Forchheim
Adipositas

Er wog 300 Kilogramm: Trommler der "Altneihauser Feierwehrkapelln" spricht über Fettleibigkeit

Beim Aktionstag des Klinikums Forchheim berichtete Reinhard Stummreiter von der "Altneihauser Feierwehrkapelln" und seinem Bemühen, abzunehmen.
 
Reinhard Stummreiter half die Einsetzung eines Magenballons beim Versuch, abzunehmen.Pauline Lindner
Reinhard Stummreiter half die Einsetzung eines Magenballons beim Versuch, abzunehmen.Pauline Lindner

Es klang nach einem gut geschriebenen Sketch, was Reinhard Stummreiter beim Zweiten Adipositas-Aktionstag des Klinikums Forchheim über seine Erlebnisse auf dem Operationstisch in einer Schwabacher Klinik erzählte.

Wie die "zierliche Frau mit dem Hammer" zu seiner Lebensretterin wurde, weil sie mit technischem Geschick den nahezu überlasteten Tisch in die für die Operation richtige Stellung brachte. Der Trommler der "Altneihauser Feierwehrkapelln" wog zu diesem Zeitpunkt fast 300 Kilogramm und es war sein zweiter Anlauf, die angefutterten Zentner loszuwerden.

Der noch immer gewichtige Stargast (über 150 Kilogramm) beschrieb mit trockenem Humor, wie er in einer äußerst schwierigen Lebenssituation zum "Massenesser" und "Ess-Alzheimer " wurde. "Kaum war etwas im Magen, hatte ich vergessen, dass ich gerade gegessen hatte". So verdrückte er drei Leberkässemmeln und zwei Nusshörnchen, ehe er sich bei Kapellenchef Norbert Neugirg einfand.

Essend durch den Tag: Kein Sättigungsgefühl

"Ich arbeitete mich essend durch den Tag." Auf 10 000 bis 12 000 Kilokalorien kam der 39-Jährige seiner Schätzung nach täglich. Das Gefühl, satt zu sein, war ihm völlig verloren gegangen.

Das kann Gerd Säuling von der Adipositas-Selbsthilfegruppe Forchheim-Bamberg gut nachvollziehen. "Ab einem gewissen Übergewicht wird es zu einem Perpetuum mobile. Der gewichtsbedingte höhere Grundumsatz führt zu noch mehr Kalorienzufuhr. Das Gewicht steigt weiter und die Bewegungsmöglichkeiten sinken."

Neugirg, so trug Stummreiter aus seinem Buch "Meine fetten Jahre sind vorbei" vor, gab ihm entschieden den ersten Impuls, abzunehmen. Er verordnete ihm eine Zwangspause als Trommler und die Musikerkollegen gaben das Preisgeld eines Kulturpreises für die Ernährungsumstellung ihres Trommlers aus. Über ein Vierteljahr ernährte er sich von flüssiger Diätnahrung. Von 280 Kilo sank sein Gewicht auf 238; da durfte er wieder die Schlägel in die Hand nehmen.

Magenballon soll helfen

Doch: Es dauerte gerade mal drei bis vier Jahre, da hatte er sein altes Gewicht um 20 Kilo überboten. "Des hat sich so affigeschlichn", sagte er in seinem Oberpfälzer Idiom. Er habe sich es immer schöngeredet, wenn er eine zusätzliche Wurstsemmel gegessen hat, erinnert sich Stummreiter. Auch heute noch, sieben Jahre später und bei längst stabilisierter persönlicher Situation, schwanke sein Gewicht stark. Aber sobald seine Hose kneift, hat er bis jetzt stets die Bremse ziehen können.

Stummreiter bekam bei der Operation einen Magenballon eingesetzt, der im ständig überdehnten Magen ein Stück Platz wegnimmt. Welche Möglichkeiten hier die Chirurgie bietet, erläuterte eingehend der Leitende Oberarzt Michael Sturm. Das betrifft - auch aus Gründen der Krankenkassenzusagen - nur einen kleinen Personenkreis.

Viele Gründe fürs Übergewicht

Für die größere Gruppe, die auch reichlich Pfunde zuviel mit sich herumschleppt, dürften die Erkenntnisse der Verhaltenspsychologie von größerem Interesse sein. Stefanie Schroeder und Caroline van der Velde vom Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie der Uni Bamberg haben die App Igendo entwickelt, um Menschen, die abnehmen wollen, positiv zu unterstützen. Sie suchen Teilnehmer für ihre Studie, um deren Wirksamkeit zu überprüfen.

Ihr Ansatz ist ein individueller, denn ihrer Überzeugung nach sind die Gründe für übermäßige Gewichtszunahme von Person zu Person äußerst verschieden. Da gibt es Leute, die ein Problem wortwörtlich durchkauen und am Schreibtisch gedankenlos deswegen süße ode salzige Knabbereien futtern. Da gibt es die, die Belastendes in sich hineinfressen und deshalb beim Essen viel zu kräftig zulangen. Beide brauchen eine andere Strategie um Dampf abzulassen, sagen die jungen Wissenschaftlerinnen.

"Man isst mehr, wenn man sich schlecht fühlt, und ist wieder schlecht drauf, weil man sein Verlangen nach Essen nicht unterdrückt hat", schildern sie einen gängigen Teufelskreis. Und: "Jeder muss seine eigene Strategie finden!" Um Anspannung abzubauen, helfe dem einen vielleicht ein Boxsack, dem anderen eine klassische Entspannungstechnik oder das Sich-Entfernen von einem Ort, von dem ein Reiz zu essen ausgeht.

Erst einmal durchatmen

Jedem rieten sie aber an, bei einer Verlockung wie der Schokolade auf dem Tisch, erst einmal tief durchzuatmen und dabei die Konsequenzen abzuwägen. "Sie erhalten so Ihre Selbstkontrolle, ob sie zugreifen oder es bleiben lassen, und können eine bewusste Entscheidung treffen." Denn es kann im Kontext ja sogar sinnvoll sein, in genau diesem Moment ein kleine Portion Schokolade zu essen, denkt man an physisch kräftezehrende Situationen.

Darum erteilten sie auch allen alleinseligmachenden Ratschlägen und Diäten eine Absage. Wo beim einzelnen die Ursachen liegen, wie er Gegenstrategien entwickeln kann, setzt aber individuelles Erforschen voraus. Und zum langfristigen Umsetzen die nötige Motivation und - soziale Unterstützung. Damit man Selbstwirksamkeit erlebt, an sich selbst glaubt. Und selbst bei einem Misserfolg das Positive sieht.

Praktische Tipps sind dabei Mahlzeitenpläne, Einkaufen im gesättigten Zustand, kleinere Essensvorräte zuhause oder eben am Schreibtisch, das Wissen, welche Lebensmittel individuell gefährlich sind. Denn das muss keineswegs Schokolade sein; selbst supergesunde Nüsse führen in zu großen Mengen zum Zunehmen, weil die gesunden Fette genauso viel Kalorien haben wie schlechte.

Die Studie

Leitung: Stefanie Schroeder und Caroline van der Velde, Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Markusplatz 3, 96047 Bamberg

Kontakt: per E-Mail an i-gendo@uni-bamberg.de oder telefonisch unter 0951-8632704. Weitere Informationen gibt es unter www.i-gendo.de