Vordergründig mag "Die zitternde Welt" von Tanja Paar (49) ein historischer Roman sein. Doch das eigentliche Thema ihres Buches ist zeitlos: In beeindruckender Schärfe und Tiefe schildert die österreichische Schriftstellerin den schleichenden Zerfall einer scheinbar glücklichen Familie.

In kurzen Szenen, begrenzt auf wesentliche historische Fakten, begleiten wir das junge österreichische Paar Maria und Wilhelm um 1900, später auch ihre im Osmanischen Reich geborenen drei Kinder Hans, Erich und Irmgard, während der folgenden vier Jahrzehnte über den Ersten Weltkrieg hinaus bis zum Beginn des Zweiten.

Die lebenshungrige Maria entflieht 1896 hochschwanger aus der familiären Enge der österreichischen Provinz und folgt ihrem Geliebten Wilhelm in die befreiende Weite Anatoliens, wo dieser inzwischen als Ingenieur auf deutscher Seite beim Bau der Bagdadbahn Arbeit gefunden hat. Von der Heimat bleibt bald nur eine blasse Erinnerung, ihre Kinder werden Türkisch besser als ihre Muttersprache sprechen. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, auch des Aufbruchs in eine globalisierte Welt.

"Unterschiedliche Richtungen"

Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwingt sie zurück in kleinstaatliches Denken. Geburtsort, nationale Grenzen und politische Allianzen gewinnen plötzlich an Bedeutung. Das Recht auf persönliche Freiheit und Selbstbestimmung ist verloren. Hans und Erich glauben sich mit falschen Papieren vor der Einberufung sicher. Wilhelm kehrt mit Frau und Tochter nach Wien zurück und meldet sich freiwillig zum Militärdienst. Später ist auch Erich an der Ostfront, Hans bleibt verschollen. "Alle drei waren sie in den Krieg gefahren, aber in unterschiedliche Richtungen."

Europa begann zu zittern, bald zitterte die Welt. Eindringlich schildert Tanja Paar die Verwerfungen innerhalb dieser anfangs so glücklich scheinenden Familie. Doch frühzeitig zeigten sich erste Risse im Familienglück. Alle fünf sind in Charakter und Vorlieben unterschiedlich. Heimatverlust, Krieg und dessen Folgen besorgen den Rest.

Einerseits ist "Die zitternde Welt" ein historischer Roman, der uns mit dem Bau der Bagdadbahn einen kaum noch beachteten Punkt deutscher Geschichte vertraut macht. Zudem beschreibt die Autorin den Zerfall des einst mächtigen Osmanischen Reiches in die heutigen Einzelstaaten, wo erste Ölförderungen zu neuem Aufschwung führen. "Das Öl, das war ein neues Zeitalter, dessen war sich Erich sicher."

Beklemmende Schilderung

Parallel zum Zusammenbruch des Osmanischen Reiches läuft die beklemmende Schilderung des Zerfalls von Marias Familie - nach Verlust der Heimat, politischen Einwirkungen und gesellschaftlichen Umbrüchen. "Freiwillig wäre sie nie zurückgekehrt in die sogenannte Heimat. Sie fühlte sich nicht als Österreicherin." Es stellt sich die Frage, ob es die Umstände sind oder wir selbst, die über unsere Entwicklung, unsere Entscheidungen und unser Handeln bestimmen. "Warum sollen wir der Willkür der Geschichte ausgeliefert sein? Warum nicht selbst für unsere Rechte kämpfen?", fragt Erichs Freund Ali.

Die einzelnen Figuren sind in ihrem unterschiedlichen Charakter von Tanja Paar plastisch beschrieben, deren individuelles Denken und Handeln ist konsequent nachvollzogen. So ist "Die zitternde Welt" nicht nur ein historisch interessantes Buch, sondern vor allem wegen der eingehenden und berührenden Schilderungen der einzelnen Schicksale ein emotional bewegender und sehr lebendiger Roman, den es zu lesen lohnt. Diese und weitere Rezensionen finden Sie auch bei Facebook auf der Seite "Buchbesprechung" (http://www.facebook.com/buchbesprechung)