von unserer Mitarbeiterin Petra Malbrich

Erlangen-Höchstadt — Bahnanlagen scheinen eine magische Anziehungskraft zu haben. Sie sind derzeit besonders als Hintergrundkulisse für Selfies beliebt. Dass sie sich dabei in Lebensgefahr bringen, scheinen die meisten Jugendlichen zu unterschätzen. Grund ist unter anderem die Symbolkraft, die hinter so eine Bild steckt: "Die Schienen, ein Beginn und ein Ende. Wir haben ein Ziel, gehen gemeinsam auf diesem Weg", interpretiert Rainer Schlemmer, Pressesprecher der Bundespolizei.
Erst kürzlich wurden zwei Mädchen auf den Gleisen der Strecke der Gräfenbergbahn bei der bildhaften Umsetzung dieser unzertrennlichen Gemeinsamkeit gesehen und gemeldet. "Die Hauptmitteiler sind die Lokführer, aber auch Anwohner", sagt Schlemmer. Teils halten die Anwohner die Jugendlichen fest, weil sie um die Gefährlichkeit wissen. Es gab schon Tote. Zwei Jugendliche sind im Regierungsbezirk Schwaben ums Leben gekommen. Die Polizei vermutete, dass Selfies gemacht wurden, teilt der Pressesprecher der Bahn mit.


Bremsweg von 1000 Metern

Seit einigen Jahren nehmen Selfies auf Bahngleisen zu. Von einem Trend zu sprechen, ist nach Ansicht des Bahnsprechers jedoch zu viel. Es komme eher selten vor. "Wir erleben hier einige Fälle, aber nicht jede Woche", sagt er über das Vorkommen in ganz Bayern. Trotzdem sei es besorgniserregend, da schnell etwas passiert ist. "Die Jugendlichen sind in der Situation so mit sich beschäftigt, stellen die Selfies dann gleich in die sozialen Netzwerke, dass sie nicht aufpassen", erklärt Schlemmer. Den Zug hört man doch und der Lokführer könne schließlich bremsen, denkt so mancher Jugendliche, wenn er sich auf die Schienen stellt.
Der Lokführer gibt auch einen Achtungspfiff und würde eine Schnellbremsung einleiten - was jedoch meist einen Bremsweg von 1000 Metern bedeutet, auf der Strecke der Gräfenbergbahn immerhin noch 500 Meter. Zu lange für den Ernstfall. "Der Bahnverkehr wird sofort unterbrochen, wenn Menschen auf den Gleisen sind", sagt der Pressesprecher der Bahn. Die Polizei untersucht dann den Bereich und wenn sie Entwarnung gibt, dass sich keine Menschen mehr auf dem Schienennetz befinden, erst dann wird der Betrieb wieder aufgenommen.


Hauptsächlich Mädchen

Tatsächlich hat die Zahl der Betriebsstörungen durch Personen im Gleisbett zugenommen, sagt Schlemmer. Von 2012 bis 2014 waren mehr als 45 Prozent der Betriebsstörungen darauf zurückzuführen. 960 Fälle wurden bis Ende Juni dieses Jahres in ganz Bayern gezählt. Hauptsächlich sind es Mädchen, die sich auf die Gleise stellen, um Romantik und Symbolik festzuhalten. Die Aufklärungszahl ist aber hoch, informiert Schlemmer, die immer wieder auch Überwachungsflüge durchführt.
Im Aufklärungsgespräch zeigen sich die meisten einsichtig. Aber es gibt auch hier wenige unrühmliche Ausnahmen. "Zicken, die den Beamten gegenüber frech werden", sagt der Pressesprecher. Dabei ist gerade die Präventionsarbeit am wichtigsten. "Wir versuchen, gemeinsam mit der Bundespolizei aufzuklären", sagt der Bahnsprecher.
Er weiß, dass viele Jugendliche den Bahnhof als Abenteuerspielplatz betrachten. Um ihnen die Gefährlichkeit vor Augen zu führen, gehen Vertreter von Bahn und Polizei an Schulen, zeigen Bilder, auf denen beispielsweise Mädchen auf Schienensträngen balancieren, und diskutieren über Gefahren. "Vielen siehst du es dann am Gesicht an, dass sie so etwas schon gemacht haben", erzählt Rainer Schlemmer. Aber Präventionsarbeit bedeutet für ihn auch, mit Firmen zu sprechen, denn viele Firmen haben Gleise in ihrer Werbung.
Da hüpfen Kinder mit Rucksäcken auf dem Bahnsteig herum. In solchen Fällen reagieren die Unternehmen meist sofort. Denn so romantisch die Eisenbahnkulisse ist, so gefährlich bleibt sie.