Andreas Lösch

Das Wort "pflücken" trifft es nicht ganz. Die Maschine, die in diesen Tagen durch Zeiler Weinberge fährt, holt sich die Trauben, indem sie den Weinstock kräftig durchrüttelt. Die reifen Früchte lösen sich, fallen in die Erntemaschine und werden in einen Sammelbehälter befördert. Es ist Weinernte-Zeit und für Winzer Roger Nüßlein ist es ungewohnt, nicht mitten im Weinberg zu stehen. Normalerweise tut er das nämlich - in den Steilhängen der Maintal-Weinlagen konnten bislang keine Maschinen eingesetzt werden, zu steil und zu eng ist es hier, also war händisches Pflücken angesagt.


Die Winzer probieren es aus

30-Mann-Trupps arbeiteten sich dann Zeile für Zeile voran. Diesmal macht es der Steillagen-Vollernter der Firma Hoffmann aus dem rheinpfälzischen Moselgebiet: Zwei Mann bedienen die Maschinen, Nüßlein und ein Mitarbeiter gehen die Randbereiche ab und ernten Trauben, an die die Maschine nicht herangekommen ist. Die Firma Hofmann aus dem Raum Würzburg (zufällig derselbe Name wie der oben erwähnte Maschinen-Hersteller, nur mit einem "f") bietet als Lohnunternehmer den Vollernter-Service für die fränkischen Winzer an. Die Zeiler Weinbauern Martin, Nüßlein, Schick und Bauerschmitt probieren heuer erstmals die Spezialmaschine aus in ihren Steilhängen - wenn es gut läuft, soll die Technik dauerhaft zum Einsatz kommen.


Ein Holzstück

"Es funktioniert schon recht ordentlich", sagt Nüßlein und schaut in den steilen Hang im "Zeiler Eulengrund", wo der Vollernter den reifen Müller-Thurgau rüttelt und einsammelt. Dann muss der Winzer lachen, weil in just dem Moment die Maschine im Weinberg anhält und nicht weiterkommt. Wie sich gleich herausstellen wird, blockiert ein Holzstück die Mechanik, aber das ist schnell behoben. Weiter geht's. "Es ist ein Prototyp", erklärt Nüßlein. Da müsse man damit rechnen, dass nicht alles gleich auf Anhieb klappt.
Am Morgen etwa sei eine kleine Reparatur notwendig gewesen, eine kurze Verzögerung war die Folge. Ansonsten leistet die Maschine ganze Arbeit, denn wenn sie läuft, dann läuft sie: Runter, rauf, Trauben raus, Trauben rein, nächste Zeile - wie bei einer Schreibmaschine schaut das aus, nur eben von oben nach unten statt von links nach rechts.
Wie Roger Nüßlein erklärt, habe man Vollernter-Fahrzeuge im Maintal bislang nur bei Steigungen von bis zu 30 Prozent eingesetzt. Für die steileren Lagen mit bis zu 50, 60 oder sogar 70 Prozent kamen die zu schweren Vollernter nicht infrage. Die leichtere Maschine und der kleinere Erntearm des "Mosel-Vollernters" machen das nun möglich. Das Fahrzeug wird zudem mittels Seilwinde am Hang gezogen oder gebremst, außerdem sorgt ein Kettenlaufwerk anstelle von Rädern für bessern Halt im Boden. Bis vorerst Mittwoch wird das Gerät noch in den Zeiler Weinbergen im Einsatz sein. Und darüber hinaus: Wenn in der kommenden Woche die späteren Weinsorten Scheurebe, Silvaner und womöglich auch schon der Riesling geerntet werden, soll die Maschine wieder anrücken.


Flexibel einsetzbar

Neugierig ist auch Winzer Jürgen Berninger geworden, der sich die Müller-Thurgau-Ernte an Nüß-leins Weinberg näher anschaut: "Das schaut einwandfrei aus", nickt der Ziegelangerer anerkennend. Auch er habe sich entschlossen, in der kommenden Woche auf die Maschine zu setzen, er spricht sich kurz mit Berufskollege Nüßlein ab und zieht dann weiter. Wie Roger Nüßlein erklärt, sei der Steillagen-Vollernter für viele Winzer eine wichtige Zukunftsinvestition. In den vergangenen Jahren sei es zunehmend schwieriger geworden, genügend Erntehelfer zu finden. Habe man etwa 30 Mann zu einem bestimmten Erntetermin eingeplant und musste die Ernte dann wetterbedingt verschoben werden, war die Planung zunichte. Die Erntemaschine ist da flexibler. Handlese ist aber trotzdem nicht vom Tisch: Kleinere Sorten, Hänge oder Sondersorten wie etwa Weißburgunder "bleiben Handarbeit", sagt Nüßlein.