Langsam wächst bei Christoph Dürr die Spannung. Noch ein paar Tage wird er im Münnerstädter Gymnasium mit seinen Klassenkollegen aus der zehnten Klasse die Schulbank drücken. Dann verabschiedet er sich für sechs Monate ins Abenteuer. Er darf das Klassenzimmer unter Segeln besuchen, ein Projekt der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und des bayerischen Kultusministeriums. Auf der Thor Heyerdahl segeln 34 Jugendliche in die neue Welt und lernen bei längeren Landaufenthalten in der Karibik und in Mittelamerika neue Kulturen und Lebensweisen kennen. Am 14. Oktober sticht die Thor Heyerdahl in Kiel in See.

Christoph Dürr ist über einen Zeitungsbericht auf das Klassenzimmer unter Segeln aufmerksam geworden. Der 14-jährige war sofort fasziniert, doch er hat lange und genau überlegt, ob er sich tatsächlich bewerben soll. Kurz vor Anmeldeschluss gab er sich den Ruck und schickte seine Bewerbung ab. Die erste Hürde war bereits genommen, als er zum Probe-Törn mit 50 anderen Jugendlichen eingeladen wurde. Dieser hat ihm sehr gut gefallen und auch die Zuversicht gegeben, dass er das ungewohnte Leben auf dem Schiff und in der Fremde meistern wird. Nach einem Abschlussgespräch mit der Projektleiterin Dr. Ruth Merk hieß es dann: warten, ob er genommen wird. Drei Wochen später kam die freudige Mitteilung: Christoph Dürr ist dabei.

Mittlerweile hat er alle nötigen Impfungen hinter sich gebracht, denn während der Landaufenthalte leben die jungen Expeditionsreisenden nicht in touristischen Einrichtungen, sondern wagen sich mit ihren Begleitern tief in die Ursprünglichkeit und den Alltag des jeweiligen Landes hinein. Medizinische Vorsorge war also wichtig, da die Tour Expeditionscharakter hat. Die Schüler lernen den Regenwald ebenso kennen wie Städte und die Menschen, die dort leben. Bei den Landaufenthalten wohnen die Jugendlichen in Gastfamilien, teilweise auch in einfachsten Verhältnissen. Sie sollen Natur und Umwelt in den Gastländern ganzheitlich erfahren und nicht nur so, wie sie in den touristischen Hochglanzprospekten vorkommen. Christoph Dürr ist gespannt, vor allem auf Kuba. Dort steht eine Fahrradtour auf dem Programm.Jeder bringt sein Rad mit. Die Fahrräder bleiben dann aber in Kuba und werden gespendet.

Spanisch spricht Christoph Dürr zwar noch nicht, aber das wird im Unterricht auf See gelehrt. Überhaupt: Schulisch wird der Reichenbacher am Ball bleiben, denn es sind Lehrer an Bord, die den Unterricht halten. Dieser ist ausgerichtet auf den Lehrplan der gymnasialen zehnten Klasse in Bayern. "Ich verpasse nichts", betont er. Latein und Französisch stehen aber nicht auf dem Lehrplan. Christoph Dürr ist optimistisch, dass er diese Lücken bis zum Schuljahresende aufholen kann. Dafür freut er sich auf einen Unterricht, der das, was er auf dem Schiff und an Land erlebt, mit einbezieht.

Jeder muss mithelfen

Außerdem wird Christoph Dürr Erfahrungen fürs Leben sammeln. Dazu gehört auch, dass die Aufgaben, die jeder bekommt, konzentriert und verlässlich erfüllt werden müssen, damit der gemeinschaftliche Alltag funktioniert. Neben dem Unterricht wartet nämlich die Arbeit an Bord auf die Schüler, egal ob in der Schiffsküche oder beim Wacheschieben. Auf der Thor Heyerdahl sind die jungen Leute Schüler und Matrosen zugleich. Sie sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen, aber auch selbstständig zu sein. Aber natürlich ist es auch das Abenteuer, das den Reichenbacher an diesem besonderen Auslandsaufenthalt besonders reizt.

Die Tatsache, dass alle Schüler ihr Handy an Bord abgeben müssen, stört Christoph Dürr nicht. "Das ist nicht so das Problem, weil ich erst spät ein Handy hatte", erklärt er. Kontakt zur Welt daheim hält die Mannschaft trotzdem. Alle zwei Tage stellt einer der Schüler einen Blog ins digitale Reisetagebuch, damit die Eltern die Fahrt mitverfolgen können. Sein Vater sei von Anfang an begeistert gewesen vom Entschluss, meint Christoph Dürr, während seine Mutter eher zurückhaltend war. "Sie mag schon jetzt keine Wetterberichte mehr lesen", erzählt Christoph Dürr, der in wenigen Wochen kurz vor Teneriffa seinen 15. Geburtstag mit seiner neuen Seglerfamilie feiern wird.

Volle Unterstützung für seinen Aufenthalt im Klassenzimmer unter Segeln hat Christoph Dürr auch vom Schönborn-Gymnasium erhalten. "Das ist eine tolle Chance", betont Oberstudiendirektor Joachim Schwigon. Er ist schon jetzt gespannt, was der Schüler nach seiner Rückkehr nach den Osterferien erzählen wird. Joachim Schwigon ist sich sicher: "Das sind Erfahrungen fürs Leben, die einem keiner mehr nimmt".