Ärzte sehen in den Corona-Hygienemaßnahmen einen Grund dafür, dass weniger andere Infektionskrankheiten gemeldet wurden. "Die Grippewelle hätte aktuell ihren Höhepunkt", bestätigt Thomas Koch, Allgemeinarzt in Mainleus und Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Kulmbach. In den Vorjahren sei es im Februar keine Seltenheit gewesen, dass am Tag 20 bis 30 Patienten mit Grippesymptomen in seine Praxis kamen. "Dieses Jahr ist das alles ausgeblieben. Ich schreibe kaum noch Antibiotika auf", sagt Koch. Denn auch andere Erkrankungen der oberen Atemwege wie Bronchitis oder Mandelentzündung hätten deutlich abgenommen.

Wie das Coronavirus werden zahlreiche andere Krankheitserreger, Viren oder Bakterien, durch Tröpfcheninfektion übertragen. Das heißt, dass erkrankte Menschen beim Husten, Niesen oder Sprechen kleine Tröpfchen mit Erregern versprühen. Diese können dann eine Zeit lang in der Luft schweben oder sich auf Gegenständen niederlassen. Andere Menschen infizieren sich, indem sie die Tröpfchen einatmen oder mit Keimen belastete Gegenstände anfassen.

Allgemeinarzt Koch zufolge verhindern die Hygienemaßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus gleichzeitig die Ausbreitung anderer Krankheiten, die sich auf demselben Infektionsweg verbreiten. In vielen asiatischen Ländern sei es bereits vor der Pandemie üblich gewesen, dass Menschen mit Erkältungssymptomen Maske tragen. "Das wurde hierzulande belächelt. Jetzt sehen wir den Nutzen", sagt Koch.

Studie des Robert-Koch-Instituts

Der Trend lässt sich bundesweit beobachten. Laut einer Studie von Mitarbeitern des Robert-Koch-Instituts (RKI), veröffentlicht unter anderem am 18. Februar im Epidemiologischen Bulletin des RKI, wirken sich "die COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen Public-Health-Maßnahmen" nachweislich auf das Auftreten und die Erfassung von 32 anderen meldepflichtigen Infektionskrankheiten aus. Zwischen März und August 2020 verzeichneten sie im Vergleich zum gleichen Zeitraum in den Vorjahren einen Rückgang von insgesamt 35 Prozent bei meldepflichtigen "Nicht-Covid-19"-Infektionskrankheiten. "Der Rückgang erstreckt sich über alle Altersgruppen, wobei die größten Veränderungen in den Altersgruppen der unter 14-Jährigen und der über 80-Jährigen beobachtet wurden."

Gründe für den Rückgang vielschichtig

Am stärksten lasse sich das Phänomen bei solchen Krankheiten beobachten, die über die Luft übertragen werden, vor allem bei Masern, Keuchhusten oder Atemwegsinfektionen durch das Bakterium Haemophilus influenzae. Auch für Magen-Darm-Erkrankungen, die in der Regel durch Schmierinfektion übertragen werden, wie Rotavirus-Gastroenteritis, Shigellose oder Norovirus-Gastroenteritis gingen die Zahlen um die 80 Prozent zurück.

Die Gründe für den Rückgang seien vielschichtig, sagen die Autoren der Studie. Beispielsweise könnten auch einfach weniger Menschen medizinische Versorgungsleistungen in Anspruch genommen haben. Dennoch sei davon auszugehen, dass "Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Abstands- und Hygiene-Regeln, aber auch Schul- und Kita-Schließungen zu einer echten Veränderung der Übertragungsdynamik anderer Infektionskrankheiten führen".

Weniger Influenzafälle in Kulmbach

Für Amtsärztin Nataša Luz am Kulmbacher Gesundheitsamt steht ebenfalls fest, "dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie einen Einfluss hatten". Sie ließ mitteilen, dass beispielsweise im Jahr 2018 115 Norovirus-Infektionen gemeldet wurden, vergangenes Jahr nur noch 43. Die Zahl der gemeldeten Windpocken-Infektionen sank von 16 auf vier.

Besonders deutlich sehe man die Entwicklung bei der echten Grippe, die durch das Influenzavirus verursacht wird: Während im Jahr 2018 842 Influenzafälle gemeldet wurden, waren es im Jahr 2020 nur noch 237. Im Jahr 2019 gab es vier Todesfälle im Landkreis durch Influenza, im Jahr 2020 nur einen.

Auch die Geschäftsführerin des Kulmbacher Klinikums, Brigitte Angermann, teilte der Bayerischen Rundschau mit, dass sich die Tendenz rückläufiger Zahlen bei Influenza und Norovirus am Klinikum feststellen lasse. Für die Influenzaviren der Gattungen A und B waren es im Jahr 2019 221 positive Testergebnisse, im Jahr 2020 noch 103. Ähnliches gelte für das Norovirus: "Hatten wir im Gesamtjahr 2019 noch 97 Nachweise, waren es im Jahr 2020 mit 46 Nachweisen weniger als die Hälfte." Die Nachweise im Jahr 2020 seien fast ausschließlich im ersten Quartal 2020 festgestellt worden. Im Winter 2020/2021 gab es Angermann zufolge bisher nur vereinzelt positive Ergebnisse von Influenza oder Norovirus.

FSME-Fälle nahmen zu

Laut RKI-Studie hat von allen betrachteten Infektionskrankheiten einzig die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) im Jahr 2020 stark zugenommen, und zwar im Vergleich zu den Vorjahren um 57,7 Prozent. Auch hier liegen den Autoren zufolge viele Ursachen zugrunde. Sie schreiben: "Das Übertragungsrisiko ist stark von der jährlichen Zeckenpopulation sowie der Virusprävalenz abhängig, die im Jahr 2020 zugenommen hat (insbesondere Zunahme adulter Zecken)."

Ein weiterer Grund könnten die coronabedingten Ausgangs- und Reisebeschränkungen sein, durch die viel mehr Menschen draußen in Wald und Flur aktiv sind. Die durch das FSME-Virus ausgelöste Erkrankung wird durch Zeckenbisse übertragen und ähnelt in den Symptomen zunächst einer Grippe. Bei manchen Patienten kann sie zu einer Gehirnhautentzündung führen.

Behandelt werden kann FSME kaum, aber eine Vorbeugung ist möglich, durch Impfung oder das Absuchen des Körpers unmittelbar nach dem Waldbesuch. So kann man eine Zecke häufig noch entfernen, bevor sie zubeißt. Dem RKI zufolge ist ganz Süddeutschland FSME-Risikogebiet - einschließlich des Landkreises Kulmbach.