Die Katastrophe von Tschernobyl liegt schon lange zurück. Am 26. April 1986 in Tschernobyl havarierte der Reaktor und brachte hunderttausendfach Tod und Verderben. Hier in Deutschland ist Tschernobyl heute vor allem eine Chiffre für die Gefahren der Atomkraft. Unter den unmittelbaren Folgen der Katastrophe leiden wohl nur sehr vereinzelt.

In Tschernobyl selbst ist das anders. Dort haben die Menschen auch 30 Jahre später unter den Folgen der Katastrophe zu leiden. Noch immer sind die Gewässer verseucht. Die Menschen sollen dort nicht baden und auch keine Fische essen, die dort gelebt haben.

Wer in oder bei Tschernobyl einen Garten oder eine kleine Landwirtschaft betreibt, befindet sich in einem Teufelkreis. Weil das Wasser unverändert belastet ist, sollten sie das Obst und Gemüse damit eigentlich nicht wässern. Aber die Pflanzen benötigen nun einmal Wasser.
Auf der anderen Seite sind das Obst und Gemüse, die es in den Läden zu kaufen gibt und das vielleicht weniger belastet ist, sehr teuer.

Bitter notwendige Erholung

Deshalb werden die Kinder auch heute noch zur Erholung verschickt. Dort sollen sie sich gesund ernähren und viele Vitamine zu sich nehmen. Und sie sollen einfach auch einmal wieder gute Luft atmen. Vor allem Kinder haben diese Erholung oft bitter nötig.

"Man merkt es den Kindern äußerlich nicht so sehr an, aber sie werden schnell müde. Auch die Krebsrate steigt. Das schlägt jetzt erst richtig durch. Kürzlich habe ich wieder erfahren, dass eine Mutter von fünf Kindern an Krebs erkrankt ist", sagt Karin Schäpe.

Sie ist die Organisatorin der "Hilfe für Tschernobylkinder" in Stein bei Nürnberg. 1992 wurde sie durch einen Aufruf der Strahlenorganisation im Radio auf das Schicksal der Menschen in Tschernobyl aufmerksam. Sie beschloss, ihnen zu helfen. Das Reaktorunglück geschah in der Ukraine, doch 75 Prozent der radioaktiven Wolke ging über Weißrussland nieder. Manche Gebiete sind dort für Jahrhunderte verseucht.

Obst und Gemüse

Das hat gar nicht abzusehende Folgen für die in armen und ärmsten Verhältnissen lebenden Menschen. Menschen, wie der 14-jährige Shenja und die Zwölfjährige Marina aus Jelsk.

Im vergangenen Sommer haben sie einige Wochen in Hiltpoltstein verbracht. Familie Bauer hatte ihnen mit der Organisation "Hilfe für Tschernobylkinder" ein Zuhause bereitet, damit sie sich erholen und wieder zu Kräften kommen können. "Die Kinder wissen, warum sie hier sind und werden dann auch ganz ernst. Sie sind angehalten, viel Obst und Gemüse zu essen und auch Milch zu trinken", sagt Antje Bauer.

Ob die Kinder die Strahlung vielleicht sogar mitbringen, haben sich einige der fränkischen Familien gefragt, die helfen wollten. Doch ein Schreiben eines Professors, das die Familien über die Hilfsorganisation erhalten, gibt Entwarnung.

Man müsste die Kinder 50 Jahre lang umarmen, um sich selbst in Gefahr zu bringen. Auch Material, das mit den
Schuhen in Berührung kommt, ist kein Grund zur Besorgnis.

Erst neulich haben die Bauers aus Hiltpoltstein via Skype wieder mit den beiden Kindern aus Weißrussland geplaudert. Der Kontakt hält das ganze Jahr über. "Als sie vergangenes Jahr ihre Sachen zur Heimreise packten, wollten sie etwas hier lassen. Sie kämen nächstes Jahr ja wieder", erinnert sich Antje Bauer.

Ohne große Worte

Die Gespräche mit den beiden Kindern verlaufen ohne größere Probleme. Die russischen Kinder lernen in der Schule Deutsch oder Englisch. Shenja lernt Deutsch. "Er ist fit, hat viele Sprichwörter gelernt, bevor er kam. Er möchte Dolmetscher werden. Mit seiner Schwester lief die Unterhaltung auch mit Händen und Füßen", sagt Antje Bauer.

Auch ihre eigenen Kinder und die beiden Geschwister aus Weißrussland hatten keine Hemmschwellen zu überbrücken. Kinder verstehen sich auch ohne große Worte. Die Bauers haben zudem Freunde, die russisch sprechen und übersetzen konnten.

In Weißrussland ist es üblich, dass die Kinder Schulkleidung tragen: ein Hemd und eine Anzughose. Da diese Kleidung dort teuer ist, haben die Bauers Shenia diese Kleidung gekauft. "Selbst die kleinste Hose war noch zu weit", wundert sich Antje Bauer darüber, wie dünn der Junge war.

"Alexander hat hier immer die Preise verglichen", erzählt Birgit Gundel aus Igensdorf. Auch sie hat seit sechs Jahren Kinder, die unter den Folgen von Tschernobyl leiden, in den Sommerwochen bei sich. Alexander und seine Schwester Olga waren vergangenes Jahr hier in der Fränkischen Schweiz.

Von den Supermärkten sind die beiden ganz begeistert gewesen, sagt Birgit Gundel. Die vielen Waren und vollen Regale - das alles sei den Geschwistern neu gewesen.

Große Pläne für die Zukunft

Im Baumarkt habe Alexander immer nachgerechnet, was ein Rasenmäher kostet. Denn bei ihm zu Hause wird das Gras unverändert mit der Sense geschnitten.

Bei ihren Igensdorfer Gasteltern haben die Geschwister am liebsten gebadet. "Sie haben zu Hause kein fließend Wasser. Sie holen es an der Straße", hat Birgit Gundel gehört.

Aus Alexander und Olgas Heimatdorf ziehen immer mehr Menschen weg. Auch Alexander will weg, möchte einmal selbst viel Geld haben und Musik studieren. Das hat er in seiner Zeit in Igensdorf berichtet. Die Verständigung war für Birgit Gundel kein Problem, hat sie doch selbst Russisch studiert.

Zwischendrin haben die Gundels mit Alexander aber kaum Kontakt. Wenn er aber hier ist, freuen sie sich. Vielleicht schon wieder im Juli, wenn die Busse mit den Kindern wieder eintreffen.