Vor Martin Beckert auf dem Tisch liegen Wallfahrtsbüchlein, Liedersammlungen und Telefonlisten. Der 65-Jährige aus Westheim ist Wallfahrtsführer in dritter Generation. Seit fast 100 Jahren pilgert die katholische Gemeinde aus Westheim zur Basilika Vierzehnheiligen. Die Pilgerfahrt findet alle zwei Jahre statt, die nächste am 18. und 19. Juni. "Das Wallfahren bringt einem für das Innere, für die Seele sehr viel", meint Martin Beckert. Die Pilgerfahrt ist eng mit seiner Familiengeschichte verknüpft.


Gelöbnis aus Erstem Weltkrieg

Sein verstorbener Großvater Karl Beckert hat ihm persönlich erzählt, wie die Wallfahrtstradition in Westheim entstanden ist: Im Ersten Weltkrieg (1914-18) sind die Brüder Karl, Ignatz und Gregor Beckert als Soldaten an der Front. Im Schützengraben bangen sie um ihr Leben.
In ihrer Not geloben sie, regelmäßig eine Wallfahrt anzutreten, sollten sie den Krieg heil überstehen. Tatsächlich kehren die drei Brüder zurück und hielten ihr Gelöbnis. Karl Beckert organisiert die ersten Wallfahrten zur rund 50 Kilometer entfernten Pilgerstätte Vierzehnheiligen. Bis zu 100 Westheimer schließen sich damals an. Später übernimmt sein Sohn Oskar diese Aufgabe. Seit 1976 ist dessen Sohn Martin Wallfahrtsführer.


Auch mit dem Bus

Dieses Jahr hat er extra Plakate und Flyer drucken lassen, die Pilger melden sich bei ihm an. Die Wallfahrer werden von der Kirche St. Michael nach Haßfurt laufen. Dann geht es mit dem Bus weiter nach Lichtenfels und von dort zu Fuß weiter nach Vierzehnheiligen. Martin Beckert schätzt: "Wir laufen bis eineinhalb Stunden von Westheim nach Haßfurt. Und dann von Lichtenfels nochmal eine gute Stunde hoch zur Basilika."

Vor jeder Prozession muss er viel organisieren. Auf ihrem Weg beten und singen die Wallfahrer, es gibt Vorbeter und rund zehn Kirchenmusiker aus Westheim. Vorneweg laufen zwei Fahnenträger und ein Schildträger. Das historische Wallfahrtsschild zeigt die 14 Nothelfer und steht jetzt noch in der Kirche. In Vierzehnheiligen wird das Schild mit einem Kranz geschmückt.

Außerdem informiert der Wallfahrtsführer die Feuerwehr und die Polizei, damit die Wallfahrer problemlos durch die Städte laufen können. An Knotenpunkten werden die Beamten dann den Verkehr regeln.

Ein Fahrzeug, in dem Getränke, Snacks und Gepäck für die Übernachtung sind, begleitet die Pilgerfahrt. "Das ist mindestens 15 bis 20 Jahre her, dass ein Begleitfahrzeug bereit gestellt wird. Die Leute waren mir dann auch sehr dankbar", sagt Martin Beckert. Auch die Übernachtung in Vierzehnheiligen sei vornehmer geworden. "Früher hat man auf Pritschen oder im Beichtstuhl oder in der Kirche auf den Bänken geschlafen. Und jetzt hat man Zimmer mit Dusche und WC."

In einem Fotoalbum hat er die vergangenen Wallfahrten dokumentiert. "Der Einzug in die Basilika, das Glockengeläut, das Herumlaufen um den Gnadenaltar, das berührt einen. Da kommen schon manchmal die Tränen bei manchen Leuten", sagt er. Allerdings nimmt die Anzahl der Wallfahrer ab. Vor einigen Jahren waren es circa 130 Personen, dieses Jahr etwa 100. "Die Älteren sterben weg, und die Jugend hat andere Interessen", meint der Wallfahrtsführer. In seiner Familie lebt die Tradition weiter, sein dreijähriger Enkel Julian geht erstmals mit. "Das ist jetzt die fünfte Generation", sagt Martin Beckert stolz.