Wenn die Vorwürfe der Staatsanwältin zutreffen, kann man nur von einem brutalen Anschlag auf die Seele eines Kindes sprechen. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg soll ein heute 40-jähriger Arbeiter seine damals fünf bis acht Jahre alte Tochter sexuell missbraucht haben. Weil die Vertreterin der Anklage weitere Zeugen vernehmen lassen will, hat das Jugendschöffengericht am Amtsgericht in Haßfurt den Prozess am Montag nach gut vierstündiger Verhandlung unterbrochen. Fortgesetzt wird er in zwei Wochen.

Laut Anklageschrift haben sich die schlimmen Ereignisse von 2002 bis 2005 in einer Gemeinde im nördlichen Haßbergekreis abgespielt. Alle Prozessbeteiligten waren am ersten Verhandlungstag damit einverstanden, eine ausführliche Video-Aufzeichnung von der polizeilichen Vernehmung des betroffenen Mädchens im Gerichtssaal abzuspielen. Dadurch blieben dem heute 15-jährigen Opfer das persönliche Erscheinen im Zeugenstand und die Konfrontation mit seinem Vater erspart.

"Sehr oft in der Nacht, vielleicht drei- bis fünfmal in der Woche", erzählte die Schülerin mit stockender Stimme und fahrigen Bewegungen ihrer Hände, sei es zu den sexuellen Übergriffen gekommen. Da sei der Vater zu ihr ins Bett gekrochen. "Ich habe immer so getan, als ob ich schlafe", berichtete sie weiter. Sogar, als das Kind im Ehebett zwischen den Eheleuten lag, soll der Vater gegrabscht haben.

Aufforderung

So ungeheuerlich es klingt, offenbar war das nicht alles. Wiederholt habe sich der Vater zusammen mit ihr geduscht und dabei sexuelle Handlungen vorgenommen. Außerdem soll er ihr Pornofilme gezeigt haben. Aus lauter Angst habe sie der Mutter nichts gesagt.

Schließlich kam ein Vorfall auf dem Video zur Sprache, als die Eltern abends im Wohnzimmer Geschlechtsverkehr miteinander hatten. Da, berichtete das Opfer in der gefilmten Aufzeichnung, soll der Vater sie aufgefordert habe zuzuschauen. "Guck hin, wie's richtig geht", hat er laut Aussage zum Kind gesagt.

Von all dem will die damalige Ehefrau des Angeklagten nichts mitbekommen haben. Ihre Ehe, sagte sie im Zeugenstand, sei sehr problembeladen gewesen. Sie war sich immer sicher, dass ihr Mann sie betrogen hat. Seit 2007 ist die heute 38-Jährige von dem Mann, mit dem sie vier Kinder hat, geschieden. Sie lebt in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen. Als sie vom Jugendamt im April 2011 von den Missbrauchsvorwürfen gegen ihren Ex-Mann erfuhr, fiel sie schockiert aus allen Wolken, wie sie darstellte.

Als die Frau nach der Scheidung wegzog, gingen die Kinder mit. Erstaunlicherweise kehrte in der zweiten Jahreshälfte 2010 das Missbrauchsopfer freiwillig zu seinem Vater nach Bayern zurück. Als Grund gab sie an, dass sie da besser auf ihre kleine Stiefschwester aufpassen konnte. "Damit ihr nicht das Gleiche passiert wie mir", sorgte sie sich.

Als es viel Streit und Stress zwischen Vater und Tochter um Geld, Handy, Zigaretten und Internetnutzung gab, zog die Schülerin vor knapp zwei Jahren endgültig wieder zur Mutter in den Westen der Republik. Dort absolviert sie einmal pro Woche eine ambulante Therapie, um das Erlebte aufzuarbeiten.

Zwei ehemalige Klassenkameradinnen und ein jugendlicher Freund wurden gestern als Zeugen vernommen. Eine der Schülerinnen glaubt, dass die Vorwürfe nur erfunden sind, um dem Vater und der neuen Stiefmutter eins auszuwischen. Die andere Zeugin hingegen und auch der Ex-Freund gehen davon aus, dass die Anschuldigungen im Wesentlichen zutreffen.

Vertagt

Um bestehende Zweifel auszuräumen, wurde die Jugendschöffensitzung am Amtsgericht mit der Maßgabe vertagt, dass weitere Zeugen geladen werden. Für den zweiten Verhandlungstag erhalten die beiden ermittelnden Polizeibeamtinnen, die Therapeutin des Kindes sowie die jetzige Ehefrau des Beschuldigten eine Vorladung als Zeugen. Die öffentliche Fortsetzung ist für Montag, 4. Februar, um 10 Uhr in Haßfurt anberaumt.