Es ist zum Haareraufen! Seit Wochen verhindert die Corona-Pandemie den längst fälligen Besuch beim Friseur. Spliss, herauswachsendes Grau im sonst sorgsam getönten Haupthaar und Matten, die eher an ein Vogelnest, denn an eine vernünftige Frisur erinnern, lassen die Menschen im Landkreis verzweifeln. Aber während es für die meisten von ihnen mehr um die gepflegte Erscheinung, also eine Äußerlichkeit geht, ist die Situation für die Friseure inzwischen existenzbedrohend.

Der zweite Lockdown zwingt sie bereits seit dem 16. Dezember, Scheren, Föhns und Kämme still und die Salons geschlossen zu halten. Und dies voraussichtlich noch über Wochen. In einem dramatischen Appell haben sich jetzt die Innungsobermeister aus dem Landkreis Haßberge via Video-Botschaft in den Sozialen Medien an die Bevölkerung gewandt. Über Facebook & Co. hoffen Oliver Merkl aus Haßfurt und Volkmar Greb aus Untersteinbach, Aufmerksamkeit zu erregen und die Politik auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen. Sie fordern eine gerechte Verteilung der staatlichen Unterstützungshilfe, denn fast alle Friseurbetriebe im Landkreis Haßberge seien bei der Vergabe der Mittel "durchs Raster gefallen".

Sie erhielten keine oder nur eine unbedeutende Unterstützung, "die zum Leben nicht reicht", macht Innungsobermeister Merkl deutlich. Er betreibt den Salon "Team Art of Hair" in der Haßfurter Bahnhofstraße mit acht Mitarbeitern. Andere Gewerbezweige, speziell den Gastrobereich, unterstütze der Staat mit 75 Prozent ihres Umsatzes aus den Monaten November/Dezember 2019, doch die Friseure, mit ihnen beispielsweise auch Kosmetikbetriebe, fielen durch das Raster. "Nicht, dass ich der Gastronomie die Zahlungen nicht gönne", betont Merkl, "aber ich fordere Gleichberechtigung". Als Obermeister fühle er sich verpflichtet, für seine Zunft Partei zu ergreifen.

Mit dem Rücken zur Wand

"Wir stehen mit dem Rücken zur Wand", beteuert Greb, seit 1997 Chef eines mittlerweile 90 Jahre alten Familienbetriebs in der Hauptstraße von Untersteinbach ("Trendsalon"). "So kann's nicht weitergehen." Die Innungsmeister fürchten, dass jeder fünfte der 80 000 Friseurbetriebe im Land Insolvenz anmelden muss. "Zurzeit bleibt nichts übrig; wir leben allein vom Ersparten", klagt Merkl. Der Handwerksmeister, der seinen Betrieb seit 27 Jahren führt, schildert, er habe "das Gefühl, mir gleitet gerade alles, was ich mir in langen Jahren aufgebaut habe, durch meine Hände und ich kann nichts dagegen tun".

Nach dem ersten Shutdown im Frühjahr hatte es so ausgesehen, als würde sich die Situation für die Friseurbetriebe im Landkreis stabilisieren. Seit 4. Mai durften die Salons wieder öffnen, mit strengen Hygiene- und Abstandsvorschriften, Einmalumhängen und Maskenpflicht. Das obligatorische Haarewaschen vor dem Schnitt war fortan Vorschrift, dafür blieb das Bartschneiden tabu.

Damals hatten die Friseure noch staatliche Soforthilfe erhalten, viele nutzten die Kurzarbeit und der Andrang bei Wiedereröffnung der Salons war dementsprechend. Preiserhöhungen blieben nicht aus, und irgendwann schienen die Friseure auch 2020 wieder ihren Schnitt zu machen. Doch dann kam der herbe Einschnitt, der zweite Lockdown, der Friseure besonders hart trifft. Er erzeugt, wie es Oliver Merkl formuliert, "absolute finanzielle Engpässe".

Die Gesamtbilanz trügt

Dabei kamen die meisten der unterfränkischen Handwerksbetriebe laut aktuellen Angaben der Handwerkskammer bisher relativ ungeschoren durch die Corona-Krise: 83,4 Prozent der Firmen der Region Main-Rhön bewerteten die Entwicklung als befriedigend, allen voran das Bauhaupt- und Ausbaugewerbe.

Haarsträubend dagegen sieht es bei den sogenannten "Betrieben der persönlichen Dienstleistung" aus, zu denen die Friseure und Kosmetiker zählen. Hatte sich im Jahresschnitt die Mehrheit noch einigermaßen zufrieden gezeigt, so bewerten inzwischen fast zwei Drittel ihre Lage als schlecht. In manchen Schilderungen ist von "Katastrophe", "Aufgabe" und "einfach nicht mehr können" die Rede.

Lesen Sie auch: Impfbereitschaft in Pflegeheimen "erfreulich hoch" - knapp 60 Prozent bereits geimpft

Die Innung beklagt, dass über die Überbrückungshilfen zunächst nur Fixkosten anteilig erstattet wurden. Viele Vertreter der Branche hätten indessen keine oder kaum nennenswerte Fixkosten, die sie hier geltend machen könnten. Versicherung, Krankenkasse und sonstige Ausgaben müssen sie dennoch zahlen. Das Wirrwarr aus Soforthilfen, Überbrückungshilfen I bis III, November- und Dezemberhilfe mit stetig veränderten Regelungen und Parametern bringt viele zur Verzweiflung.

Verband fordert Umlenken

Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) prangert den zweiten Lockdown als "endgültige Existenzbedrohung für viele Betriebe" an. Der ZV hatte 1300 Friseure bundesweit zu den Corona-bedingten Umsatzeinbrüchen befragt und war zu einem dramatischen Ergebnis gekommen: Umsatzverlust mit 30 Prozent und mehr noch vor dem zweiten Lockdown. Nur acht Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, keine Existenzängste zu haben.

Der Verband fordert unter anderem eine schnelle und unbürokratische "Überbrückungshilfe III". Durch die aktuellen Regelungen, so wird prophezeit, würde die große Nachfrage an Friseurleistungen illegalen Betätigungen Tür und Tor öffnen. "Genau das ist unser nächstes Problem", sagt Oliver Merkl, "durch den Lockdown steigt die Schwarzarbeit enorm. Die Betriebe gehen kaputt und andere bereichern sich". Auch deshalb müssten die Salons so bald wie möglich wieder öffnen.

Im eben erschienenen Konjunkturbericht der Handwerkskammer für Unterfranken heißt es: "Wichtig für das Handwerk ist es, dass von der Pandemie betroffene Betriebe schnelle und unbürokratische Hilfen erhalten."

Es gehe darum, betont Hauptgeschäftsführer Ludwig Paul, Existenzen zu schützen und "das breite Angebot an handwerklichen Produkten und Dienstleistungen aufrecht zu erhalten". Heftige Worte wählen die befragten Friseure aus dem Landkreis zur aktuellen Situation. Telefonate belegen eine Stimmungslage zwischen Verzweiflung und Wut. Zum Beginn der Pandemie habe es mit der Unterstützung durch Freistaat und Bundesrepublik noch gut geklappt, doch mittlerweile fühlen sich viele "von der Politik verraten und verkauft".

Auch interessant: Landkreis plant zweites Impfzentrum in Zeil

"Die Bazooka, die Finanzminister Scholz auspacken wolle, verbläst nur heiße Luft", wettert einer. Regularien und Bestimmungen hätten sich weit von der Realität und dem Leben draußen entfernt. Eine Jung-Unternehmerin beteuert, sie habe alles unternommen, um die Auflagen zu erfüllen, Friseurstühle aus dem Salon entfernt und Kunststoffwände eingebaut. Nun werde sie derart abgestraft. Die Politik fälle Entscheidungen, ohne dass wissenschaftlich belegt sei, dass Friseursalons eine Gefahr darstellen.

Solidarität in Sozialen Medien

Am Mittwoch veröffentlicht, hat der Videoaufruf des Obermeister-Duos binnen kürzester Zeit etliche tausend Menschen erreicht und bewegt. Der Videoaufruf wurde vielfältig kommentiert und geteilt. "Es ist kurz vor zwölf!", bestätigt eine Friseurin; ein männlicher Kollege prophezeit den "Totalkollaps".

"Einfach nur traurig, was die Regierung treibt", meint eine Frau auf Facebook und eine andre findet: "Sowas zu hören, macht wütend." - "Wenn der Staat die Geschäfte schließt, muss er auch dafür haften", heißt es in einem anderen Kommentar. "Es werden hier Sachen entschieden, die äußert fragwürdig sind", befindet eine Kommentatorin und ein Mann rät zu einer Sammelklage aller bayerischen Friseure gegen die Regierung.

Die Resonanz jedenfalls ist groß, sagt Oliver Merkl, der bereits am ersten Tag mehr als 20 000 Gäste auf seinen Facebook-Kanälen verzeichnete. Das Schneeballsystem zur Verbreitung des Videos funktioniert. Womöglich hat es auch schon den Weg zu den richtigen Adressaten gefunden.

Digitalministerin Dorothee Bär, als Bundestagsabgeordnete für den Kreis Haßberge zuständig, meldete sich telefonisch bei Merkl. Die CSU-Politikerin aus Ebelsbach kündigte an, sie wolle ein Treffen mit Vertretern der Wirtschaftspolitik, womöglich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, arrangiere, damit die Frisörmeister ihr Anliegen vorbringen können.

So zeigte sich Merkl am tag nach der Veröffentlichung des Drei-Minuten-Videos zumindest ein wenig zuversichtlich: "Vielleicht bringt die emotionale Kraft, die wir da aufgebracht haben; doch etwas!?"