Im Landkreis Coburg ist man zwiegespalten, wehrt sich aber mit Händen und Füßen gegen beide Varianten. In den Landkreisen Bamberg und Forchheim findet die modifizierte Variante so gar keinen Liebhaber. Die Rede ist von einer neuen 380-kV-Stromleitung von Thüringen nach Nordbayern, wie sie der Netzbetreiber Tennet plant, um die Versorgungssicherheit zu verbessern. Eine Variante - P44 genannt - beträfe dabei den Haßbergkreis: Die Verbindung vom Umspannwerk Schalkau im Thüringer Wald (nahe dem Pumpspeicherwerk Goldisthal) zum Knotenpunkt am Rande des mittlerweile abgeschalteten Atomkraftwerkes in Grafenrheinfeld. Am Dienstag endete ein Konsultationsverfahren, in dessen Rahmen jedermann seine Meinung dazu abgeben konnte.


Viel weniger Eingaben

Gab es im Rahmen des ersten Anhörungsverfahrens im Sommer letzten Jahres noch rund 16 000 Stellungnahmen, waren es diesmal bis Aschermittwochnachmittag noch keine 1600 wie von Tennet-Sprecherin Ulrike Hörchens zu erfahren war. Zumindest eine davon kam auch aus den Haßbergen. Eine Aufdröselung der Eingaben nach Regionen war gestern noch nicht machbar: "Eine Aufteilung der Stellungnahmen nach Gebieten ist leider nicht möglich. Ein erster Überblick zeigt aber, dass sich die Mehrzahl der Stellungnahmen mit den Gleichstrom-Projekten SuedLink, SuedOstLink sowie dem Projekt P44 und seiner Alternative P44 mod beschäftigt."
Tönte die Ablehnung aus Nachbar-Landkreisen seit Wochen lautstark in Richtung Bayreuth (Sitz des Netzbetreibers Tennet) und München (Staatsregierung) blieb es in den Haßbergen vergleichsweise ruhig. Erst am gestrigen Aschermittwoch meldete sich das Landratsamt zu Wort.

In einer Stellungnahme von Landrat Wilhelm Schneider (CSU) heißt es, dass "durch die jetzt wieder vorgesehene P44-Trasse erhebliche Beeinträchtigungen für unseren Landkreis zu befürchten sind".

Explizit führt der Landrat Argumente ins Feld, wie "Schutzgut Mensch" oder Grundwasserschutz. Aber auch Beeinträchtigungen beim Natur- und Landschaftsschutz, wobei er sich die Gründe, die gegen die Genehmigung von Windrädern sprachen , zu eigen macht: " Der Landkreis gilt als sehr artenreich."

Die Vielzahl von Rote-Liste-Arten habe sich unter anderem bei der Standortsuche für Windkraftanlagen gezeigt, aber auch bei Tagen der Artenvielfalt. Über die Hälfte der Landkreisfläche nähmen Landschaftsschutzgebiete ein (Naturparke Haßberge/Steigerwald). Wörtliche heißt es: "Die ausgedehnten Wälder weisen in weiten Bereichen wertvolle Laub- und Mischwaldkulturen auf mit einer entsprechenden Artenausstattung. So wurden in den Haßbergen an verschiedenen Standorten die Wildkatze nachgewiesen. Bei den Wildkatzen sind auch Fortpflanzungsnachweise vorhanden."

Für streng geschützte Vogelarten sowie zahlreiche Fledermausarten bilden die Wälder des Naturparks Haßberge und Steigerwald wichtige Refugien. Insbesondere gebe es Vorkommen von Uhu, Schwarzstorch, Wespenbussard sowie eine Fischreiherkolonie. Daneben ist auch das Vorkommen von Ameisenbläulingsarten im Landkreis zu beachten.

Mittels Karte wurde der Stellungnahme auch ein Überblick beigelegt, wo die streng geschützten Vogelarten Uhu, Schwarzstorch, Weißstorch, Wespenbussard und Rotmilan in den letzten Jahren nachgewiesen wurden.
Soweit des Landrats Einlassungen. Auf Unterstützung darf Wilhelm Schneider seitens der Regierung von Unterfranken bauen, da er sich deren Argumentation gegen die Bürgerwald-Windräder zu eigen gemacht hat. Aber auch die Staatsregierung ist nicht erbaut über die neuen Tennet-Pläne im Bundesnetzentwicklungsplan.


Keine neue Schneise

Schneider darf auf Unterstützung aus München setzen, obgleich der Bundesnetzplan eine Bundesangelegenheit ist. So hat die Bayerische Staatsregierung bei ihrer Kabinettssitzung vergangene Woche eine klare Haltung zu den Plänen der Übertragungsnetzbetreiber für den deutschlandweiten Ausbau der Stromnetze festgelegt und weitere Änderungen eingefordert.

Erheblichen Nachbesserungsbedarf sieht der Ministerrat laut Pressemitteilung bei den Wechselstrom-Projekten. Die Projekte P44 (von Thüringen nach Grafenrheinfeld) und P44 mod. in der vorliegenden Ausgestaltung habe das Kabinett erneut abgelehnt.


Netzoptimierung hat Vorrang

Die Wirtschaftsministerin, so heißt es weiter in der Pressemitteilung, habe betont, dass die Staatsregierung auf die vollständige Einhaltung der energiepolitischen Vereinbarungen der Koalitionsspitzen vom 1. Juli 2015 bestehe. Die Region um Grafenrheinfeld müsse gegenüber den ursprünglichen Ausbauplänen entlastet und Bestandstrassen müssten so weit wie nur möglich genutzt werden. "Wir erwarten von den Übertragungsnetz-Betreibern, dass alle Maßnahmen der Netzoptimierung und Netzverstärkung ausgeschöpft sind, bevor neue Verbindungen ins Spiel gebracht werden", wird Ilse Aigner weiter zitiert.

Im nördlichen Haßbergkreis gibt es bisher Stromleitungen auf höherer Spannungsebene (110 kV) von Eltmann nach Ebern und von dort aus weiter nach Ebensfeld und nach Seßlach. Deren Masten sind zwar nicht vollständig ausgenutzt, taugen aber von technischer Seite her nicht, um 380-kV-Kabel anzuhängen.

Landrat Schneider gibt auch zu bedenken, dass der Landkreis mit seinen ländlichen Strukturen intensiv daran arbeite, diese Bereiche für sanften Tourismus zu nutzen und sein Tourismuskonzept aufzubauen.


Auch keine Erdkabel

Neue Leitungstrassen könnten diese Konzeptentwicklung empfindlich stören. Darüber ist der Landkreis bereits durch vorhandene Trassen, wie zum Beispiel im Maintal erheblich beeinträchtigt. Auch aus Sicht des Denkmalschutzes sehr bedenklich.

Auch gegen Erdverkabelungen spricht sich Schneider "in unseren wald- und hügelreichen Gebieten aus", da die erforderlichen Schneisen das Natur- und Landschaftsbild erheblich stören würden.