War es ein Paukenschlag? Zumindest ein Aufrufezeichen wurde in der letzten Sitzung des Stadtrats vor der Sommerpause gesetzt, und zwar ein deutliches. Einstimmig lehnten die Räte den Bauantrag über die Errichtung einer Service-Wohnanlage am Hirtenberg in Nedensdorf und damit ein Projekt von mehreren Millionen Euro Invest ab. Sie stellten sich dabei gegen den Vorschlag der Bauverwaltung. Anfangs hatte es nicht danach ausgesehen.

Es ist die Firma RLH Wohnungsbau GmbH aus dem südhessischen Mörfelden-Walldorf, die gerne die „ Senioren-Residenz am Hirtenberg & Service-Wohnanlage“ errichten würde, etwa 300 Meter nach Ende der derzeitigen Wohnbebauung des 251-Einwohner-Dorfs im Banzgau, auf einem erhöht liegenden Hanggrundstück mit zweifelsohne traumhafter Aussicht. Angedacht sind insgesamt 130 Einheiten: Wohnungen für „ Senioren Ü50“, Zimmer (Mikroapartments) und betreute Wohnungen mit unterschiedlichen Pflegebereichen beziehungsweise Pflegestufen und mit Palliativstation.

Die so genannten Mikroapartments sollen über eine Kitchenette verfügen und für maximal sechs Monate angemietet werden können. Eben für Geschäftsreisende oder für Arbeiter, die in der Region kurzzeitig ihrer Tätigkeit nachgehen. Einer der Hauptkritikpunkte in der Argumentation der Stadträte .

Ehe diese in die Diskussion einstiegen, erinnerte der amtierende Bürgermeister Hans-Josef Stich ( CSU ) daran, dass man bereits einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan aufgestellt habe für den Bereich Hirtenberg. Damals war noch ein anderer Investor im Gespräch, doch der Plan ist rechtskräftig. Er nannte es schade, dass das ursprüngliche Konzept Senioren-Wohnanlage mit Palliativstation und kleinem Hotel (für Angehörige) nun sehr in Richtung Service-Wohnanlage verrutscht wurde. Dies aber sei wohl laut Vorgaben des Bebauungsplans zulässig.

Und 43 mal „Mikrowohnen“

Bauamtsleiter Michael Hess ging ins Detail und erläuterte die Vorstellungen des Investors genauer. Nach oben hin dreigeschossig und in den Hang hineingebaut werden soll die dreiflügelige Anlage, die sich zum Tal und damit zum Panorama hin öffnet. Es gebe weiterhin betreutes Wohnen (22 Einheiten), auch ein Pallitativbereich mit 38 Plätzen sei weiter angedacht, aber eben nicht nur: Es sollten auch 25 „normale“ Wohnungen und 43 mal genanntes „Mikrowohnen“ entstehen, eine Gastroeinheit inklusive. 111 Stellplätze sind geplant. Auch wenn sich die Pläne geändert hätten, so Bauamtsleiter Hess, sei das durchaus weiterhin mit dem ausgewiesenen sonstigen Sondergebiet vereinbar. „Das ist nicht das, was ursprünglich ausgemacht war“, zeigte sich Werner Freitag (Grüne/Staffelsteiner Bürger für Umwelt und Naturschutz) überrascht. „Für mich stellt sich das als Ferienwohnanlage dar.“

Auch CSU-Fraktionschef Jürgen Hagel war unzufrieden: „Bei den ersten Beratungen stand noch etwas ganz anderes in der Objektbeschreibung.“ Zumindest habe man es anders aufgefasst. Er stellte die Frage in den Raum, ob die Straße Hirtenberg überhaupt für eine Erschließung dieser Art ausreiche. Außerdem wisse keiner, ob die Palliativstation überhaupt komme, ebenso wenig, ob das betreute Wohnen umgesetzt werde – und dann habe man womöglich noch mehr Wohnungen mit stetig wechselnden Gästen. Hagel schlug eine alternative Erschließung über die andere Seite vor, über bisherige Flurwege.

„Ich habe große Augen gemacht, als ich die Planungen gesehen habe, denn damit habe ich in keinster Weise gerechnet“, sagte Volker Ernst ( Freie Wähler ). Die Dimension des Projekts erschrecke. Auch er sah die Zufahrt als problematisch an. „Wir müssen die Bürger von Nedensdorf so früh wie möglich mit einbinden.“ Das forderte auch Jürgen Hagel.

„Ich kann den Eindruck nicht verhehlen, dass hier irgendwas gedreht wird“, formulierte es Erwin Richter (FW) vorsichtig. Mit einer Seniorenwohnanlage „Ü50“ konnte er sich so gar nicht anfreunden: „Unser amtierender Bürgermeister ist auch Ü50 – aber ist er ein Senior ? Sicher nicht.“ Bärbel Köcheler (FW) sprach von „Etikettenschwindel“.

Der Landratsamt hatte den Bauplan vorab schon überprüft und prinzipiell keine Bedenken geäußert. „Deswegen befinden wir uns im Prinzip in einer Sackgasse“, sagte Walter Mackert ( CSU ). Es sei zu befürchten, dass die übergeordnete Behörde ein Veto des Stadtrats aufhebe.

Mahnende Worte fruchten

Letztlich waren es die mahnenden Worte von Nedensdorfs Ortssprecherin Astrid Balzar, die den amtierenden Bürgermeister Stich, aber wohl auch etliche Räte ihre Meinung überdenken ließen. „Der Hirtenberg ist für so ein Projekt sicher nicht der richtige Erschließungsweg, es bräuchte eine Erschließung über die Straße zur ICE-Einstiegsstelle.“ Balzar appellierte eindringlich, nicht zuzustimmen. „Ich fühle mich getäuscht, warne vor dem Verkehr, den der Hirtenberg und letztlich ganz Nedensdorf dann ertragen muss. 111 Stellplätze, das ist ein ,Haufen Holz‘. Die Leute werden auf die Barrikaden gehen!“

Nach diesen Ausführungen war Stich nachdenklich geworden. „Ich tue mich selbst hart, werde aber jetzt auch dagegenstimmen“, kündigte er vor der Abstimmung an. „Hätten wir damals, als wir den Bebauungsplan aufgestellt haben, schon von der heute angestrebten Nutzung gewusst, das Gremium hätte wohl anders entschieden“, fügte Walter Mackert an. Und so wurde dem Bauantrag einstimmig das gemeindliche Einvernehmen versagt.