Wer extra von Wuppertal in den Eberner Stadtteil Brünn reist, der muss sicherlich einer außergewöhnlichen Einladung folgen. Das tat Lore Leder in der Tat. Ihr ehemaliger Schulkollege, der heute 66-jährige Manfred "Manni" Koch, lud sie und viele andere zu einem Klassentreffen in die ehemalige Volksschule nach Brünn ein.
Dass Lore Leder kam, freute die Brünnerin Hanne Ebert ganz besonders: "Sie ist vier Jahre älter als ich. Als junges Mädchen habe ich immer für sie geschwärmt." Als sich die beiden nach etlichen Jahren am Wochenende in Brünn gegenüberstanden, mussten sie genau hinsehen, um einander wiederzuerkennen.

Manfred Koch wurde in Brünn geboren und übernahm nach der Schule den landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern. Im Gegenssatz zu vielen seiner Klassenkameraden ist Brünn immer seinem Heimatort treu geblieben.
"Ich habe alle eingeladen, die von 1952 bis 1959 in die Volksschule Brünn eingeschult wurden", berichtet er.
Seit Januar hat er das Zusammentreffen geplant und nach ehemaligen Klassenkameraden gesucht. "Meine Schwester hat auch noch Kontakt zu einigen", sagte Manfred Koch, "aber ich bin auch zu den Familien direkt hingegangen."

Briefe statt Facebook

Denn Facebook & Co. gab es damals noch nicht, um sich stets in Augen und Erinnerung zu behalten. Zur Schulzeit von Manfred Koch und Hanne Ebert verewigte man sich noch in Reinschrift in Poesiealben und schrieb sich Briefe.

Willy Likwer hatte davon allerhand aufgehoben und beim Treffen herumgereicht: "Das war ja hervorragend, was ich für Briefe geschrieben habe", war Lore Leder über ihr Können von damals erstaunt. Ebenso erstaunt waren fast alle, wie sich so mancher rein äußerlich verändert hat: "Was? Du bist wirklich der Häfners Ernst?", riefen sie, als ihnen dieser die Hand zur Begrüßung gab.

Das Leben der Volksschulkinder in Brünn war geprägt von Ober- und Hauptlehrer Willy Bergmann (gestorben 1974) und seinem Wirken. "Das schönste war, als er vom Krieg erzählte", erinnerte sich Manfred Koch an seine Kindertage, "da war ein halber Tag schnell rum." Bergmann war Kriegsteilnehmer und auch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Am 1. Dezember 1949 wurde er an der Volksschule Brünn angestellt. 1954 wurde das neue Schulhaus an der Straße nach Frickendorf eingeweiht.

"Bergmann war Politiker", besann sich Walter Lehnert. Seine erste Frage jeden Morgen muss gewesen sein: "Was gibt es Neues?" Dann sollten die gut 30 Jungen und Mädchen, die von Jahrgangsstufe 1 bis 8 in einem Raum unterrichtet wurden, die Zeitung gelesen haben und über die Geschehnisse in der Welt Bescheid wissen.

Alles viel strenger"

"Bei uns war alles viel strenger", verglich Walter Lehnert seine Schulzeit mit der seines Sohnes, "da hat es Hiebe gegeben." Musikunterricht gab es nur selten. "In der Ecke stand ein Harmonium", kam Hanne Ebert in den Sinn, "das benutzen wir vielleicht einmal im Monat." Im Rahmen des Sportunterrichts trugen die Schulkinder Holz für die Heizung in das Schulhaus oder nahmen an Wettkämpfen in Pfarrweisach teil.

So wie einst zur Schule, kam Peter Miener aus Neuses am Raueneck auch zum Klassentreffen mit dem Fahrrad. "Einen Schulbus gab es noch nicht", erinnerte sich der Rentner, der heute bis zu 50 Kilometer täglich mit seinem Elektrofahrrad unterwegs ist. Sein Schulweg als junger Bursche war kurz, der seiner katholischen Kameraden hingegen lang. "Nach Brünn in die Schule konnten nur evangelische Kinder gehen. Wer katholisch war, musste nach Kraisdorf in die Schule laufen", erzählte Hanne Ebert.

Nachdem der Schulbetreib in Brünn eingestellt wurde, fand der Kindergarten eine Herberge in diesem Haus. Heute steht das ehemalige Schulhaus den Vereinen aus Frickendorf und Brünn zur Verfügung. "Da ist nicht mehr viel von früher geblieben", bedauerte Manfred Koch. Gut, dass die Erinnerungen zumindest bleiben.