"Ich bin begeistert vom Gedächtnis dieser Frau", sagt Gerhard Schmidt aus Leutzdorf. Die Rede ist von Gunda Grün. Sie ist 83 Jahre alt und kein bisschen leise. Denn sind hat einiges zu erzählen - und kann sich an vieles detailgenau erinnern.

Gerhard Schmidt hat ihr Buch "Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Land" gelesen, das die 83-Jährige eigentlich nur für ihre Enkelkinder geschrieben hat. "Ich lag mit einer jungen Frau in einem Zimmer im Krankenhaus. Da habe ich ihr ein wenig erzählt. Sie meinte, ich solle ein Buch schreiben", erinnert sich Gunda Grün.


Nur unregelmäßig zur Schule

Allerdings habe sie sich nicht getraut, da sie dachte, nicht gut genug schreiben zu können. Heute besuchen Kinder regelmäßig von früh bis zum Nachmittag die Schule und haben gut ausgebildete Lehrkräfte.
"Bei uns hatten zwei Klassen nur einen Lehrer in einem Schulsaal. Manchmal hatten wir auch nur nachmittags ein paar Stunden", erzählt Gunda Grün. In ihrem Jahrgang seien es nur neun Buben und 13 Mädchen gewesen, die anderen Klassen waren größer.

Das heißt allerdings nicht, dass Gunda Grün viel Freizeit gehabt hätte. Wenn sie nicht in der Schule war, musste sie daheim schwer arbeiten. Zur Welt gekommen ist Gunda Grün 1933 in Stadelhofen. Sie kann sich noch heute daran erinnern, wie ihre Schwester daheim zur Welt kam. Gunda Grün kann sich daran, obwohl sie damals selbst erst zwei Jahre und acht Monate war.

Heutzutage haben kleine Kinder schöne Puppen oder anderes Spielzeug. Die kleine Gunda dagegen freute sich damals über eine bunte Schachtel, die der Arzt hatte liegen lassen. Mit viel Fantasie wurde daraus ein wundervolles Spielzeug. "Hattet ihr dann gar nichts zum Spielen?", fragt Gerhard Schmidt und Gunda Grün berichtet aus der Zeit nach dem Krieg.


Einen Fernseher gab es nicht

Da kamen viele Menschen aus der Stadt und tauschten auf dem Land Spiele oder Kleidung gegen Lebensmittel. Gunda Grün lebte mit ihrer Familie auf einem Bauernhof. In der Schule hatte sie Druckschrift gelernt.
Fächer waren Lesen, Schreiben und Naturkunde. Jugendliche, die heutzutage mit Smartphone kommunizieren und einen Fernseher im Zimmer haben, werden jetzt erschrecken: Damals gab es am Ort nur ein Telefon, und zwar beim Bürgermeister oder beim Wirt. Bis 1954 hatte die Familie von Gunda Grün nicht einmal ein Radio. Da kamen bei schlechtem Wetter die Senioren ins Haus und setzten sich auf die Ofenbank.
Dann erzählten sie den Kindern Geschichten und die hörten aufmerksam zu und malten sich das Gehörte im Kopf aus.

Der Nachbar aber hatte ein Radio. Wenn Gunda mit ihren Geschwistern bei ihm am Haus vorbeilief und einen Chor aus dem Radio singen hörte, konnte sie gar nicht glauben, dass in den kleinen Kasten so viele Leute passen. "Das war für uns Kinder richtig faszinierend", erinnert sie sich, und dann fällt ihr auch noch eine traurige Geschichte ein: Der Sohn eines Nachbarn war in Körbeldorf verheiratet. Als der Nachbar starb, hatte der Stadelhofer Bürgermeister bei der Wirtin in Körbeldorf angerufen, ihr vom Tod des Mannes erzählt und gebeten, den Sohn zu informieren.

Die Wirtin hatte das jedoch vergessen. Am Tag der Beerdigung wehte der Wind so, dass der Sohn das Läuten der Todenglocke aus Stadelhofen hören konnte und sich fragte, wer wohl in der alten Heimat verstorben sei.
"Und wie war die Fortbewegung?", fragt Gerhard Schmidt. "Wir waren zu Fuß unterwegs oder mit dem Fahrrad", antwortet Gunda Grün. Sie erinnert sich, wie sie als junges Mädchen mit den Freundinnen im Winter zu einer Veranstaltung nach Geschwand gelaufen ist. "Ich hatte bei minus 15 Grad Halbschuhe an: Meine Füße waren wie Eiszapfen." Einmal die Woche wurde die Wanne in die Küche gestellt und alle fünf Kinder nacheinander gebadet und deren Haare gewaschen. Die Toilette befand sich hinter dem Haus.