von unserem Redaktionsmitglied 
Matthias Einwag

Bad Staffelstein — "Was ich wahnsinnig schön finde, das sind Schilderungen", sagt Griseldis Dürr. "Lebe nicht nur in deiner Welt", hat sie ihren Schülern stets geraten, "schau auch raus, was die anderen machen." Doch schauen allein genügt nicht. Das Gesehene sollte auch geschildert werden. So entsteht Prosa des Alltags. Mit schelmischem Lächeln fügt sie hinzu, dass sie im Deutschunterricht einmal die Jungs einer ihrer neunten Klassen aufforderte, eine Schilderung unter dem Titel "In der Eisdiele" zu schreiben. Herausgekommen seien wunderbare Schilderungen, was Jungs durch den Kopf geht, wenn sie Mädchen beobachten. "Jetzt weiß ich, was sie denken", kommentiert Griseldis Dürr.
Vor einigen Tagen trat die 65-Jährige nach 43 Jahren im Schuldienst in den Ruhestand. 25 Jahre davon hatte sie an der Staffelsteiner Realschule Deutsch und Englisch unterrichtet. Entsprechend schwer fiel ihr der Abschied - gleiches gilt für ihre Schüler und Kollegen.

"Ich geh haam nach Kasendorf"

1955 hatte Griseldis Dürr ihren allerersten Schultag in Langensendelbach. Nach dem Abitur an einem Gymnasium in Erlangen und dem Deutsch- und Englisch-Studium sowie einem Auslandssemester in Londonderry trat sie ihre erste Stelle als Referendarin an der Kulmbacher Realschule an. Aus dieser Zeit ist ihr der lakonische Ausruf eines Schülers gut in Erinnerung, dem sie - nolens volens - eine schlechte Zensur geben musste. Mit abgrundtiefer Enttäuschung habe der Junge resignierend ausgerufen: "Jetz' geh ich haam nach Kasendorf."
1973 ging sie an die Eberner Realschule, wo sie bis 1989 blieb. "Ich habe Ebern immer als Idylle empfunden", sagt sie, denn diese Schule sei klein, übersichtlich und familiär gewesen. Die Staffelsteiner Realschule mit ihren rund 700 Schülern sei da ein anderes Kaliber, doch auch hier habe die Atmosphäre, das Klima, immer gepasst.

Fenster zur bunten Welt geöffnet

Griseldis Dürr hat im Unterricht stets versucht, Fenster in die Welt zu öffnen, den Schülern Freude am Stoff zu vermitteln und deren Interesse am Leben mit all seinen bunten Facetten zu wecken. Einer ihrer Lieblingssprüche lautet: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Dieser Satz fiel freilich nicht immer ganz ironiefrei - etwa dann, wenn er als Ermahnung für einen ertappten Sünder gemünzt war, der bei einer Extemporale versuchte abzuschreiben.
"Die intensivsten und tiefgehendsten Gespräche mit Schülern führt man im Deutschunterricht", sagt Griseldis Dürr. Und genau hier sah sie immer ihre Rolle als Lehrerin, die sie so definiert: "Ein Lehrer ist jemand, der Kleinere an der Hand nimmt und ihnen aus seinem Blickwinkel die Welt öffnet."
Doch was hat sich in über 40 Jahren geändert am Berufsbild Lehrer, am Erscheinungsbild der Jugend von heute? Nach ihrer Einschätzung, sagt Griseldis Dürr, werde der Erziehungsauftrag heute immer mehr vom Elternhaus an die Schule verlagert. Auf den Punkt gebracht heißt das: "Viele Eltern erziehen nicht mehr." Das Lehrerbild sei sicher geprägt von jenen positiven und negativen Erfahrungen, die einst die Eltern selbst machten. Eindeutig sei aber die Erwartungshaltung von Eltern an Lehrer und Schule heute größer als damals.

Durchlässigeres Schulsystem

Die jungen Leute - namentlich Migrantenkinder - seien gleichwohl mehrheitlich sehr fleißig. Die meisten hätten sogar größeres Interesse an guter Bildung als das früher der Fall gewesen ist. Das Schulsystem sei zudem heute durchlässiger geworden, es sei nicht mehr so statisch wie einst. Die Schulen stünden nicht in Konkurrenz zueinander - und die Lehrer versuchten, die Kinder so zu fördern, dass deren Talente zum Tragen kommen.
Eine gute Methode, den Schülern bei der Berufswahl zu helfen, seien die Berufspraktika in den neunten Klassen: "Das bringt viel, weil Praktiker Einblicke in die Berufswelt geben."
Und was kommt nun in Griseldis Dürrs Leben? Lesen möchte sie - und reisen. Eine quietschbunte neue Lesedecke hat sie schon für den kommenden Lese-Herbst - ein Abschiedsgeschenk der Neuntklässer. Doch zunächst einmal ordnet sie ihre Bibliothek. Tausende Bücher wollen im Haus in Unnersdorf neu sortiert werden, denn zu viele stehen in zweiter Reihe im Regal. Doch Buchrücken müssen sichtbar und somit präsent sein. Ihr Mann Manfred und ihr Sohn David helfen logistisch mit, etwa beim Bauen und Einpassen neuer Regale. Wie sie sich dabei anstellen? Nun, das könnte sicherlich eine interessante Schilderung werden, die zu schreiben wir uns als externe Beobachter freilich nicht trauen. Sicher aber bedienen sich die beiden ihres eigenen Verstandes.