Er hat Bob Dylan ins Fränkische übersetzt; er hat den Theaterfans eine "Stund' geschenkt"; er hat Franken nicht ans Meer verlegt - die Rede ist von Helmut Haberkamm. Den gebürtigen Dachsbacher konnte man bislang als lyrischen und dramatischen Chronisten des Aischgrunds bezeichnen, schaut er doch die Gegenwart wie die Vergangenheit des Landstrichs immer mit liebevoll-kritischem Blick an.
Doch jetzt hat er sich der Epik zugewandt. Der Begriff ist etwas angestaubt, aber er passt genau auf die Romane, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Und in dieser Zeit spielt auch Haberkamms hochdeutsches Romandebüt.
Mit "Sittengemälde" bezeichnete man gelegentlich Bücher, deren Schwerpunkt nicht eine aktionsreiche Handlung, sondern die kleinteilige Schilderung von Lebens- und Zeitumständen war. Als solche sollte man "Das Kaffeehaus im Aischgrund" denn auch sehen.


Die Erfüllung eines Traums

Der Hauptstrang des Romans ist schnell erzählt: Michael Wegmann war vor Jahren aus Peppenhöchstädt in die USA gegangen. Kurz vor der Gründung des Kaiserreichs kehrt er wohlhabend zurück und erlebt seine Heimat wenig verändert. Harte Arbeit und das Unterworfensein unter Wetterlaunen bestimmen den Jahreslauf der Kleinlandwirte. Wegmann erfüllt sich seinen Traum aus Cincinnati und eröffnet ein Kaffeehaus.
Wider Erwarten der Einheimischen wird es zu einem magnetischen Anziehungspunkt für Menschen aus Nah und Fern, Honoratioren der umliegenden Städtchen, Handelsreisende und Hausierer, Soldaten, die des Kriegs müde sind ... und natürlich typische Dorfcharaktere. Auch den Fürther Schriftsteller Jakob Wassermann lässt Haberkamm ins Kaffeehaus pilgern.
Wegmann, dem zumindest literarischen Urgroßvater des Autors, ist wenig persönliches Lebensglück beschieden; dennoch ist er bis an sein Lebensende für seine Gäste da. Und die bringen Nachrichten von weit her, aber auch fast vergessene örtliche Geschichten.
In der redensartlichen epischen Breite trägt so Haberkamm lokale Überlieferungen zusammen, wie sie eben von den Gästen im Kaffeehaus bei dieser oder jener Gelegenheit erzählt werden. Mit Julius, dem Bruder der jüdischen Wirtschafterin, schafft der Autor eine zweite Figur, die als Chronist der Zeit bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts fungiert. Die persönliche Heimatliebe packt er gleich ins erste Kapitel, in dem Wegmann von Neustadt bis in sein Dörfchen zu Fuß geht und den Aischgrund nach langer Zeit wiedersieht. Auf viele Protagonisten verteilt lässt Haberkamm ein rundes Bild entstehen, wie es vor gut 100 Jahren in der damals doch recht abgeschiedenen Gegend zuging.
Vielleicht schaut mal ein Höchstadter im Archiv nach, ob es einen Maurermeister Wauberlein gegeben hat. Die Neustadter können das gleiche mit dem Apotheker und dem Amtschreiber probieren. Doch wie auch das Ergebnis sein mag, die beschriebenen Typen kommen auch heute noch bekannt vor. Und etliche der eingestreuten Überlieferungen ebenso. Doch die eine stimmt nicht: Albrecht Dürer hat ein Aquarell hinterlassen, das ein idyllisches Fachwerkdörfchen zeigt, über dem Päppenhöschert steht.