Auf dem langen Tisch steht ein silbernes Tablett mit belegten Brötchen. Wurst und Käse – selbstverständlich nur von Bauern aus der Region. Selbstverständlich? Nicht wirklich. Schließlich stehen heute auch die Landwirte in nationaler und internationaler Konkurrenz. Tiere, Fleisch, Milch und Getreide werden viele Kilometer durch Deutschland, Europa und die ganze Welt gefahren. Lokale Landwirtschaft ganz global.

„Plötzlich ist jeder Experte.“
Alois Kraus, Kreisobmann Bauernverband

Um den Tisch sitzen sechs Männer. Sie wollen an diesem Abend über die Probleme der Landwirte im Kreis Kitzingen diskutieren. Und über Chancen. Was ist die größte Bedrohung für den Bauern von heute? Der Klimawandel? Die internationale Konkurrenz? Die Macht der Lebensmittelhändler? Das Desinteresse der Konsumenten? Oder doch überbordende staatliche Bürokratie?

Ganz natürlich haben sich die Lager geteilt. Auf der einen Tischseite sitzen Alois Kraus, Helmut Schmidt und Herbert Pfriem. Auf der anderen Hans Plate, Manfred Engelhardt und Klaus Petter. Konventionelle Landwirtschaft gegen Ökolandbau – ist es wirklich so einfach?

Dass die Landwirtschaft in Schwierigkeiten steckt, da ist man sich schnell einig. Bei den möglichen Ursachen wird es schon komplizierter. Herbert Pfriem berichtet darüber, wie der Klimawandel schon jetzt seinen Betrieb belastet. Der Boden wird trockener. Noch trockener als er auf der „Fränkischen Trockenplatte“ ohnehin schon immer war. Höhere Sonnenintensität verschiebt die Vegetationsphasen. Außerdem schädigt die UV-Strahlung die Pflanzen, insbesondere seinen Wein, erklärt Pfriem. Es wird früher geerntet. Für seine Pferdepension mäht er auch Gras. Früher ist das am Waldrand kaum gewachsen. Jetzt gedeiht es da prächtig.

Das Klima wird nicht nur heißer und trockener, das Wetter wird auch immer unberechenbarer. Auch das macht den Bauern zu schaffen. „Wir müssen im Frühjahr die Felder düngen, um die Pflanzen mit Nährstoffen zu versorgen“, sagt Alois Kraus. „Wenn es dann weniger regnet, können die Nähstoffe nicht aufgenommen werden.“ Überdüngung droht.

Die Zusammenhänge sind komplex. Kraus mahnt deshalb eine Professionalisierung der Diskussion an. „In Fragen der Landwirtschaft ist jeder plötzlich Experte. Jeder weiß angeblich, wie es besser geht. Landwirte haben heute eine jahrelange Ausbildung hinter sich. Da frag' ich mich doch: Wozu machen wir das, wenn's angeblich so einfach ist?“ Viele politische Entscheidungen seien populistisch, wissenschaftliche Grundlagen fehlten.

Schuld seien daran auch die Tier- und Naturschützer. Helmut Schmidt weist auf die Problematik der Eberkastration hin, die ihn als Schweinewirt selbst treffen wird. Ab 2019 ist die betäubungslose Kastration verboten. Seiner Meinung nach hätten die Ferkel auch mit Narkose kein anderes Schmerzempfinden, da sie nach wenigen Minuten zurück an das Gesäuge der Mutter müssen. Linderung könnten nur Schmerzmittel bringen. „Moralische Überlegungen ohne fundierte, wissenschaftliche Basis, laufen völlig an der Realität vorbei“, sagt Schmidt.

An Stellen wie diesen zeigt sich noch die alte Feindschaft zwischen Bauern und Tierschützern, zwischen Bio und Konventionell. Hans Plate und Manfred Engelhardt zweifeln stark an Schmidts Aussagen. „In anderen Ländern geht es doch auch“, sagt Plate.

„Wachse oder weiche – das muss aufhören.“
Hans Plate, Biobauer

Ansonsten sind sich die sechs Herren deutlich näher, als man es im Vorfeld erwartet hat. So macht der Biobauer Plate beispielsweise den Strukturwandel als größte Herausforderung der Zukunft aus. „Wachse oder weiche – dieses Prinzip gibt es seit Jahrzehnten, das muss aufhören“, sagt Plate und Kollege Schmidt kann nur zustimmen. Immer mehr Bauern hören auf. Kaum einer der neuen Generation übernimmt den Betrieb der Alten.

Das ist schlecht für Bauern und Natur. Klaus Petter spricht die Art der Landbewirtschaftung an. Je größer die Betriebe sind, desto monotoner ist die Nutzung. Das schadet den Böden und zerstört die Artenvielfalt. Denn nur in einer möglichst vielfältigen Landwirtschaft, mit abwechslungsreicher Fruchtfolge, können auch viele Arten überleben. Für Manfred Engelhardt ist deshalb die zentrale Frage, wie man eine ökologische Landwirtschaft umsetzen kann.

Eine große Rolle spielt für ihn dabei auch die Frage der Gentechnik: Durch internationalen Druck und mögliche Freihandelsabkommen wie TTIP könnten Erfolge im heute gentechnikfreien Landkreis gefährdet sein.

Probleme beim biologischen Anbau sieht Pfriem indes bei der Rentabilität. Er habe selbst darüber nachgedacht, Bio-Sonnenblumenöl herzustellen. Den Plan hat er dann aber, auch wegen bürokratischen Hindernissen, wieder verworfen. „Die Frage ist immer, ob man vom biologischen Anbau allein leben kann – oder ob es möglich ist, diesen durch den konventionellen Anbau zu subventionieren“, sagt der Landwirt.

Auf dem Lebensmittelmarkt gibt es einige Verwerfungen, da sind sich alle sechs Gesprächsteilnehmer einig. Es hänge jedoch weniger an den großen Lebensmittelhändlern, als an den Verbrauchern selbst. Möglichst natürlich soll die Landwirtschaft sein. Den Tieren soll es gut gehen, die Produkte sollen höchste Qualität haben. Und – hier liegt der Knackpunkt – für möglichst wenig Geld zu haben sein.

Pfriem erzählt von seinen Erfahrungen auf einer Lebensmittelmesse in Würzburg: Er habe verschiedene Besucher gefragt, wie die sich den Lebenmittelhandel wünschen. Die Produkte dürften ja gerne teurer sein – aber nicht viel mehr als zehn Prozent. Dafür müsste die Auswahl genauso groß sein – und die Läden maximal zehn Kilometer entfernt. „Da war ich platt. Wie stellen sie sich das denn vor? Das sind einfach Träume“, sagt Pfriem kopfschüttelnd.

Im zweiten Teil unseres Gesprächs zur lokalen Landwirtschaft lesen Sie morgen, welche Chancen die Experten vor Ort sehen.

Welche Chancen die Experten für die lokale Landwirtschaft sehen, lesen Sie im zweiten Teil.

Wie die Zukunft der Landwirtschaft in 50 Jahren aussehen könnten, lesen Sie im dritten Teil.

Den Kommentar zum Thema, "Zwischen den Welten", finden Sie hier.

Den Kommentar zum Thema, "Eine Lösung mit vielen Problemen", finden Sie hier.

Im Gespräch

Alois Kraus: Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands (BBV)

Herbert Pfriem: Stellvertretender Kreisobmann des BBV

Helmut Schmidt: Geschäftsleiter der Steigerwälder Bauernschwein GbR

Klaus Petter: Vorstandsmitglied Kreisgruppe Bund Naturschutz in Bayern

Manfred Engelhardt: Vorsitzender Kreisgruppe Bund Naturschutz

Hans Plate: Kreistagsabgeordneter der Grünen, Biolandwirt