Die Premiere war noch ins Wasser gefallen, aber für die folgenden Aufführungen brachte der Wettergott bessere Laune mit. Und so konnte bei den DomStufen-Festspielen in Erfurt Peter Tschaikowskys eher selten gespielte Oper „Die Jungfrau von Orléans“ (nach Schiller) in der Inszenierung von Tomo Sugao auf den ausladenden Treppen vor dem Dom und St. Severi raumgreifende Gestalt gewinnen.

Das Bühnenbild dekliniert die Stufenanordnung ins Extreme: Weit in die Höhe geführt und ganz oben sogar wie eine Welle zurückstürzend, wirkt diese architekturale Idee in ihrer sonstigen Leere monumental. Man wähnt sich in einer „Aida“-Inszenierung, so pharaonisch-gigantisch ist die Wirkung. Ein größerer Kontrast zur vorherigen „Carmen“-Inszenierung lässt sich kaum denken, denn damals waren die Domstufen zu einem riesigen Schrottplatz mit unzähligen Autoleichen umfunktioniert worden.

Glasfaser machts möglich

Auch in musikalisch-technischer Hinsicht hat sich einiges geändert. Das Philharmonische Orchester Erfurt musiziert nun nicht mehr in einem Verschlag neben der Bühne, sondern spielt sozusagen „daheim“ im Großen Saal des Theaters, wenige Hundert Meter entfernt. Glasfaser macht’s möglich, dass erstens dadurch die Bühne vergrößert und zweitens unter pandemischen Bedingungen dennoch in voller Besetzung gespielt werden kann. Das gelingt in Bezug auf die Abstimmung zwischen Orchester , Chor und Solisten so präzise, dass man fast vor einem Rätsel steht – famos!

Die musikalische Leitung obliegt abwechselnd Yannis Pouspourikas und Chanming Chung; in der besuchten B-Premiere stand der erstgenannte Dirigent am Pult, der zurzeit auch 1. Kapellmeister am Erfurter Opernhaus ist.

Tomo Sugaos Inszenierung beeindruckt durch ihre Bildfindungen ebenso wie durch ihre akustischen und visuellen Überwältigungen, ohne dabei in die Oberflächlichkeit einer Lightshow abzudriften. Stets ist der unmittelbare Zusammenhang mit der Handlung gewährleistet. Das Personal muss sich hinter den Masken der Commedia dell’arte verstecken, einzige Ausnahme ist die Titelheldin: Johanna die Reine, Unbefleckte, die sich aber bald des Verdachts erwehren muss, mit dem Satan im Bunde zu stehen.

Anne Derouard personifiziert sie mit kraftvoller Stimme, die in den Höhen zu sehr oszilliert, aber in den mittleren Lagen durch runden Glanz beeindruckt. Die weitere Besetzung überzeugt durchwegs, verzichtet jedoch auf prominente Namen. Yuri Batukov als Erzbischof muss allerdings genannt werden, denn sein profunder Bass ist eine Entdeckung. Überdimensionale Federn sind das bestimmende Element dieser Inszenierung, quasi ihr roter Faden als permanent gezeigtes Utensil. Ständig werden sie herumgetragen, dienen als Standarte, als Waffe oder gar, wenn es um Johannas Ende geht, als ein ihrem Grabstein ähnliches Symbol.

Wenn sie schwarz sind, sieht das wie eine Zusammenkunft von Inquisitoren aus, wenn sie blau und rot sind, kämpfen die Engländer gegen die Franzosen, wenn sie golden leuchten, geht es um die Krönung Karls und den königlichen Hofstaat. Und wenn wir schon bei den Farben sind: Nach der Pause wurden der Dom und seine Riesentreppe komplett in die Farben des Regenbogens getaucht. Das sah zwar gut aus, wirkte aber nach der jüngst so inflationären Ausweitung dieser Symbolik wie eine Pflichtübung.

Kostümbildnerin Bianca Deigner musste offenbar nicht geizen und konnte ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Das Ergebnis ist eine Augenweide, egal ob die Mitglieder des Erfurter Opernchors als himmlische Heerscharen oder als einfache Volksmassen gewandet auftreten.

Apropos: Dass auch die klangliche Synchronisation mit den sich auf der Bühne bewegenden Opernchoristen jederzeit so perfekt gewährleistet war, ist erstaunlich. Zum Finale muss Johanna natürlich nicht auf den Scheiterhaufen, das wäre zu banal. Stattdessen ereignet sich ein visuelles Spektakel, das seinesgleichen sucht. Zunächst in gleißendes Licht getaucht, verdunkelt sich die Szenerie allmählich durch die Ein- und Überblendung von Texten.

Ein feuriges Fanal

Was an weißen Resten übrig bleibt, wirkt wie ein feuriges Fanal – faszinierend! Die Schrift gerinnt zum fatalen Verdikt über die Folgen eines vermeintlichen Bündnisses mit dem Satan . Ein brachiales Sounddesign zum letalen Finale bestätigt, dass diese Inszenierung nicht zuletzt als Überwältigungsstrategie angelegt ist.

Man verlässt Erfurt tief beeindruckt und freut sich darüber, dass diese ausnehmend schöne Stadt so nahe an unserer fränkischen Heimat liegt.