In einem Sicherungsverfahren sollte ein psychisch kranker Mann aus dem Landkreis Lichtenfels aufgrund einer gefährlichen Körperverletzung und mehrerer Bedrohungen in einer geschlossenen Anstalt untergebracht werden. Das lehnte die Große Strafkammer in Bamberg überraschend ab.

Wochenlang hatte ein halbes Dutzend erfahrener Juristen die Aktenberge gewälzt. Immer wieder hatten Staatsanwälte, Richter und der Verteidiger in den Aussagen, Gutachten und Lichtbildern Details gesucht, um die Vorfälle im März und April 2020 in der Obdachlosen-Unterkunft in der Theresienstraße aufzuklären.

Doch erst kurz vor dem Urteil war es Andreas Dräger, der eine entscheidende Entdeckung machte: Dem Rechtsanwalt aus Strullendorf fiel auf, dass sein Mandant, nennen wir ihn Felix, in einem der Fälle gar nicht der Täter gewesen sein kann. Felix saß zum Zeitpunkt einer der Bedrohungen nämlich hinter verschlossenen Türen im Bamberger Nervenklinikum St. Getreu. Er konnte seinem Gegenüber gar kein Klappmesser unter die Nase gehalten und ihm ein "Ich schlachte Dich ab. Ich mach Dich fertig" zugerufen haben.

Zeuge mit Filmriss

Da die Antragsschrift zur Unterbringung aber wesentlich von einem einzigen Belastungszeugen abhing, dem früheren Zimmergenossen von Felix, kam so mit einem Mal die ganze Sache ins Rutschen. Denn das vermeintliche Opfer des Angriffs mit einer 15 Zentimeter langen Klappsäge, konnte oder wollte sich vor Gericht plötzlich an kaum etwas mehr erinnern.

"Wir mussten ihm alles aus der Nase ziehen", sagte Verteidiger Dräger. Obwohl der Anlass des Streites, zu laute Musik, ziemlich banal schien. Danach soll Felix seinen Bettnachbarn mit einem Messer attackiert, ihn zu Boden gebracht und von oben herab mit dem Fuß mehrmals auf dessen Kopf getreten haben. Erstaunlicherweise waren die Schäden nach diesem doch recht massiven Angriff eher übersichtlich: einige Schürfwunden, kleinere Blutergüsse und eine Schnittwunde im Gesicht. Untersuchen oder gar ärztlich behandeln ließ sich der Verletzte jedenfalls nicht.

Ob sich das vermeintliche Opfer nur im Angreifer geirrt oder ihn bewusst falsch beschuldigt hatte, konnte die Große Strafkammer nicht klären. "Vielleicht haben auch Drogen und Alkohol das Erinnerungsvermögen getrübt", meinte Staatsanwältin Annette Mahr. Zudem liege das Geschehen einige Zeit zurück, und das Opfer sei inzwischen in sieben Strafverfahren derjenige, dem durch Gewalt oder Diebstahl ein Schaden entstanden sei.

Ursprünglich wollte der Hauptbelastungszeuge gar nicht aussagen und musste mit Hilfe der Streifenpolizei vorgeführt werden. Bei der Befragung, bei der er, mehr als zwei Promille aufwies, hatte er Schwierigkeiten, sich zu erinnern.

"Bei Licht betrachtet, hatten wir schon wesentlich bessere Zeugen", meinte der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt.

Nur einen Vorfall sah das Gericht als erwiesen an: eine Bedrohung mit einer Klappsäge. Dabei hatte Felix nicht nur dem ehemaligen Mitbewohner gedroht, ihn abzuschlachten, sondern auch dessen neuem Zimmergenossen. Passiert war außer den Worten freilich nichts.

Tat nicht schwerwiegend genug

Für eine Unterbringung, die womöglich zehn bis 15 Jahre anhalten könne, reiche das nicht aus, machte Richter Schmidt deutlich. "Bei einer solch heftigen Entscheidung muss man sich ganz sicher sein - und das sind wir nicht. Wir haben erhebliche Zweifel."

Zwar habe Felix die medizinischen Voraussetzungen für eine langjährige Behandlung in einem Bezirkskrankenhaus: eine Psychose, bei der ihm Stimmen Befehle erteilten, ein Problem mit Alkohol und Crystal Meth und eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, wie der Gerichtspsychiater Christoph Mattern aus Bayreuth sagte.

Allerdings seien die Vorwürfe, bis auf eine Bedrohung, aus Sicht des Gerichts nicht nachgewiesen und der verbliebene Tatbestand nicht schwerwiegend genug, um einen solch tiefen Eingriff in die Grundrechte eines Menschen zu rechtfertigen, erklärte Richter Schmidt. Zumal von Felix in Zukunft keine erheblichen Straftaten zu erwarten seien und er deshalb keine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle.