsatz von technischen Hilfsmitteln entwickelt sich stetig weiter. Aber in den Köpfen der Jugendlichen und der Eltern spukt immer noch das Bild von der schweren, körperlichen Arbeit herum. Da braucht es noch sehr viel Aufklärungsarbeit.“

Bis in fünf bis zehn Jahren die Schülerzahlen wieder steigen, haben aber nicht nur die Betriebe mit den fehlenden Arbeitskräften – im Ausbildungsjahr 21/22 könnten bis zu 1000 Lehrstellen unbesetzt bleiben – zu kämpfen, sondern auch der Verbraucher. „Je weniger Auszubildende, desto weniger Dienstleistungen“, stellt Röper eine einfache Rechnung auf. „Der Fachkräftemangel wird sich weiter zuspitzen.“ Auch Monika Henneberger schaut mit Sorge auf die nächsten Jahre. „Die Gewerke haben Aufträge ohne Ende, müssen Kundenanfragen absagen, weil die Kapazität mit den vorhandenen Mitarbeitern ausgelastet ist.“ Und die IG Bau Unterfranken macht deutlich, dass jeder Azubi, der jetzt fehle, in drei Jahren eine dringend gebrauchte Fachkraft weniger sei. Das Baugewerbe müsse deshalb angesichts der anhaltend hohen Auftragslage noch mehr Berufsanfänger für sich gewinnen. „Ohne höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen wird es aber kaum gelingen, in den kommenden Jahren die enorme Nachfrage nach neuen Wohnungen, sanierten Straßen und energetischen Gebäudesanierungen zu bewältigen“, so Bundesvorstand Carsten Burckhardt.

Christiane Kempf kann dem nur zustimmen. Fünf Auszubildende lernen im Unternehmen ihres Mannes Roland das Handwerk, bzw. unterstützen das Büro-Team. Allerdings investiere der Geschäftsführer auch einiges in die Ausbildung seiner Fachkräfte – und lasse ihnen dabei viele Freiheiten. „Es braucht Helden wie Dich, um Traumbäder zu realisieren“ steht auf der Homepage. Die Verantwortlichen gehen aber auch direkt auf die Jugendlichen zu, binden sie ans Unternehmen und zeigen ihnen, was ihr Handwerk alles kann. „Wir sollten den Jugendlichen auch die Perspektiven und Möglichkeiten zeigen, die nach der Ausbildung bestehen“, so Christiane Kempf. „Wenn man den jungen Menschen mit Respekt, Wertschätzung und einer längeren Leine den Platz lässt, sich zu entfalten, können ganz wunderbare Talente entdeckt werden.“ Erfahrungswerte seien wichtig, aber man müsse als Unternehmer einfach auch mal die Scheuklappen öffnen, sich zusammen ausprobieren, voneinander lernen. „Miteinander füreinander in die Zukunft zu blicken“, das wünscht sich Christiane Kempf. Und, dass wieder mehr Jugendliche merken, wie attraktiv handwerkliche Berufe eigentlich sind.

Azubis auf dem Bau: Das sagen die Daten

Zahlen der IG Bau: Laut Pressemitteilung der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar- Umwelt sind im Landkreis Kitzingen von insgesamt rund 620 gemeldeten Ausbildungsstellen im Baugewerbe noch 270 Plätze zu vergeben (1520 bayernweit). Sie bezieht sich dabei auf Zahlen der Arbeitsagentur, eingerechnet werden die Stellen bei Hoch- und Tiefbauunternehmen.

Zahlen der HWK: Bezogen auf die Ausbildungsbetriebe, die bei der Handwerkskammer Unterfranken ihre Ausbildungszahlen gemeldet haben, liegt die Zahl im Landkreis Kitzingen derzeit noch 70 bis 75 vakanten Lehrstellen, unterfrankenweit spricht Pressesprecher Daniel Röper von bis zu 1000 noch zu besetzenden Plätzen.

Über die KIV GmbH:  2014 gründete Roland Kempf das Familienunternehmen in Schwarzach am Main, über die letzten Jahre wuchs die Firma zu einem umfangreichen Sanitär- und Heizungsbetrieb heran, der jährlich in den Berufszweigen Anlagentechniker/-in und Bürokaufmann/-frau ausbilden.