Es gibt auch Baudenkmäler, die in Not sind. So wie die einsturzgefährdete Wassermühle in Roidin an der Mecklenburgischen Seenplatte. Den Hilfeaufruf in der Zeitschrift "Monumente des Denkmalamts" hat auch der 69-jährige Sollenberger Wolfgang Müller-Britting gelesen und - nach Ermunterung durch Ehefrau Elise - spontan gehandelt. Nicht in Form einer Geldspende, sondern mit einem Anruf und dem Angebot, vor Ort mit seiner Arbeitskraft und seinem Know-how zur Stelle zu sein. Ohne Entgelt natürlich.

Christian Bauer, ein evangelischer Pastor, gerade einmal 39 Jahre alt hat die baufällige Mühle erworben, um ein Leuchtturmprojekt draus zu machen, eine Begegnungsstätte für Jugendliche. Mit 700 000 Euro Bausumme ist die Sanierung veranschlagt. Der Pastor war erstaunt, dass jemand aus 650 Kilometer Entfernung Interesse an seinem Projekt zeigt, doch zugleich erfreut angesichts dieser unverhofften Unterstützung.

Für den Sollenberger Ingenieur, der in der Vorstandschaft der Altstadtfreunde ist, war die Mühle das Projekt, das unter den vielen noch fehlte. Schon in den 1970er-Jahren, da war Wolfgang Müller - Britting gerade 22 Jahre alt, schloss er sich dem Bauorden an. Das ist ein vom katholischen Pater Wehrenfried gegründeter Orden, bei dem junge Leute für den Wiederaufbau in Deutschland geworben wurden. Anreise mussten die jungen Männer selbst bezahlen. Und natürlich wird inzwischen überall kostenlos geholfen, wo die Arbeitskraft gebraucht wird.

Erst Maurer, dann Ingenieur

Als junger Mann fuhr Müller-Britting mit dem Bauorden nach Ferrara, um dort ein altes Haus für eine Familie mit 14 Kindern zu renovieren. Der Sollenberger hat das Baugewerbe von der Pike auf kennengelernt. Zunächst als Maurer, um dann weiter die Schulbank zu drücken, um Ingenieur zu werden. Zuletzt hat er an den Berufsschulen in Bayreuth, Bamberg und Forchheim unterrichtet und mit seinem Storchenprojekt in Forchheim für positives Aufsehen von sich und seinen Schülern gesorgt.

Fast parallel liefen andere Bauten, die Müller-Brittings Kinder sind und seine Handschrift tragen. Den Bau des Feuerwehrhauses in Sollenberg oder den des Pfarrheims St. Bendedikt in Weißenohe beispielsweise leitete er - ehrenamtlich natürlich. Und nun die alte Mühle in Roidin. "Beim Wiederaufbau zu helfen, hat mich schon nach der Wende interessiert", gesteht Müller-Britting und spricht damit zugleich die Intention des Bauordens an. Bevor er sich wochenlang in die Arbeit in Roidin stürzen wollte, schaute er sich seine neue Baustelle zunächst an.

Mehrere Gefühle und Gedanken stürzten auf ihn ein. "Das ist ein unglaublich großes Fass. Wie traut sich der Pastor, das Projekt anzugehen?" So beschreibt Müller-Britting die ersten Gedanken zu Christian Bauers Idealismus. Doch schon während seiner ersten Arbeitstage im August, wurde dem Sollenberger klar, warum das Leuchtturmprojekt so wichtig ist. "Es ist ein Hoffnungspunkt in der Mutlosigkeit", erklärt Müller-Britting.

Die meisten jungen Leute sind weggezogen. Eine Depression habe sich über das Dorf gelegt. Der Pastor ist dort für elf Kirchen mit insgesamt 800 Gläubigen verantwortlich. Die jungen Leute beleben den Ort, junge Leute sollen mit der Mühle als Begegnungsstätte angelockt werden. Alleine die 1,2 Hektar große Fläche ist dafür prädestiniert. "Das ganze Ensemble hat mich umgehauen, trotz des Zustands", beschreibt Müller-Britting seine weiteren Empfindungen. Die Mühle ist seit 50 Jahren außer Betrieb, ein Stall und eine Scheune ergänzen das Anwesen.

Abreißen und wieder aufbauen

Da in den Jahren der Verlassenheit Messis und Alkoholiker in der Mühle lebten, übertraf der innere Zustand des Gebäudes jede Müllhalde. Fast zwei Wochen lang war der Sollenberger damit beschäftigt, Müll, Dreck und Schutt aus dem Weg zu schaufeln. Das Fachwerk in der Scheune war bereits provisorisch gesichert. Im Stall sollte Müller-Britting zunächst eine Stelle probesanieren. "Ich konnte meine Unterschrift nicht setzen", sagt Müller-Britting, der dazu riet, den Stall abzureißen und neu aufzubauen, jedoch im gleichen Stil und die dafür markanten Elemente besser hervorzuheben.

Die Mühle selbst besteht zu zwei Dritteln aus Wohnraum. Die Brüstung war ausgebrochen. "Ich habe sie aus den vorhandenen Steinen wieder gemauert", erklärt der 69-Jährige, der mit einem Hänger voll Schalungsträgern nach Roidin fuhr. Da die Mühle außerhalb liegt, wird oft Werkszeug und alles Brauchbare gestohlen. Zwei Wochen lang bestand dann Wolfgang Müller-Brittings Arbeit aus schaufeln, kehren, graben und mauern. Bei größter Hitze. Dass selbst die 82-Jährige Lehrerin und Organistin zum Pickel griff, zeigt wie wichtig die Sanierung des Denkmals ist. Pastor Christian Bauer ist nicht alleine auf der Baustelle. Ab nächster Woche ist der Bauorden wieder vor Ort und auch Wolfgang Müller-Britting wird wieder nach Roidin fahren. Vielleicht mit dem einen oder anderen Idealisten als Beifahrer im Auto.