Schon als Kind ist Georg Vogler (87) am Dorfbrunnen in Schäfhof, am Rand von Bärnfels gesessen. "Das ist unser Treffpunkt", erklärt der Landwirt. "Als Kind hab ich für den Nachbarn im Krämerladen unten bei der Schule die "Eckstein No 5" geholt. In der grünen Packung für 20 Pfennig waren damals drei Zigaretten. Ein Fünferla hab ich für Bonbons bekommen. Da bin ich gesaust", erinnert sich Vogler.

"Das Leben im Ort hat sich geändert" bestätigen Hans Häfner (74), Erhard Wiegärtner (67) und Oswin Gmelch (61), der nach Bärnfels eingeheiratet hat. "Wir hatten früher drei Tante Emma Läden, jetzt gibt es keinen mehr. Der Metzger hat aufgehört und der Bäcker kommt jetzt auf Rädern", verdeutlicht Wiegärtner .
"In der Landwirtschaft hat sich ein enormer Wandel vollzogen, ergänzt Oswin Gmelch.
Bevor Ludwig Häfner 1969 die Autowerkstätte gründete, war sein Vater Spezialist für landwirtschaftliche Maschinen. In den 60er Jahren hatte nahezu jeder mit der Landwirtschaft zu tun.


Das Dorf ist leer geworden


"Es ist schon ein Problem, dass es so gut wie keine Nahversorgung mehr gibt, bedauert Georg Vogler. "Anderorts entstehen Dorfläden", weiß Gmelch, gibt aber zu bedenken: "Nur von den Artikeln, die jemand beim Einkauf am Arbeitsplatz vergessen hat, kann keiner leben."
"Das Dorf ist leer geworden", findet Georg Vogler. "Nach dem Gebetläuten ist keiner auf der Straße. Wenn ich vom Wirtshaus heimgeh', begegne ich niemandem. Die sitz'n alla dahaam vor der Glotze. Wenn ich umfall, find' mich kaana vor dem nächsten Morgen. Wenn mich net da Fuchs verschlaaft", fügt Vogler mit selbstironischem Grinsen an.
Die zunehmende Mobilität ("Heut gibt's in jedem Haus mindestens ein Auto, vor dem Krieg hat net mal jeder a Fahrrad g'habt") und das Fernsehen sieht Vogler als Ursachen, die das Leben auf dem Dorf verändert haben. "Kein Wunder, dass du keinem begegnest, wer unterwegs ist, fährt mit dem Auto", pflichtet Erhard Wiegärtner bei. "Heute sind die Leute auch nicht mehr in dem Maße aufeinander angewiesen wie vor 50 oder 60 Jahren", verdeutlicht Hans Häfner, der gerne Schlosser geworden wäre. "Das geht nicht, du musst den Hof übernehmen", hatte sein Vater diese Pläne durchkreuzt.


Alles ging gemeinsam


"Damals haben die Menschen gemeinsam gearbeitet und gemeinsam gefeiert. Selbst der Knochenjob Dreschen wurde zum Erlebnis. "Dafür haben wir schon gesorgt", grinst der Schorsch.
"Einmal, da sind wird alle hier gesessen, weil das Getreide nass geworden war. Da haben wir Jungen durch die Dachbodenöffnung Würste hängen sehen. Einige haben den Bauern abgelenkt, die anderen haben sich bedient. Als sie mit den Würsten kamen, freute sich der Nachbar. "Da zeigst dich heut' aber von einer noblen Seite" , meinte der zum Schorsch und langte kräftig zu, nicht wissend, dass er seine eigenen Würste verspeiste. Erst als alle anfingen zu grinsen, zu prusten und schließlich lauthals lachten, ging dem Spender wider Willen ein Licht auf. "Langweilig war uns nie", erinnert sich Schorsch, der als Schüler mit seinen Freunden Schnaderhüpferla auf die "Wirts Hanna" gesungen hat und sich entschuldigen musste. Im Sommer wurde das Johannisfeuer vorbereitet, im Herbst gab es die Rockenstub'n. "Und wenn uns gar nichts mehr eingefallen ist, haben wir das Bettlaken, das ein Bauer zum Fenster rausgehängt hatte, mit einer Stange in Bewegung gehalten, damit er es nicht erreichen konnte. Oder wir haben die Fensterläden der Nachbarn vertauscht. Auch ohne Handy und Computer hatten wir immer unsere Gaudi", lacht Georg Vogler.