Plötzlich ist alles anders. Die Corona-Krise hat von einem Tag auf den anderen das Leben in Deutschland durcheinander gewirbelt. Pandemie, Ausgangsbeschränkung, Kontaktsperre und die Ungewissheit, wie es weiter geht. Was macht das mit unserer Psyche? Und wie können wir Krisen begegnen?

Das unsichere Gefühl hat Silvia Drewke selbst erlebt: "An den ersten Tagen war ich noch verunsichert", erinnert sich die Forchheimer Psychotherapeutin. Patienten, Therapien, Termine - vieles musste neu arrangiert werden. Jetzt, Wochen später, sitzt sie mit ihrem Fachkollegen Jens Borrmann in seiner Praxis in der Innenstadt und gemeinsam stellen sie fest: In ihren Alltag ist trotz der anhaltenden Krise wieder Ordnung eingekehrt.

Drewke betreut all ihre Patienten weiter, in den Therapiezimmern sitzt man nun zwei Meter auseinander. "Das geht gut", freut sie sich. Jens Borrmann hält die Hälfte seiner psychotherapeutischen Sitzungen nun bereits per Videosprechstunde. "Jugendliche nehmen das super an", merkt Drewke an. Die Videosprechstunde ist zudem eine Möglichkeit, den Kontakt zum Beispiel zu Corona-Risikopatienten aufrecht zu erhalten. Diplompsychologe Borrmann betont: "Wir sehnen uns alle nach Normalität, aber wir sollten versuchen, die Zeit so kreativ und optimistisch zu nutzen, wie es geht."

Versorgung unter Druck

Die Corona-Krise stellt die psychotherapeutische Versorgung dennoch vor Probleme. Zwar gebe es im Landkreis Forchheim noch Praxen mit freien Plätzen, aber einige psychosomatische Kliniken und Einrichtungen in Deutschland würden schließen. "Viele Patienten sitzen demnächst auf der Straße und müssen nach Ausweichmöglichkeiten suchen", sagt Borrmann. Zudem: Gerade in der Kindertherapie zum Beispiel sei die direkte Interaktion wichtig.

Und die Menschen, die auf Psychotherapie angewiesen sind, reagieren sehr unterschiedlich auf die Ausnahmesituation. Der Diplompsychologe erlebt die "ganze Bandbreite". Einerseits kippe bei einigen Patienten die Angst ins Psychotische. Auf der Suche nach Erklärungen verstricken sie sich in Verschwörungstheorien. Andererseits könne die Krise für manche Patienten stärkend wirken. Sie merken zum Beispiel, dass jeder betroffen ist und man selbst keine Ausnahme mehr in der Gesellschaft darstellt.

Krise: Eine ambivalente Situation

Auch außerhalb ihrer Therapiepraxen nehmen die beiden Psychologen eine Veränderung im gesellschaftlichen Zusammenleben in Forchheim und Umgebung wahr. Borrmann analysiert für alle Menschen gleichermaßen:

"Die aktuelle Situation ist sowohl belastend als auch chancenreich. Dauerhafte Ohnmachtsgefühle sind nie gut. Die Herausforderung kann aber auch etwas Motivierendes haben und Kreativität freisetzen." Durch die Pandemie sei jeder gefordert, sein Leben umstellen zu müssen. Die Krise ermögliche jedoch auch mehr Zeit zum Nachdenken und Reflektieren.

Drewke entdeckt beispielsweise aktuell viel Positives: Die Menschen würden sich gegenseitig Platz machen, sich zum Abschied Gesundheit wünschen. Viele würden die Schönheit der Natur und die Freizeitmöglichkeiten in und um Forchheim neu entdecken. "Es verschieben sich die Themen: Weg vom Materiellen und dem Denken an Konsumgüter - hin zu mehr Miteinander, Rücksichtnahme und Kommunikation. Es entwickeln sich ganz andere Werte", stellt Silvia Drewke fest. Die Forchheimer Psychologen raten während einer Krise, wie sie aktuell alle miterleben: Neben all den offensichtlichen negativen Dingen sich immer wieder Positives bewusst zu machen.

Sieben Tipps für den Alltag in der Corona-Krise

1. Medienkonsum dosieren

Sich am besten höchstens einmal am Tag bei ausgesuchten, vertrauenswürdigen Nachrichtenquellen über das Corona-Virus informieren, rät Diplompsychologe Jens Borrmann. Wer zu viele Panik-Nachrichten und Horror-Szenarien lese, fühle sich schnell überfordert. Gerade angespannte Menschen sollten den Zeitraum sogar verlängern.

Borrmann schlägt vor, zu hinterfragen: "Schauen Sie doch ein paar Tage zurück: Was hätten Sie zum Corona-Virus verpasst? Nichts."

2. Sich selbst Genuss gönnen

Die Menschen sollten sich dem Körper und dem Geist bewusst Gutes tun, empfiehlt Diplompsychologin Silvia Drewke. Das könnten konkret zum Beispiel ein langer Spaziergang, gutes Essen, ein schöner, leichter Film oder Entspannungs-Musik sein. Dabei gehe es nicht um Verdrängung, sondern um bewusstes Kraft schöpfen angesichts einer Krise.

3. Optimismus bewahren

Jeder sollte daran denken: Die Krise wird ein Ende finden. Borrmann empfiehlt, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Helfen könne dabei das Konzept der "Regnose": "Wir werden irgendwann zurückblicken und stärker geworden sein." "Vieles kommt uns jetzt dramatischer vor, als in der Rückschau sein wird", stimmt Drewke hinzu.

4. Kontakte aufrechterhalten

Trotz Kontaktsperre sei es ratsam, mit seinen Mitmenschen in regelmäßigem Kontakt zu bleiben. Familienangehörige und Freunde anrufen oder Nachrichten schreiben "Das funktioniert auch über bisher vielleicht ungewohnte Wege wie das Internet", sagt Borrmann. Das können zum Beispiel soziale Medien oder Videotelefonate sein.

5. Rückzug ermöglichen

Angesichts der Ausgangssperre und Homeoffice dürfe man nicht vergessen, sich in und außerhalb der eigenen Wohnung Rückzugsorte oder -möglichkeiten zu bewahren. Das können ein eigenes Zimmer oder festgelegte Ruhezeiten und Pausen sein. Gerade wer beengt wohnt, solle regelmäßig rausgehen und sich frische Luft verschaffen.

6. Tagebuch schreiben

Um das Erlebte zu ordnen, kann es in einer Krise für viele hilfreich sein, ein Tagebuch zu führen. "Es stürzt viel auf uns ein und unser Gehirn kommt nicht hinterher. Indem wir alles Revue passieren lassen und auch Positives festhalten, können wir die Eindrücke ordnen und nicht immer mit uns herumtragen", erläutert Borrmann.

7. Struktur in Alltag bringen

Auch in Krisenzeiten ist es wichtig, das Gefühl von Normalität im Alltag zu behalten. Um das zu erreichen, können ein Tagesplan oder feste Strukturen helfen, raten die Psychotherapeuten. Konkret zum Beispiel: Zu bestimmten Zeiten aufstehen, in Ruhe frühstücken, Mahlzeiten nicht vergessen, Kleidungen wechseln. "Sich zum Homeoffice mal schön anziehen, auch das kann Halt geben", verdeutlicht Drewke.rh