"Warum haben wir bloß die Stühle aufgestellt?" Gaby Heyder zweifelte am eigenen (Sach-)Verstand. Die Chefin des Bamberger Veranstaltungsservices erkannte sehr schnell, dass die 1800 Besucher des "BAP"-Konzertes am Freitagabend im Eyrichshöfer Schlosshof gar nicht sitzen wollten (bzw. sitzen bleiben konnten). Und die, die Platz genommen hatten, waren vom ersten Ton an vom Stuhl gerissen. Wolfgang Niedecken und Band hauten sie vom Hocker, zogen drei Stunden lang eine Tour de force durch 40 Jahre Bandgeschichte durch, die nicht nur eingefleischte Fans begeisterte. Deutsche Rockmusik vom Feinsten, schnörkellos, aufrichtig - einfach gut. Spielfreude pur. Der Spaß an den eigenen Werken hält an (und jung) - lebenslänglich.

"Bitte noch ein Kölsch" lautete denn auch der Wunsch, als "BAP" um kurz nach 23 Uhr abtrat. Abtreten musste. Mehr ging nicht, mehr durfte nicht sein.
Der (genehmigte) Antrag auf "außergewöhnliche Störereignisse", so heißt der Bescheid im Behördenjargon wirklich, lässt nicht mehr zu.

Denn trotz seiner 66 Lenze fängt Niedecken unter drei Stunden Programm eigentlich gar nicht erst an, wie er in einem Interview mit unserer Zeitung im Vorfeld verriet."Deswegen hatte es vor dem Konzert sogar einige Diskussion gegeben", bestätigte Gaby Heyder BAPs Lust auf Longplayer. Und schließlich heißt das Programm ja "Lebenslänglich".


Soll das ein Störereignis sein?

Von wegen Störereignis: Am Feitag waren die Kölner besonders gut drauf. Der Sommerurlaub steht bevor. Den freien Tag zuvor hatten Band und Crew in Bad Staffelstein verbracht, um ausgeruht nach Ebern zu düsen.
Dabei schweifte so mancher Blick aus dem Fenster. "Ihr habt es so schön hier", schwärmte Niedecken, der Meister des BAP-Gebabbels. Er hat also nicht nur Augen für seine Heimatstadt, der er ein weiteres Liebeslied schenkt, obwohl "es schon Tausende gibt".

Die Rock-Puristen mögen es mir verzeihen: Auch das beste Lied, das "BAP" je herausgebracht hat, ist auch eine Hymne auf ein Kölner Urvieh. "Der Jupp" zieht nicht nur sein Segel hoch, sondern mit seiner melancholischen Tiefe die Massen in seinen Bann. "Von Stalingrad erzählt er nie." Das Schicksal eines Kriegsteilnehmers, für den es noch kein Krisenintervention-Team gab, sondern nur die Flucht in den Suff. Eine Wahnsinns-Nummer. Gänsehaut pur.

Natürlich wurde mehr gerockt als geschwoft, aber die BAP-Balladen sind eine Klasse für sich. Der "Liebeslieder-im-Sitzen"-Zyklus riss jedenfalls mit. "Halt dich irgendwo fest", erschallte aus 1800 Kehlen. "Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr gerne Kölner seid? Ihr singt in einer Sprache, die nicht die Eure ist?", fragte Niedecken die Franken, wobei er dem Autoren im Interview verraten hatte, wie sehr er den fränkischen Zungenschlag mag.

"Ihr seid ein romantisches Völkchen, Ihr Eberner. Ich hätt' Euch auch allein singen lassen können", lobte er sein Publikum, das aber auch von weiter weg angereist war, um dem Idol zu huldigen. Einer trug ein Konzert-T-Shirt, das 30 Jahre auf dem Buckel hat.

Der Schlosshof-Sound? Wie an den Vortagen schon: Brillant perfekt, glasklar. Die Beleuchtung: Standard, ergänzt durch eine wunderbare Laser-Illumination des Gutshofes, die nach dem Konzert zum Verweilen verführte.
"Verdamp lang her", das "älter ist als unser Schlagzeuger" (Sönke Reich, Jahrgang 1983) erklang nach zwei Stunden vor den Zugaben. Die Band stieg noch mehrfach auf die Bühne (siehe vorne).

Bedauerlicherweise hat "Kristallnach" auch nach 34 Jahre noch aktuelle Bedeutung. "Ich hoffe, dass wir trotz der wirren Ereignisse dieser Tage für ein bisschen Freude sorgen?", lautete das Motto der Band, die sich aus vorzüglichen Musikern zusammensetzt.

Nicht nur optisch eine Attraktion: Anne de Wolff, die anscheinend jedes Instrument beherrscht, das es im Musikhaus Thomann in Treppendorf zu kaufen gibt. Dazu noch Gitarrist Ulrich Rode und Keyboarder Michael Nass, der im guten alten Stil die Hammond-Orgel durchs Leslie jagt, was einfach natürlich klingt als diese Computer-Sounds. "Dä Herrjott meint et joo met mir" urteilt Niedecken über sein Musiker-Dasein, seine Touren und Konzerte. Mit uns hat es am Freitag auch einer gut gemeint.