Jürgen Frey bewegt sich lautlos durch die Nachbarschaft. Lautlos und sauber. Er und seine Frau Wilma sind überzeugte Elektrofahrer. Beim Thema Stromzahlung haben die beiden aber noch hörbaren Diskussionsbedarf.

Seit sechs Jahren sind die Freys elektrisch unterwegs. Zunächst hatten sie neben dem "Peugeot iOn" - einem Elektroauto der ersten Generation - ihren Benziner als Zweitwagen behalten. Doch die strombetriebene Variante überzeugte das Paar schließlich komplett: "Wir sind zum Entschluss gekommen, dass wir nichts Anderes mehr fahren als elektrisch." Mittlerweile ist das Paar auf einen BMW mit 27 Kilowatt starkem Akku umgestiegen.

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Ihre Photovoltaikanlage in Haßfurt bringt die nötige Energiezufuhr, denn die Freys tanken Sonne: Die Module auf dem Dach liefern über ein Ladekabel in der Garage Strom. "Wir tanken im Moment für null Euro, weil das alles die Sonne macht", erklärt Jürgen Frey. "Wir müssen den Ertrag, den wir tanken, zwar versteuern - aber günstiger funktioniert es nicht." Der 47-Jährige achtet darauf, das Auto zu hundert Prozent mit Sonnenenergie zu laden, ohne das Stromnetz zusätzlich anzuzapfen. "Wenn es bewölkt ist und wir den Strom über die Anlage gerade so fürs Haus zusammenbekommen, schließen wir das Auto meist nicht an."

Verkürzte Ladedauer beim E-Auto

Etwa vier Mal pro Woche hängt der BMW am Ladekabel, knapp elf Stunden dauert es, bis er über eine gewöhnliche Haushaltssteckdose komplett aufgeladen ist. Die Freys haben zusätzlich ein Schnell-Ladekabel angebracht, das über elf Kilowatt verfügt und die Ladezeit auf zweieinhalb Stunden verkürzt. Mit einem vollen Akku kommen sie rund 200 Kilometer weit. Ein einziges Mal sind sie bisher liegen geblieben - nur 600 Meter hätten ihnen noch bis zur nächsten Ladesäule gefehlt.

"Mit 200 Kilometern Reichweite kommt man im Kreis Haßberge immer wieder nach Hause", ist Frey überzeugt. Mittlerweile nutze er nur selten Ladestationen abseits der eigenen Garage: "Für weitere Strecken laden wir außerhalb und meistens über 50-Kilowatt-Schnelllader. Da dauert es 25 Minuten, bis wir weiterfahren können - das sind eine Tasse Kaffee und ein Toilettengang."

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Doch was in der eigenen Garage so unkompliziert möglich ist, gestaltet sich an öffentlichen Ladesäulen komplexer. Denn im Gegensatz zu Benzin- und Dieselpreisen an Tankstellen werden die Stromkosten an Ladesäulen nicht angezeigt. Frey lädt den BMW übers Smartphone und die App seines Stromanbieters EnBW. Diese zeigt an, welche Ladesäulen im Umkreis besetzt oder noch frei sind. An der öffentlichen Ladesäule am Haßfurter Norma-Parkplatz angekommen, scannt Frey mit dem Handy zunächst einen QR-Code an der Station.

Die Haßfurter Ladesäulen sind barrierefrei. Das heißt, jeder Stromanbieter kann auf die Ladestationen der Kreisstadt zugreifen und Autofahrer somit unabhängig von ihrem Anbieter jede Säule nutzen. Aber: "Was am Ende der Preis ist, ist momentan noch ein Wackelspiel. Man müsste vorher beim Ladesäulenbetreiber nachschauen, wie viel es kostet, wenn man als Fremder darauf zugreift."

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Die Betreiber der Ladesäulen - beispielsweise das Stadtwerk Haßfurt, die ÜZ Mainfranken oder Eon - können Roaming-Gebühren verlangen: Tankt ein E-Autofahrer beispielsweise über die Eon-App oder Ladekarte an einer Säule des Haßfurter Stadtwerks, fallen ähnlich wie beim Geldabheben an einem "falschen" Bankautomaten zusätzliche Kosten an. Das Stadtwerk Haßfurt verlangt daher beispielsweise pro Ladevorgang eine Gebühr in Höhe von 40 Cent.

Gratis-Zeiten für E-Fahrer sind vorbei

Dass Anbieter ihren Strom kostenlos zur Verfügung stellen, wird in Zukunft immer seltener vorkommen, glaubt Günter Lieberth, Energieberater am Umweltbildungszentrum in Oberschleichach. "Am Anfang hat man E-Pionieren kostenlos Strom gegeben. Jetzt ist es Standard über Handy oder Ladekarte", sagt Lieberth. "Bei den lokalen Anbietern muss man aber keine Wucherpreise erwarten."

Unzählige verschiedene Anbieter mit eigenen Ladekarten und Apps können im Elektro-Bezahlsystem schnell Verwirrung stiften. Zudem verlieren Ladekarten ihre Gültigkeit, wenn ein Anbieter seine Zuständigkeit an einen anderen verkauft, wie kürzlich die Telekom. "Es ist nicht praktikabel, wenn ich 25 Apps und drei Karten rumschleppe und auf einmal ist sie nicht mehr gültig", macht Frey deutlich, während er durch sein Mäppchen voller Ladekarten blättert.

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Dieses Problem will die Bundesnetzagentur nun anpacken: Preise an Ladestationen sollen transparenter und wie an anderen Tankstellen angezeigt werden. In Freys Augen ein längst fälliger Schritt. Eine Zahlungsmöglichkeit per EC- oder Prepaid-Karte direkt an der Ladestation könne er sich beispielsweise als Lösung vorstellen. "Das war ein Chaos, was die vergangenen sechs Jahre betrieben wurde, da durfte ja jeder machen, was er wollte. Das ist teilweise katastrophal."

Und dennoch: Die Fahreffizienz, der fehlende Lärm und CO2-Ausstoß machen Wilma und Jürgen Frey zu definitiven Pro-Elektrofahrern. Vermeintliche Gegenargumente, wie fehlende Recyclingmöglichkeiten von E-Akkus oder eine angeblich geringe Reichweite, können die beiden nicht nachvollziehen. "Die Frage ist ja, wie viel ein durchschnittlicher Mensch an einem Tag fährt", gibt Wilma Frey zu bedenken. "Die wenigsten fahren 300 Kilometer, außer Außendienstler. Und auch die machen mal Pause." Ehemann Jürgen pflichtet ihr bei: "Es gibt genügend Ladesäulen. Für den urbanen Nahverkehr reichen 200 bis 300 Kilometer Reichweite aus."

Auto-Akku bergabwärts aufladen

Eine gute Vorbereitung auf Langstrecken sei zwar notwendig, aber mit entsprechenden Apps, die Ladestationen im Umkreis anzeigen, gut planbar. Die Freys haben mit ihrem Elektroauto sogar einen Ausflug an den Gardasee unternommen. Den Brenner hinunter konnte der Akku von selbst wieder an Reichweite laden. Autohersteller bieten zudem lange Garantien auf Akkus, die mittlerweile bis zu 20 Jahre halten können. Auch die Förderung beim Kauf eines Elektroautos wurde kürzlich auf 9000 Euro aufgestockt.

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E-Autos seien in der Anschaffung zwar teuer, aber nach dem ersten Kundendienst ihres BMWs habe sich bestätigt, wie gering der Verschleiß der Fahrzeugteile ist. Der Kreis Haßberge sei zudem gut mit Ladestationen ausgestattet, einzig an Schnell-Ladesäulen mangele es derzeit noch. Und eine Sache gibt es, die den Elektroliebhabern fehlt: Eine größere Bandbreite an E-Modellen zu erschwinglichen Preisen. "Tesla hat zwar viel für die Elektromobilität getan, aber ich würde mir wünschen, dass die Autohersteller was Vernünftiges für vernünftiges Geld bauen würden", sagt Jürgen Frey. Er persönliche träume nämlich von einem E-Camper in seiner Garage.

2 Stunden beträgt die durchschnittliche Ladedauer in Oberschleichach, in Zeil eine Stunde und 40 Minuten. Zu 90 Prozent werden die Akkus nur nach- und nicht komplett aufgeladen.

94 Elektrofahrzeuge sind derzeit im Kreis Haßberge zugelassen: 52 reine E-Autos sowie 36 extern aufladbare Hybrid-Benziner und sechs Hybrid-Diesel. Ende 2019 waren es 150.

5600 Kilowattstunden wurden 2019 an den Zeiler Ladestationen gemessen, 2018 waren es noch 6000. In Oberschleichach waren es im vergangenen Jahr 720 kWh, im Jahr zuvor 411.

Zahlen und Fakten zu E-Ladestationen im Kreis Haßberge

Standorte Im Landkreis Haßberge wird kein offizielles Verzeichnis über die vorhandenen E-Ladestationen geführt. Städte, Kommunen oder Energieversorger kümmern sich selbst um die Standortwahl. Energieberater Günter Lieberth hat zuletzt 33 Ladestationen mit insgesamt 74 gleichzeitig nutzbaren Ladepunkten gezählt. "Die Verteilung ist immer noch stark überwiegend im Maintal, was auf das jahrelange Engagement der drei regionalen Energieversorger in ihren Netzgebieten zurückzuführen ist." Allein das Stadtwerk Haßfurt betreibt aktuell 14 Ladestationen mit 35 Ladepunkten. Die Ladestationen sind online einsehbar unter www.goingelectric.de/stromtankstellen, www.ladeatlas.elektromobilitaet-bayern.de oder www.lemnet.org/de/map.

Beste Lage Die öffentliche Nutzbarkeit, Größe sowie die Lage zwischen Bahnhof und Stadtmitte und der Anschluss für Wohnmobile waren ausschlaggebend für die Installation der Ladestationen am Zeiler Altstadtparkplatz, erklärt Stadtwerksleiter Jürgen Klose. "Wir brauchen einen Standort, wo die Leute länger stehen und in der Nähe Zeit verbringen können, wie im Restaurant oder Supermarkt." Auch Schwimmbad- oder Kinoparkplätze eignen sich. Entscheidend ist auch, wo sich der nächste größere Stromanschluss befindet. Die Ladestation auf dem Parkplatz gegenüber des Ubiz in Oberschleichach (ÜZ) wird häufig von Kursteilnehmern genutzt.

Ladevorgänge Im Jahr 2019 verzeichneten die Stadtwerke 439 Ladevorgänge am Altstadtparkplatz, 2018 waren es 463. Klose führt den Rückgang darauf zurück, dass mehr Elektrofahrer eigene Ladesäulen zuhause nutzen. In Oberschleichach sind die Ladevorgänge von 38 auf 65 angestiegen.

Fairnessregel Unter E-Fahrern gilt der Ehrenkodex, mit vollem Akku keinen Ladeplatz zu blockieren. Ein Problem sei laut Lieberth, dass Verbrennungsmotoren häufig E-Parkplätze besetzen. Das kostet 50 Euro Strafe.