Sekunden vor dem Lauf seines Lebens steht Firaa'Ol Eebbisaa Nagahoo gemeinsam mit 41.223 Sportlern im Startbereich des Berlin-Marathons. Der äthiopische Asylbewerber aus Hof verschwindet allerdings nicht im weiten Meer der vielen Hobby-Athleten. Weil der 26-Jährige von den Veranstaltern einen Startplatz im Elite-Feld erhalten hat, darf er sich ganz vorne einreihen. Nervös blickt er in der ersten Reihe auf Weltklasseläufer wie den Kenianer Geoffrey Mutai. "Die kannte ich ja bisher nur aus dem Fernsehen."

Als der Startschuss fällt, spurtet Eebbisaa Nagahoo an der Seite der Top-Favoriten unerschrocken in Richtung Siegessäule. Zwar muss der Gewinner des Fränkische-Schweiz-Marathons seine Idole nach wenigen Kilometern ziehen lassen. Seine Zwischenzeiten auf den ersten Kilometern sind trotzdem beeindruckend: Nach zehn Kilometern gehört er mit 32:05 Minuten immer noch zu den 50 besten Läufern. "Es hat mich unglaublich motiviert, neben diesen Sportlern laufen zu dürfen."

Eebbisaa Nagahoo kann das enorme Tempo bis zur Hälfte des Rennens halten. Dann, bei Kilometer 21, muss Firaa'Ol Eebbisaa Nagahoo trotz einer Top-Zeit von 1:10:03 Stunden plötzlich aufgeben. Die Beine streiken. Nichts geht mehr. "Ich habe alles gegeben, aber weiterlaufen war nicht möglich."

Hat er sich zu viel zugetraut? "Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich in den letzten Wochen zu viel gemacht." Genau dies hatten ihm seine äthiopischen Landsleute prophezeit, die er am Donnerstag im Athleten-Hotel kennengelernt hatte. "Sie meinten, es sei verrückt, dass ich drei Wochen nach meinem letzten Marathon schon beim nächsten an den Start gehe."


Folter in seinem Heimatland

Trotz des bitteren Endes möchte Eebbisaa Nagahoo keine Sekunde des Rennens missen. "Die Atmosphäre an der Strecke war unglaublich. Und die vielen Athleten haben sich gegenseitig toll unterstützt." Und: Events wie der Berlin-Marathon helfen Eebbisaa Nagahoo dabei, die schrecklichen Erlebnisse aus der Vergangenheit für einen kurzen Moment zu vergessen.

Denn vor knapp vier Jahren muss der 26-Jährige auf eigene Faust sein Heimatland Äthiopien verlassen. Ein schwerer Schritt. Doch er ist unumgänglich. "Ich war zwei Mal im Gefängnis, wurde dort gefoltert. Ich kann in meiner Heimat nicht mehr leben."

Er flüchtet nach Europa, lebt zunächst in Belgien, bevor er im Januar 2015 nach Deutschland kommt. Seine Familie lässt er zurück. "Es ist schwierig, aber was soll ich machen? Mein Bruder ist ermordet worden. Mein Vater ist nirgends sicher, muss ständig umziehen." Kontakt habe er noch zu seiner Schwester. "Aber ganz selten. Die Regierung kontrolliert Facebook und das Telefon. Ich habe Angst, dass ihr etwas angetan wird."

In der Hauptstadt konnte Eebbisaa Nagahoo für ein paar Tage abschalten. Vor Ort wurde er von den Organisatoren liebevoll betreut, ein bekannter Ausrüster stellte dem Flüchtling sogar ein komplettes Outfit für den Wettkampf zur Verfügung. Und zusammen mit den äthiopischen Spitzenläufer aus seinem Hotel absolvierte er am Freitag und Samstag sogar einige lockere Trainingseinheiten.

Und dann sind da ja noch Menschen wie Klaus Friedmann-Michler. Der 57-Jährige aus Walsdorf bei Bamberg, der beim Berlin-Marathon selber am Start war, hatte den Asylbewerber im Auto mit nach Berlin genommen. "Meine zwei Söhne haben sich schnell mit ihm angefreundet", berichtet Friedmann-Michler. Am kommenden Sonntag hat die Familie den Äthiopier zum Essen eingeladen. "Er hat uns zum Abschied umarmt. Wir werden ihn unterstützen, wo wir können."


Training beim LAC Quelle Fürth?

Firaa'Ol Eebbisaa Nagahoo genießt diese Momente und sieht den Berlin-Marathon als Ansporn, sich sportlich zu verbessern. Der 26-Jährige, der derzeit noch auf eigene Faust durch die Hofer Wälder joggt, hofft in Zukunft auf professionelles Training. Der Athlet würde gerne nach Nürnberg umziehen, um beim LAC Quelle Fürth trainieren zu können.

Das dies aufgrund der aktuellen Flüchtlingsströme nicht einfach ist, ist dem Athleten bewusst. Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf. Denn besonders der Sport helfe ihm, das Leben in seiner neuen Heimat zu meistern. "Ich litt lange Zeit an Depressionen, musste Medikamente nehmen. Seitdem ich laufe, geht es mir besser."


Großes Medieninteresse

Firaa'Ol Eebbisaa Nagahoo, der derzeit in Hof lebt, war Anfang September verspätet zum Start des Fränkische-Schweiz-Marathons in Ebermannstadt gekommen, hatte das Rennen aber trotzdem gewonnen. Seine außergewöhnliche Geschichte hatte in nahezu allen Medien die Runde gemacht. Auch die FT-Redaktion berichtete darüber und setzte sich in Berlin dafür ein, dass Eebbisaa Nagahoo beim Marathon an den Start gehen kann. Letztlich erhielt er von den Organisatoren nicht nur den Startplatz für das Elite-Feld, sondern auch ein Hotelzimmer für vier Tage.