Die "einmalige Chance", die lange Historie der Königsstadt "aus der Versenkung" zu holen oder doch nur das "teuerste Glasfenster in ganz Franken"? Der Stadtrat hat am Donnerstag mehrheitlich beschlossen, bei der Rathaussanierung über eine halbe Million Euro Forchheimer Steuergelder mehr auszugeben: In der Markthalle wird ein begehbarer Glasboden eingebaut, der Besuchern einen Ausschnitt der archäologischen Grabungen samt mittelalterlichen Mauer-Resten erlebbar machen soll.

Diese zusätzliche Attraktion im Zuge der Rathaussanierung bedeutet Mehrkosten von 600 000 Euro, die nicht gefördert werden und die Stadt aus eigener Kasse zahlen muss. Zudem verlängert sich die Bauzeit um mindestens sechs Monate (Fertigstellung ist dadurch voraussichtlich 2024). Die Investition war im Stadtrat umstritten.

Bedeutendeste Ausgrabung mit Abstrichen

Der Archäologe Claus Vetterling vom Büro Reve hob in der Sitzung die Arbeiten im Forchheimer Rathaus nochmals als "eine der bedeutendsten Grabungen in Oberfranken" mit unzähligen Funden und historischen Schätzen (teilweise aus dem 8.-9. Jahrhundert) hervor. Aber er stellte auch klar: "Es ist herum gegeistert, dass wir dort karolingische Mauern gefunden haben. Das muss ich ganz klar verneinen." Die ältesten "Baubefunde" datieren die Experten ins 12.-13. Jahrhundert.

Das kostspielige Glasfenster im Boden würde demnach keinen Blick auf ältere, frühmittelalterliche Mauern oder gar Überreste der Pfalz ermöglichen. Die Idee, die Grabungen sichtbar zu machen, geht zurück auf die Rathaus-Sondersitzung Anfang Oktober. Damals sprach eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung von "karolingischen Mauern". Die Richtigstellung des Archäologen sorgte am Donnerstag deshalb zumindest für Irritation unter den Stadträtinnen und -räten.

Die SPD-Fraktion im Stadtrat lehnte die zusätzliche Baumaßnahme ab, ihr Vorsitzender Reiner Büttner sah keinen "großen Nutzen" darin, die Mauer-Reste sichtbar zu machen. Er kritisierte den Bauverzug und die immensen Kosten. "Das ist sehr, sehr viel Geld, das uns anderweitig fehlen wird", meinte Büttner. Der FDP-Stadtratsfraktionsvorsitzende Sebastian Körber kritisierte ebenso: "600 000 Euro für ein paar Quadratmeter Glas. Und der Stadtrat wäre der Kostentreiber. Das ist unverhältnismäßig."

Eine Stadtratsmehrheit von CSU, FGL, FW und JB votierte mit 25 Stimmen allerdings für den Einbau und die Mehrkosten. "Das ist eine einmalige Gelegenheit, unsere Stadtgeschichte original sichtbar zu machen", sagte Udo Schönfelder (CSU). Kulturbürgermeisterin Annette Prechtel (FGL) plädierte ebenso: "Wir brauchen die Funde vor Ort. Das wäre ein großer Mehrwert für das ,Haus der Begegnung'." Auch FW-Stadrat Erwin Held sah keine Geldverschwendung, sondern: "Wir sind das unseren Nachfahren schuldig, auch in die Vergangenheit zu investieren."

Geplant sind nun eine etwa drei auf sieben Meter große Glasplatte im Hallenboden und zudem ein Glasfenster im Keller, wodurch Teile der aktuellen archäologischen Grabungsfläche sichtbar bleiben werden. Der Boden wird durch den Glaseinbau nicht mehr befahrbar sein, aber begehbar. Die Markthalle kann zum Beispiel künftig trotzdem für Konzerte oder Tanzveranstaltungen genutzt werden.

3D-Visualisierungen der Schätze

Dies war eine Variante, die Architekt Stephan Fabi vorstellte. In der Stadtratssitzung wurde die große Lösung mit dem Erhalt der ganzen Ausgrabungsfläche unter der Markthalle verworfen. Hauptgründe: Zu hohe Kosten (bis zu zwei Millionen Euro); zudem hätten barrierefreie WCs versetzt werden müssen und weitere Grabungen hätten angestanden. Eine Attraktion, die sicher in die Rathaus-Hallen kommt: Archäologische Funde wie Keramiken oder Münzen sollen als Projektionen sichtbar gemacht werden. Über Beamer sollen die historischen Schätze als Fotos oder 3D-Visualisierungen auf Leinwände, die aus den Decken fahren, projiziert werden. Diese mediale Präsentation war aber ohnehin eingeplant.

FT-Kommentar: Ein Freudentanz für Forchheim

von Ronald Heck

Über eine halbe Million Euro für ein Glasparkett, auf dem Menschen stehen und alte Mauern besichtigen? Wer das einfach so als Steuergeldverschwendung abtut, urteilt zu kurzsichtig. Das Fenster im Rathaus-Boden kann einen außergewöhnlichen Blick eröffnen und ein Publikumsmagnet werden. Wer die Grabungen in der Markthalle hautnah erlebt hat, kennt die Magie: Wie greifbar nah und authentisch unsere lange Stadtgeschichte, die selbst Bamberg in den Schatten stellt, durch Mauern und die freigelegten Schatzgruben ist. Ob karolingisch oder nicht. Wir dürfen uns freuen, auf 800 Jahre Forchheim tanzen und feiern zu können.