"Er ist da", ruft jemand am Samstagabend aufgeregt im Treppenhaus des Pfarrzentrums St. Marien. Gemeint ist aber weniger der Metzger Heinz Gräf mitsamt Frau Christine, als vielmehr das, was von ihnen noch dampfend angeliefert wird: Haggis. Das schottische Nationalgericht ist so etwas wie fleischgewordene Symbolik, in Pastete gesetzter Geschmäcker trennender Geburtstagsbrauch. Kommt es auf den Tisch, feiert wer den schottischen Dichter Robert Burns. In Lichtenfels ist es regelmäßig das Städtepartnerschaftskomitee. Insbesondere die Abteilung, die Freundschaft zum schottischen Prestwick hält. Gesang und Zeremoniell inklusive.


In der Heimat hochverehrt

Robert Burns (1759-1796) ist Sinnbild für ein Schottland, das sich an England reibt, das stolz ist auf seine eigene Kultur, und auf Wertschätzung pocht. Der Poet Burns liebte Frauen, das Leben, war auf eigene Weise gläubig und zartfühlend. Und genießt in seiner Heimat kultische Verehrung. Ausdruck dessen ist das Burns Supper, ein Fest zu Ehren seines Geburtstages. An den Haggis, jenem Gemenge aus Innereien, Hafermehl und Nierenfett, der zu Kartoffelbrei und Gemüse auf den Teller kommt, wird sogar ein Gedicht adressiert, aufgesagt vom Hausherrn. Das ist in diesem Fall der Präsident der Abteilung Prestwick, der Rödentaler Roland Dier. Alle zwei Jahre geht er mit Mitstreitern das Zeremoniell in Lichtenfels an, welches Schauspiel ist und Verbundenheit erzeugt. Man sitzt, plaudert, schaut zu, wenn Haggis unter den Klängen eines in Kilt gekleideten Sackpfeifers zum Rednertisch getragen wird. Männer werden sich im Laufe des Abends von den Stühlen erheben, um sich mittels Trinkspruch vor den Frauen zu verbeugen, Frauen werden sich erheben, um einen Trinkspruch auf die Männer auszubringen. Noch später wird man Liedern aus Burns Feder zuhören und sich beim Abschied zum Hymne gewordenen Auld Lang Syne die Hände reichen.
"Der Erste hat von Anfang an geklappt", erinnert sich Heinz Gräf aus Kösten. Der Metzger wurde vor zehn Jahren mit dem Begriff Haggis konfrontiert. Damals war der Sohn mit Freunden in Schottland, zurück kam er mit dem Wunsch nach einer kulinarischen Extra-Wurst.


Starthilfe aus Schottland

"Wir haben uns von Schottland eine Büchse schicken lassen", schildert Vater Heinz eine Vorgehensweise bei der Recherche. Damit er sehen konnte, "wie das aussieht". Herz, Lunge, Leber, Hafermehl, Nierenfett, geröstete Zwiebeln und Gewürze - et voilà. "Ich rechne pro Mann 200 Gramm ein", erklärt er. Für zehn Mann gehe ein Tag an Küchenarbeit "drauf", erklärt er den Arbeitsaufwand. Ihm selbst schmeckt das fremdartige Rezept gut. "Wir haben was für uns daheim weggetan", lässt er kurz nach dem Anliefern verschmitzt wissen.
Monika Faber ist die Vorsitzende des Städtepartnerschaft-Komitees Lichtenfels e.V. Gesamt-Clan-Chief, wenn man so will. Alle zwei Jahre, so sagt sie in ihren Grußworten, freue sie sich auf das, was "Riesenaufwand" sei.
Aber Burns' Geburtstag ist eben auch ein "Abend zur Pflege der Kommunikation" und habe Tradition in einem Ort mit einer schottischen Partnerstadt. Auch sie überlässt sich dem Schauspiel, steht wie alle anderen zum obligaten Gebet vor dem Essen auf. Dieses Haggis - oder sagt man dieser Haggis? - ist so etwas wie ein Sinnbild für Lebenslust, dafür, dass alles seine Zeit hat und man das Leben feiern sollte, wenn das ansteht. Burns hat es in einer Textzeile ungefähr so ausgedrückt: "Manch einer würde gerne essen und kann nicht, wir aber haben zu essen und können. Und sagen Dank dem Herrn."


Skeptische Blicke

Doch im Publikum sitzen viele Menschen, die gerne essen und zu essen haben. Aber ob es unbedingt Haggis sein muss? Daniela und Hans Borchert etwa sind skeptisch. Aber so richtig. Wird ihnen, den Haggis-Novizen schmecken, was an Fleischlichem auf den Tisch kommt? Beim Ehepaar aus Michelau entspinnt sich zum Probieren ein Dialog. Er: "Wie Leberwurst, aber eher sämig." Sie: "Ich würde es daheim nicht essen." Er: "Ich find's lecker." Auch sie haben ihr Vergnügen an den Gedichten und Betrachtungen Robert Burns', die von Teilnehmern verlesen werden.
Das Geburtstagskind hat etwas zu sagen, zu Männern, Frauen, Treue, Stolz, Dankbarkeit, Freundschaft und der Sache mit Gott. Dinge, die die Menschen in Lichtenfels genauso interessieren wie in Prestwick. Irgendwie allumfassend und verbindend.