Marco Meissner Die französischen Truppen sammeln sich in Kronach. Auch in Bamberg, Coburg, Lichtenfels und Kulmbach stehen die Soldaten Gewehr bei Fuß. Die Festung Rosenberg wird in diesem Moment zum Ausgangspunkt für einen der bedeutendsten Feldzüge des 19. Jahrhunderts. Napoleons Grande Armée marschiert gegen Preußen - heute allerdings nur auf dem Spielbrett. Der Kronacher Museologe Alexander Süß weiß jedoch, dass sich die soeben veröffentlichte Simulation "Napoleon 1806" des jungen französischen Spieleverlags Shakos an einer für die Region einschneidenden Zeit orientiert.

"Preußen war der größte Gegner, den Napoleon noch hatte", erzählt Alexander Süß über das Jahr 1806. Und da Bayern sich zuvor den Franzosen zugewandt hatte, nutzte Bonaparte die fränkische Region als Ausgangspunkt für seinen Feldzug, der in seinen berühmten Triumphen bei Jena und Auerstedt gipfeln sollte. Den Angriffsbefehl für diese militärische Kampagne erteilte Napoleon in Kronach.

"Am 8. Oktober 1806 ist Napoleon nach Kronach gekommen", erzählt der Museologe. Dort habe er für einige Stunden im Pfarrhaus gewohnt. In Anwesenheit hoher Offiziere ritt er um 13 Uhr zu einer Inspektion zur Festung. Diese hatte er schnell als idealen Stützpunkt und möglichen Rückzugsort für seine Truppen auserkoren. "Festungen waren wichtige Orte für Napoleon und seine Armeen, die immer in Bewegung waren. So eine Festung war wie ein Schlachtschiff", sagt Süß.

Gut gelegene Stadt

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Der Soldatenkaiser ließ umgehend die Erker abbrechen, um gegnerischer Artillerie kein Ziel zu bieten. Und er inspizierte auch den Kreuzberg, ob dieser dem Feind als Ausgangspunkt für einen Angriff dienen könnte. Seine Erkenntnis dieses Tages: Es sei fahrlässig von den Preußen gewesen, das logistisch hervorragend gelegene Kronach mit seinem Bollwerk nicht einzunehmen.

Nach seiner Rückkehr in die Stadt besprach er mit seinen Offizieren die Pläne für seinen Vorstoß gegen die Preußen und Sachsen. Was sich da in Kronach tummelte, "war die erste Garde", stellt Süß fest. Klangvolle Namen waren zu hören, wie die der Marschälle Joachim Murat, Louis-Alexandre Berthier und Jean Baptiste Bernadotte, von dem die heutige schwedische Königsfamilie abstammt.

In den frühen Morgenstunden des 9. Oktober verabschiedete sich Napoleon bereits aus Kronach. "Ein Postillion kutschierte ihn Richtung Nordhalben", so Süß. Bonapartes Soldaten prägten das Geschehen in der Stadt aber noch längere Zeit. "Die Stadt wurde in diesen Tagen von den Franzosen überschwemmt", heißt es in einer historischen Quelle.

500 Franzosen gesellten sich beispielsweise zu den etwa 100 Bayern in der Garnison auf der Festung. Alleine auf dem Rückmarsch sollen schätzungsweise mindestens 15 000 Mann Kronach passiert haben. Gefangene und Verletzte wurden zudem in den Lazaretten auf der Festung und im Spital einquartiert. Diese Kontingente zu versorgen, war für die Kronacher ein Kraftakt, für deren Stadt von 1806 bis 1808 der Kriegszustand ausgerufen war.

Während der Feldzug in dem französischen Strategiespiel auf militärischer Ebene simuliert wird, können persönliche Erlebnisse darin natürlich nicht transportiert werden. Beispielsweise die Geschichte des Kronacher Juristen Andreas Lamprecht, der Französisch sprach und deshalb Napoleon bei seinem Ritt vom Pfarrhaus durch die Obere Stadt begleiten durfte. Die "Vivat"-Rufe der Bevölkerung und der französischen Soldaten mussten ihn beeindruckt haben. "Ein Popstar kam nach Kronach", versucht Süß einen Vergleich zu finden.

Einen guten Namen machte sich in dieser Zeit auch der spätere Medizinalrat Joseph Berner. Ihm wurde bei der Behandlung der Verwundeten und Kranken in den Lazaretten eine ausgezeichnete Arbeit attestiert. Später ließ seine Frau sogar auf den Grabstein gravieren, dass auch viele "fremde Krieger an der Seine Strand" ihm sein Leben verdankten.