Eine böse Überraschung erlebte ein 32-jähriger Syrer aus Schwerin im Amtsgericht Bamberg. Nachdem ihn das Schöffengericht wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt hatte, wurde er aus dem Gerichtssaal direkt in die JVA Bamberg gebracht. Dabei hatte der anerkannte Flüchtling Ayub S. (Name geändert), der seit fünf Jahren in Deutschland lebt, bis zuletzt seine Unschuld beteuert. Er habe nicht mit dem Messer zugestochen.

Rückblende. Weit nach Mitternacht ist es, als Richard P. (Name geändert) auf der Tanzfläche bemerkt, wie zwei arabische Männer eine junge Frau "antanzen". "Sie haben das Mädchen am Hintern, an der Hüfte und an den Armen angefasst".

Weil außer ihm niemand eingreift, auch nicht der Begleiter der Frau, stellt der Student den Grabscher zur Rede. "Ich sagte, er solle das lassen und gehen". Die beiden Araber verlassen daraufhin die Disco. Alles scheint in bester Ordnung. Nur das Mädchen habe sich nicht einmal für die Hilfe bedankt.

Ungefähr eine Stunde später kommt einer der beiden zurück. Er bittet Richard P., mit vor die Tür zu kommen. Man habe da etwas zu klären. Draußen gehen die beiden einige Schritte auf der Straße entlang. Vielleicht, um den Kameraaugen zu entgehen. Der Fremde fragt: "Bist Du das von vorhin?" Als Richard P. bejaht, spürt er plötzlich einen unfassbar schmerzhaften Schlag im Bauch. Dann läuft der Unbekannte wortlos davon. Dass ihn soeben ein Messer in der Nähe des Nabels hineingerammt worden ist, hat Richard P. gar nicht gesehen.

Noch Glück im Unglück

Als er zurück zum Türsteher geht, bemerkt dieser das viele Blut. "Der Asylant hat mir in den Bauch gestochen." Erst im Klinikum am Bruderwald wird klar, um welch üble Stichverletzung es sich handelt. Ein spitzer Gegenstand, wohl ein Messer, hat sich durch die Bauchdecke gebohrt. "Die Attacke war völlig grundlos, eine geplante, keine spontane Bestrafungsaktion. Da fehlen mir die Worte", so Staatsanwältin Franziska Frohberg, die drei Jahre und neun Monate Gefängnis forderte.

Bis zu fünf Zentimeter tief geht die Wunde, hat aber glücklicherweise weder eines der Organe, noch ein größeres Blutgefäß und auch keine wichtigen Nervenbahnen erfasst. "Ich hatte tagelang einen suppentellergroßen Bluterguss, bekam eine Tonne an Medikamenten verschrieben und konnte eine Woche lang nicht gehen."

Video führt zu Täter

Es ist das Video einer Überwachungskamera und ein vom Landeskriminalamt in München qualitativ aufbereiteter Screenshot, der als Fahndungsfoto an die Medien, auch an infranken.de gegeben wird, die den Durchbruch bringen. Ein Security-Mitarbeiter aus der AEO Bamberg erkennt auf dem Foto Ayub S. Der forensische Anthropologe George Rauscher aus München ist es, der anhand von 47 Körpermerkmalen, einem unverwechselbaren Armband und einer Pigmentstörung am Unterarm mit wissenschaftlicher Expertise nachweist, dass Ayub S. der Mann auf dem Video ist, der mit Richard P. die Disco verließ. Nur drei Minuten, bevor dieser stark blutend wieder aus der Dunkelheit auftaucht.

Man kann Thomas Drehsen nicht vorwerfen, er hätte nicht alles versucht, um Zweifel an der Schuld seines Mandanten zu säen. Mit großer Akribie listete der Pflichtverteidiger aus Bamberg all die Dinge auf, die widersprüchlich sind. Was hauptsächlich daran liegt, dass Richard P. in besagter Nacht stolze 2,4 Promille Alkohol im Blut hatte. Nur von Weißweinschorle und Bier wohlgemerkt. "Ich habe doch einem Ruf als Student gerecht zu werden." Da die Kriminalpolizei Bamberg trotz aufwendiger Suche weder einen Augenzeugen, noch DNA-Spuren am Opfer und auch keine Tatwaffe gefunden hatte, blieb nur die Aussage Richard P.s. "Auf diese können Sie bei derart unklarer Beweislage nicht zu einem Schuldspruch gelangen", so der Rechtsanwalt. Er sollte sich irren.

Keine Zweifel an Schuld

Nach sechs Stunden hatten der Vorsitzende Richter Michael Herbst und seine beiden ehrenamtlichen Richter keine Zweifel daran, dass Ayub S. der Täter war. Das Schöffengericht verurteilte Ayub S. zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft und 2500 Euro Schmerzensgeld. Die Summe hatte die Nebenklage-Vertreterin Mareen Basler aus Bamberg gefordert. Nur die fehlenden Vorstrafen und die geringen Verletzungsfolgen verhinderten ein höheres Strafmaß.

Noch im Gerichtssaal kündigte Richter Herbst an, Ayub S. werde sogleich ins Gefängnis gebracht werden. Seine Verlobte lebe in den Vereinigten Arabischen Emiraten, seine Aufenthaltsgenehmigung sei bis 2022 begrenzt, er habe keinen sicheren Arbeitsplatz. "Da besteht Fluchtgefahr."