Den 1. Mai 1986 wird Reinhold Albert (damals 33) aus Sternberg nie vergessen: An diesem herrlich sonnigen Feier- und Ausflugstag sickerten über Schweden erste Informationen über erhöhte Radioaktivitätsdosen in Mitteleuropa aufgrund der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl durch. Trotzdem hatte sich der Grenzpolizist aus Maroldsweisach mit einem anderen Grenz- und Problemfall zu befassen: der Flucht eines jungen DDR-Grenzers, der dabei seinen Vorgesetzten niederstreckte.

Die Republikflucht des 19-jährigen Sven M. aus Leipzig, der der Grenzkompanie "Einöd" angehört hatte, sorgte
wegen des Gebrauchs seiner Maschinenpistole, mit der er seinem Vorgesetzten, dem 24 Jahre alten Feldwebel Frank Q. in den Oberschenkel und den Unterleib schoss, für diplomatische Interventionen auf höchster Ebene.
Ein Auslieferungsantrag der DDR wurde abgelehnt, der geflüchtete DDR-Grenzer wurde im März 1988 am Bamberger Landgericht zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt.


Spaziergänger fotografiert

Reinhold Albert (jetzt Kreisheimatpfleger im Kreis Rhön-Grabfeld) hatte an diesem Maifeiertag mit einem Kollegen zunächst einige Ausflügler am "antiimperialistischen Schutzwall", so die DDR-Lesart, entlang geführt. Was auf der Gegenseite nicht unbemerkt geblieben war. Deshalb wurde der DDR-Grenzposten alarmiert und eine Zwei-Mann-Streife in Marsch gesetzt, um die Spaziergänger von gegenüber zu fotografieren, was regelmäßig passierte.

Reinhold Albert fällt dazu gerne eine Anekdote ein: So führte der Beamte, der später von der Polizeiinspektion Ebern übernommen wurde, Mitte der 80er Jahre eine deutsch-französische Mädchengruppe nach Dürrenried bei Maroldsweisach. Gegenüber des "Eisernen Vorhanges" lag Käßlitz, das südlichste Dorf der DDR.

Während bei den DDR- Grenzwächtern ansonsten stets verordnetes eisernes Schweigen herrschte, wurde der Polizeibeamte diesmal von einem im Beobachtungsturm bei Poppenhausen befindlichen DDR- Grenzsoldaten gebeten, einige Meter zur Seite zu gehen, damit er sich mit den hübschen Mädchen unterhalten könne. Er lud sie gar noch zum abendlichen Kirchweihtanz ein.


Kalaschnikow weggeworfen

Doch an diesem Maifeiertag ging es nicht so friedlich ab. Als der Feldwebel gegen 16.30 Uhr seinen Foto-Apparat in einem Unterstand nahe des Tores auf dem Weg von Ermershausen nach Schweickershausen aufbaute, nutzte der 19-jährige Kollege die Gelegenheit zur Flucht, wobei er seinen Vorgesetzten mit gezielten Schüssen außer Gefecht setzte. Laut Mitteilung des DDR-Generalanwalts wurde der Feldwebel lebensgefährlich verletzt. Seine Maschinenpistole warf Sven M. vor dem drei Meter hohen Metallgitterzaun weg, aufs Westgebiet nahm er noch ein Messer und 60 Schuss Munition mit.

Die Bauern, bei denen der Flüchtig um Hilfe bat, riefen gleich bei der Grenzpolizeistation in Maroldsweisach an: "Bei uns im Hof sitzt ein DDR-Soldat." Der Beamte am anderen Ende Leitung stutzte: "Was oder wer sitzt bei Euch im Hof?" Die Antwort: "Na, a DDR-Soldat! Der is völlich fix und fertich."


"Wollte es hinter mich bringen"

Wenig später trafen die bayerischen Grenzpolizisten, darunter Reinhold Albert, auf dem Aussiedlerhof bei Ermershausen ein, woraufhin in Ost und West die Maschinerie des Kalten Krieges ansprang. Hüben wie drüben wurde fotografiert und vermessen, Spuren gesichert.

Erst sagte der DDR-Flüchtling nur, dass Schüsse fielen. Schnell wurde aber auch den West-Ermittlern klar, dass auf der Gegenseite jemand zu Schaden gekommen war. Der Flüchtling kam nach Bamberg in Untersuchungshaft und plädierte zunächst auf Notwehr, später im Prozess auf "Vollzugszwang": "Ich wollte es hinter mich bringen." Und just am 1. Mai bot sich aus seiner Sicht die beste Chance, als der Vorgesetzte seine Waffe abgelegt hatte, um die Fotokamera aufzubauen und er ihm zurief. "Ich hau' jetzt ab!" Als sich Q. daraufhin umdrehte, habe er aus der auf Dauerfeuer gestellten Waffe drei Schuss abgefeuert.

Trotz seiner Klagen über die Gängeleien im DDR-Regime, persönliche Umstände und seinen Freiheitsdrang musste sich der 19-Jährige vor der bundesdeutschen Justiz verantworten.
Laut Gerichtsprotokoll soll Sven M. "total überrascht gewesen sein, als er kurz nach der gelungenen Flucht in einem westlichen Gefängnis landete".

Dem Geflüchteten wurde im März 1988, eineinhalb Jahre vor der Grenzöffnung, vor dem Landgericht in Bamberg der Prozess gemacht. Vorangegangen waren diplomatische Verhandlungen auf höchster Ebene. Das DDR-Außenministerium hatte die Auslieferung verlangt und Prozessbeobachter entsandt.


Mehrtägige Verhandlung

Der Flüchtling wurde nach einer mehrtägigen Verhandlung wegen versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Das Gericht war - auch aufgrund der Aussagen des Opfers - davon überzeugt, dass der Flüchtende aus einer Distanz von 1,7 Metern die Beine seines Vorsetzten, als der mit dem Aufbau seiner Kamera beschäftigt gewesen war, hätte treffen können, wenn "er nur gewollt hätte".
Prozessbeobachter sprachen damals von einem "harten Urteil zur Abschreckung", mit dem möglicherweise die DDR-Verantwortlichen zufrieden gestellt werden sollten.

Quellen:
Zeitungs- und Zeitzeugenberichte von Reinhold Albert, Jutta Behr-Groh, Ralf Kestel, Neue Presse, Bote vom Grabfeld und dem Buch "Flucht aus der DDR" von Gerhard Schätzlein
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