Wenn Renate Kraus Ostereier bemalt, schafft sie richtige Kunstwerke. Die üblichen Pünktchen, Streifen oder Karomuster finden auf ihrem Osterschmuck dagegen keinen Platz. Ostern bedeutet für die 76-jährige Dorfhauserin mehr, als nur bunte Eier auf einen Strauß zu hängen.

Ostern symbolisiert für sie die Vielfalt und das Facettenreichtum des Lebens. Ob es Schulkinder sind, die im Winter beim Schlittenfahren vor Vergnügen jauchzen, Mägde und Knechte, die auf einer Leiter stehen und leuchtend rote, reife Äpfel pflücken, einfache Menschen bei der Heuernte, der Osterhase, der im Frühjahr über saftige Wiesen hoppelt, edle Rosenblüten und nicht zuletzt spezielle heimatliche Motive wie die Weißenoher Klosterkirche, das HTV Vereinsheim oder das dazugehörige Edelweißwappen - viele dieser Szenen und Motive aus dem Leben verewigt Renate Kraus auf ihren Ostereiern.


Aus dem Kopf heraus

Prätentiös ist die 76-Jährige allerdings überhaupt nicht. "Ich habe schon als Kind gern gemalt. Mit Wasserfarben, Buntstiften oder Filzstiften."

Seit Jahrzehnten malt sie alles freihändig, aus dem Kopf heraus. Die Muster entwirft sie selbst, sie entstehen einfach in ihren Gedanken. "Ein Malermeister riet mir, die Milchkanne mit schwarzer Schuhcreme einzuschmieren, dann zu polieren und schließlich wegzuwischen. So kommen die weißen Striche besser zur Geltung", erläutert Kraus. Die weißen Striche gehören zur Schattenmalerei.

Hochwertige Farben

Damit soll die künstlerische Arbeit dreidimensional wirken. Aber mit dem Aufkommen der Bauernmalerei war es damals einfacher, an hochwertigere Farben zu kommen. Da sie nicht mehr mit Wasserfarbe arbeiten musste, kreierte sie ihre ersten Motive auf die Ostereier, die sie den Kindern, dem eigenen Sohn oder den Neffen und Nichten ins Nest legte.

Hier dominierte bereits der Kinderalltag die Motive. Kinder, die mit ihren Büchertaschen von der Schule nach Hause gehen oder Kinder, die im Winter toben. Über 200 Eier mit den Motiven aus dem Leben hat sie für sich selbst gemalt.

Auch die Klosterkirche und ihr eigenes Haus sind malerisch in Szene gesetzt. Die entsprechenden Eier baumeln von Holzästen dekorativ in ihrer Wohnung oder sind wie eine Girlande aneinandergereiht. Die Motive hat sie im Kopf. Eine Szene aus dem täglichen Leben, ein Foto oder ein Bild aus einem Buch. Den Blick, die Größenverhältnisse detailgetreu auf die Eier umzusetzen, "hat sie einfach", wie sie selbst sagt, während sie mit einem feinen Pinsel die letzten Striche auf einem Hühnerei setzt.

Bevor Renate Kraus die Eier in die Hand nimmt, werden sie ausgeblasen. Mit einem Werkzeugbohrer bohrt Ehemann Fritz die Löcher zum Ausblasen in die rohen Eier.

Dreidimensionale Umsetzung

Renate Kraus bemalt immer mehrere Hühnereier gleichzeitig. Um ein Hühnerei zu bemalen, braucht sie zwischen fünf und sechs Stunden. Allein die dreidimensionale Umsetzung auf einem gewölbten Ei ist ein Kunststück.

Von dieser außergewöhnlichen Begabung wissen auch die Frauen der Arbeitsgruppe Osterbrunnen des örtlichen Heimat- und Touristenvereins. Sie haben auch schon Straußeneier gekauft, um sie ihrer Renate zu bringen.
Die heimatlichen Motive wie die Klosterkirche oder das Edelweiß auf den großen Straußeneiern lassen den Weißenoher Osterbrunnen zu etwas Besonderem werden. Zu einem kleinen Kunstwerk mithin, das sich alleine durch die künstlerische Malerei auf den Eiern von den anderen Schmuckstücken in der Fränkischen Schweiz unterscheidet.