Manfred Wagner

Bei schweren Verkehrsunfällen mit Motorrädern denken viele Menschen automatisch an Raserei - aber das ist nicht zwangsläufig so. Beim Zusammenstoß zwischen einem Krad und einem Traktor, bei dem vor zwei Jahren der Motorradfahrer ums Leben kam, traf den Getöteten keinerlei Schuld. Unfallursache waren vielmehr zwei leichte Fahrfehler des Schlepperfahrers (47 Jahre). Wegen fahrlässiger Tötung wurde der Mann bei einem Strafprozess am Amtsgericht in Haßfurt zu einer Geldstrafe von 110 Tagessätzen à 50 Euro, also zu insgesamt 5500 Euro verurteilt, verbunden mit einem einmonatigen Fahrverbot.
Der spektakuläre Unfall ereignete sich am Nachmittag des 25. Juli 2014 auf der Staatsstraße zwischen Kreuzthal (Gemeinde Riedbach) und Löffelsterz (Kreis Schweinfurt). Der Lenker des in Richtung Löffelsterz fahrenden Traktors mit Anhänger wollte von der Straße nach links in einen unbefestigten Weg abbiegen. Kurz nach 16 Uhr kam es zu dem Frontalzusammenstoß mit dem entgegenkommenden Krad. Dabei wurde dessen Fahrer, ein 54-Jähriger aus Hofheim, so schwer verletzt, dass alle Rettungsversuche einer Notärztin zu spät kamen: Er starb noch an der Unfallstelle.
Zu der Gerichtsverhandlung kam es, weil der nicht vorbestrafte Traktorfahrer gegen einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Einspruch eingelegt hatte. Dieser Strafbefehl lautete auf 5000 Euro Geldstrafe und zwei Monate Fahrverbot.
Rechtsanwalt Bernhard Langer betonte sogleich, dass sein Mandant "keine sportliche Fahrweise" an den Tag gelegt habe. Der Unglücksfahrer schilderte den Unfallhergang so, dass er das entgegenkommende Kawasaki-Motorrad nicht gesehen habe und dass mitten im Abbiegevorgang plötzlich "etwas Schwarzes" schnell herangezischt sei.
Um den genauen Ablauf zu rekonstruieren, wurde unmittelbar nach dem Unfall eine erfahrene Sachverständige damit beauftragt, ein Gutachten zu erstellen. Die Berechnungen und Feststellungen aus dieser Expertise spielten eine zentrale Rolle in dem Prozess. Zusammenfassend kommt das Gutachten zu dem Ergebnis, dass zwei Fahrfehler des Schlepperfahrers ursächlich für den Zusammenstoß waren: Zum einen hat der Fahrer beim Abbiegen die Gegenfahrbahn sehr schräg "geschnitten" und zum anderen hat er nicht intensiv genug nach vorne geschaut, ob etwas entgegenkommt.
Aufgrund der detaillierten Unfall-Rekonstruktion stand fest, dass der Motorradfahrer keine Mitschuld hatte. Seine Geschwindigkeit lag bei knapp 100 Stundenkilometern und er hatte wie vorgeschrieben das Fahrlicht eingeschaltet. Etwa 50 Meter vor dem Kollisionspunkt bemerkte er den abbiegenden Traktor und versuchte, mit einer Vollbremsung das Schlimmste zu verhüten. Da er aber mit rund 70 Stundenkilometern aufprallte, erlitt er ein massives und letztendlich tödliches Schädel-Hirn-Trauma.


"Augenblicksversagen"

Weil die Fahrfehler des Beschuldigten für sich genommen nicht so gravierend sind, wurde das Verhalten des Hobbylandwirts nur als fahrlässig eingestuft. "In 99 Fällen passiert da nichts", sagte Amtsrichterin Ilona Conver, "aber in diesem Fall ging alles schief." Auch Staatsanwalt Thomas Heer meinte in seinem Schlussplädoyer, dass "wir alle Fehler machen und dass der Beschuldigte sicherlich kein Verkehrsrowdy" sei. Er sprach von einem "Augenblicksversagen" und beantragte 120 Tagessätze.
Die Gerichtsvorsitzende reduzierte dieses Strafmaß geringfügig und erläuterte in ihrer Urteilsbegründung den Fall. Den anwesenden Schülern des Gymnasiums auf den Zuhörerbänken erklärte sie, dass das deutsche Strafrecht nicht in erster Linie die Folgen einer Tat bestraft, sondern das Fehlverhalten eines Täters. Es gilt der Grundsatz: "Nulla poena sine culpa" - zu Deutsch: keine Strafe ohne Schuld. Das Urteil des Gerichts ist noch nicht rechtskräftig.