Marion Krüger-Hundrup

Bamberg — Der Sohn, dessen Vater ein SS-Hauptsturmführer im KZ Auschwitz-Birkenau war, zeigt sich über diese Enthüllung nicht sonderlich entsetzt. Gleichwohl schwingt ein pechschwarzer Ton mit, als er sagt: "Mich wundert das nicht."
Nennen wir den Sohn einfach Markus Mayer. Denn der 1953 in Bamberg geborene Nachkomme des evangelischen Pfarrers und Nazi-Schergen Alfred Schemmel (1905-1987) möchte sich nicht öffentlich outen. Nicht in seiner beruflichen Position, die der Akademiker einnimmt. Doch mit der Journalistin, die ihn in Franken aufgespürt hat, spricht er unverblümt: "Ich war eine existentielle Bedrohung für diesen Mann", weiß Markus Mayer.
Niemand in Bamberg ahnte, dass er der uneheliche Sohn Schemmels ist. Er selbst erfuhr es erst, als er 14 Jahre alt war. Und das auch nur, weil der neue Lebensgefährte seiner Mutter Druck auf Alfred Schemmel ausübte, die Vaterschaft endlich anzuerkennen und Unterhalt zu zahlen. Ein Notar regelte das Notwendige.
Danach gab es nur "ein bizarres Gespräch mit Schemmel über mein politisches Engagement in der damaligen Zeit, das ihm missfiel", blickt Mayer auf die Nicht-Kontakte mit seinem Vater zurück, der für das einstige kleine Kind Markus "der Onkel Fred" gewesen ist.
Oft war er mit seiner Mutter im Haus von Alfred und Hertha Schemmel am Michaelsberg und erlebte das Ehepaar als fürsorglich. Später war der Pfarrer für den herangewachsenen Markus "nur noch eine Autoritätsperson, die drohte". Aber "ab einem bestimmten Zeitpunkt tangierte es mich nicht mehr", distanziert sich Müller von seinem ungeliebten Vater.


Hinweise schon 2005

Erst als Alfred Schemmel 1987 in Bamberg starb, erfuhr seine Witwe von der wahren Herkunft Markus Mayers. "Ich habe kaum etwas geerbt, es reichte gerade für meinen ersten Computer", erklärt er lachend. Und wird wieder ernst: "Ich möchte mich nicht mehr für diesen Mann interessieren müssen", betont Mayer, bekennt aber, dass er nach der Enthüllungsgeschichte im Fränkischen Tag "gegoogelt" hat. Und feststellte, dass amerikanische Quellen schon 2005 von SS-Hauptsturmführer Alfred Schemmel berichteten.
"Schemmel war sicher nicht der einzige, der durch einen konsequenten Identitätswechsel seine Haut zu retten versuchte", vermutet Hansjörg Müller-Velten. Der pensionierte Oberstudiendirektor (79), der in seiner Kinderzeit Alfred Schemmel als Pfarrer der Erlösergemeinde erlebte, warnt die Nachgeborenen davor, "aus heutiger Sicht die Situation leichtfertig zu beurteilen". Das habe absolut nichts damit zu tun, "die Untaten Schemmels und anderer in der NS-Zeit zu beschönigen".
Doch man wisse nie, wie "die jungen Männer damals hineingeraten sind", sagt Müller-Velten. Anders als zuvor befragte Zeitzeugen hat der promovierte Biologe und langjährige Direktor des Bamberger Dientzenhofer-Gymnasiums und Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasiums keinerlei Berührungsängste, seinen Namen im Zusammenhang mit Alfred Schemmel in der Zeitung zu lesen.


Kalkül oder Umkehr?

Hansjörg Müller-Velten hält es für überaus wichtig, "dass meine Generation für die nächsten Generationen unsere Vergangenheit aufarbeitet". Emotionalen Urteilen über den NS-Schergen Schemmel stellt Müller-Velten die nicht mehr zu beantwortende Frage entgegen: "War seine perfekte Tarnung in Bamberg Kalkül oder eine tatsächliche Umkehr?"
Denn er und seine Familie sowie viele andere hätten Alfred Schemmel in den unruhigen Nachkriegszeiten als "Institution erlebt, die Angst vor der Zukunft nahm", so der 79-Jährige. Es sei deutlich spürbar gewesen, dass Schemmel selbst Sorgen und Nöte gekannt habe.
Und doch "andere als zugewandter Seelsorger getröstet hat". Auch Schemmel-Sohn Markus Mayer räumt ein, dass "dieser Mann sehr beliebt und jovial gewesen sein muss", ein "sehr mächtiger und wichtiger Mann in Bamberg". Er habe jedenfalls keinen Kontakt mit ihm gesucht, als er erfuhr, dass Onkel Fred sein leiblicher Vater ist. Zu tief saß die Enttäuschung über diese Lebenslüge.