Eine Vergewaltigung im Wohnwagen, eine im Stall-Zelt eines Familienzirkus. Das Opfer ein Mädchen von heute 16 Jahren. Der Täter ihr 44-jähriger Schwippschwager. Der Angeklagte freilich streitet vor der Jugendschutzkammer am Landgericht zum Auftakt alle Vorwürfe ab.

Lange Zeit hat Clara (Name geändert) geschwiegen. Aus Scham davor, dass ein angeheirateter Verwandter, noch dazu ein deutlich älterer Mann, sie zwei Mal vergewaltigt hat. Nun aber hat sich das 16-jährige Mädchen ein Herz gefasst und spricht mit ihrer Schwester. Die auffälligen Veränderungen ihres Verhaltens lassen sich nicht länger verbergen. Die Erzählung von den Vergewaltigungen macht die Runde.

Prügel für den Angeklagten

Als der Vater von den beiden Sexualdelikten erfährt, nehmen er und seine Söhne das Gesetz in die eigenen Hände. Sie "besuchen" den mutmaßlichen Täter, um ihn zur Rede zu stellen. Was dann folgt, ist eine Sache für die Ermittlungsbehörden in Dillingen an der Donau: Hausfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung mit Fäusten und Messern. Die Familienehre wird hier großgeschrieben. "Ich wurde von der Familie, Verwandten und Freunden ausgestoßen", sagt der Angeklagte in Bamberg.

Starr vor Angst

Wenn man dem Opfer glaubt, dann hat es zwei dramatische Übergriffe gegeben. Einmal gastiert der kleine Familienzirkus Ende 2018 in Hallstadt. Das andere Mal ein halbes Jahr später in Altdorf (Nürnberger Land). Im ersten Fall soll der Angeklagte seine entfernte Verwandte im Küchenwagen überwältigt haben, als diese sich gerade die Zutaten für einen Mitternachtssnack aus dem Kühlschrank holen will. Von hinten habe er sie gepackt, ihr den Mund zugehalten und auf ein Schlafsofa geworfen. Danach habe er sich an dem Mädchen vergangen, das sich heftig gewehrt, aber keine Chance gegen den kräftigen Mann gehabt habe. Schließlich habe sie sich vor Angst nicht mehr bewegen können.

Im zweiten Fall soll der Angeklagte der damals 16-Jährigen auf dem Zirkusgelände aufgelauert haben. Auf dem Rückweg von der Toilette soll er sie hinterrücks an den Haaren gepackt und in ein Stall-Zelt gezerrt haben. Dort wiederholt sich der Schrecken. "Ich sagte, ich will das nicht, aber er hat nicht aufgehört." Sogar einen dritten Vorfall in einem Wohnwagen soll es gegeben haben. Hier scheint es durch einen Zufall aber nicht bis zum Äußersten gekommen zu sein. Im Juni 2019 ist man gerade in der Oberpfalz unterwegs. Da soll nur der Besuch ihrer Schwester das Mädchen vor zudringlichen Küssen und mehr gerettet haben.

Zum eigentlichen Tatgeschehen musste das Mädchen nicht noch einmal aussagen. Das mehr als einstündige Video ihrer Vernehmung durch den Ermittlungsrichter Marco Dippold konnten alle Zuhörer im Saal verfolgen. Damit wollte der Vorsitzende Richter Markus Reznik verhindern, dass sie noch einmal traumatisiert wird.

Unter Tränen schilderte sie im September 2019 vor der Kamera die Vorfälle und die seither auftretenden psychischen Probleme. Schlafstörungen, die sie medikamentös zu beheben sucht, Angstzustände, die sie immer wieder ins Zittern und Weinen abgleiten lassen, und Selbstekel, der einen Waschzwang hervorgerufen hat. Zudem hatte sie die Befürchtung, dass sie schwanger geworden sei und habe deshalb den Frauenarzt aufgesucht.

Der Bruder als Anstifter?

Vor Richter Reznik und seiner Kammer stritt der angeklagte Artist alle Vorwürfe ab. Nicht er habe etwas von dem Mädchen gewollt, sondern sie von ihm. "Sie sagte, sie liebt mich und will unbedingt abgeholt werden." Dabei hätte er immer wieder gesagt: "Du könntest meine Tochter sein. Das kann doch nicht gutgehen." Dass das Mädchen zur Polizei gegangen sei, habe an ihrem Bruder gelegen, der sie solange geschlagen habe. Auch der Mutter könne man nicht glauben. Es wird keine leichte Aufgabe für seine beiden Rechtsanwälte Fred-Hanno Sagert aus Frankfurt am Main und Alexander Wessel aus Haßfurt werden, die Anschuldigungen des Mädchens zu entkräften. Auch wenn sie eine Chance wittern.

Smartphones sind kaputt

Wie im Laufe des ersten Prozesstages erkennbar wird, gibt es außer der belastenden Aussage des Mädchens wohl keine "harten Beweise". Weder konnten körperliche Spuren der Vergewaltigungen durch Rechtsmediziner gefunden werden. Noch konnte man belastende Chat-Verläufe sichern oder Fotos, die das Mädchen spärlich bekleidet gezeigt haben sollen. Die Bilder habe der Angeklagte von ihr erpresst. Er habe gedroht, ihren Eltern etwas anzutun. Später habe er auch noch ein eindeutiges Video haben wollen. Sehen kann man weder das eine noch das andere. Denn beide an der Kommunikation beteiligten Smartphones hat es erwischt. Das des Angeklagten landete ausgerechnet in einem Wasserkocher. Der Prozess wird fortgesetzt.