Für viele von uns ist sie das i-Tüpfelchen des Nord- oder Ostsee-Urlaubs. Dabei vollführt die quirlige Lachmöwe, der Pirat der Lüfte, nicht nur am Meer kesse Flugmanöver, sondern auch am "Mee" und an anderen fränkischen Gewässern. Gerade jetzt im Winter kann man die weiß-grauen Vögel gut entdecken, denn ihr Appetit lockt sie mitten in unsere Städte. Wer eine Lachmöwe sichtet - vielleicht sogar eine mit Fußring - , kann sich an einem einzigartigen Bürgerwissenschafts-Projekt beteiligen. "Mitmachmöwen" heißt es. Was es damit auf sich hat, verrät Stefan Böger vom Sachgebiet Naturschutz an der Regierung von Mittelfranken.

Es gibt Möwen am Main? Ich hab' Möwen bisher immer mit Meer statt mit "Mee" verbunden...

Da sind Sie sicher nicht die Einzige. In der Tat kann man Möwen aber auch bei uns beobachten, sogar das ganze Jahr über. Vereinzelt sind Schwarzkopfmöwen zu sehen, ab und zu auch mal Mittelmeer- oder Steppenmöwen, aber zu 99 Prozent sind "unsere" Möwen Lachmöwen. Im Sommer brüten sie an größeren Seen - am Altmühlsee in Mittelfranken sind es zum Beispiel bis zu 2.500 Brutpaare. Im Winter sieht man sie oft in fränkischen Städten, wo die unkomplizierten Vögel vom reichen Nahrungsangebot profitieren.

Was heißt: unkomplizierte Vögel?

Sie brauchen eigentlich nur einen sicheren Schlafplatz und Nahrung. Da sie quasi Allesfresser sind, fühlen sie sich in unseren Städten wohl; in Nürnberg zum Beispiel zwischen Henkersteg, Fleischbrücke und Wöhrder See. Dort können Spaziergänger neben Höckerschwänen, Teich- und Blesshühnern auch sehr gut "Möwen gucken".

Was zeichnet die fränkischen Möwen aus?

Sie sind schlau und reagieren schnell aufs jeweilige Angebot. Philipp Herrmann, mein Naturschutzkollege an der Regierung von Niederbayern - er hat 2016 den Grundstein für das Mitmachmöwen-Projekt gelegt - , hat mir von einer Schule in Landshut erzählt. Dort findet sich in der Pause ein Schwarm Möwen ein - und zwar am liebsten am Grundschul-Pausenhof, weil die Grundschüler offenbar mehr Krümel fallen lassen als die Gymnasiasten.

 

Woher kommen die Möwen, die bei uns überwintern?

Das herauszufinden, ist auch ein Ziel der Aktion "Mitmachmöwen". Wir wissen zwar, dass viele gefiederte "Wintertouristen" zwischen Ende Oktober und März aus Osteuropa stammen, etwa aus Polen oder Tschechien, aber die genauen Zugbewegungen müssen noch belegt werden - auch im Hinblick auf den Klimawandel, der das Verhalten der Tiere beeinflussen könnte. Deshalb freuen wir uns über jeden, der eine beringte Möwe meldet!

Was verrät Ihnen der Ring?

Wenn wir die Ringnummer kennen, nehmen wir Kontakt zur jeweiligen Beringungszentrale auf und erfahren, woher das Tier kommt und wo es schon überall gesehen wurde. Diese Infos sammeln wir und geben sie auch dem jeweiligen Melder weiter, damit er erfährt, woher "seine" Möwe stammt.

Wie meldet man eine Beobachtung?

Auf der Homepage mitmachmoewen.de kann man entweder mit dem Smartphone von unterwegs oder daheim am PC den Button "Sichtung melden" anklicken und dann mitteilen, wo man was gesehen hat. Wir freuen uns über jeden Schnappschuss sehr - sei es vom Handy oder von einer richtigen Kamera. Gut kann man die Nummer des Fußrings auch mit einem Fernglas ablesen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass man in Franken eine Möwe entdeckt?

Wer die Augen offenhält, hat sehr gute Chancen. Im Winterhalbjahr findet man die Lachmöwen in Städten, in Flussnähe, gern sitzen sie auf Geländern an Brücken. Nach der Mauser im März/April tragen sie eine dunkelbraune Kopfhaube und ziehen in Schwärmen in die Brutgebiete an Seen und größeren Gewässern. Dort folgen Balz und Brutplatzsuche. Nach 24 Tagen schlüpfen die Jungen.

Wie viele "unserer" Möwen tragen einen Fußring?

Philipp Herrmanns Erfahrung nach ist eine von 100 Möwen beringt. Die Wahrscheinlichkeit, eine solche zu entdecken, ist gar nicht so gering, wenn man die Tiere erst mal entdeckt hat. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Vögel 30 Jahre alt und älter werden können und relativ standorttreu sind, also gerne wieder an bekannte Orte zurückkehren. Philipp hat mir von einer erzählt, die jedes Jahr auf dem gleichen Geländer in Landshut sitzt.

Das "Mitmachmöwen-Projekt" ist eine Kooperation der Regierung von Niederbayern mit der Regierung von Mittelfranken. Sind Meldungen aus anderen Teilen Frankens überhaupt erwünscht?

Aber selbstverständlich, sehr sogar! Jede Meldung ist wichtig, jeder Mensch kann in die Rolle eines Forschers schlüpfen.Unser Projekt ist grundsätzlich ein bayernweites. Es setzt die bayerische Biodiversitätsstrategie und das Biodiversitätsprogramm Bayern 2030 um und wird aus Mitteln des Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz finanziert. Auch für Schüler wird Natur- und Artenschutz durch das Projekt greifbar. Die Nürnberger Umweltstation am Wöhrder See ist unser Kooperationspartner. Ziel ist es, jeder Schule und jeder Umweltstation kostenlos spannendes Info-Material zur Verfügung zu stellen.

Dr. Stefan Böger: Der Regierungsangestellte liebt es, mit Kamera und Fernglas durch Franken zu streifen und die Natur zu beobachten. Umweltbildung liegt ihm sehr am Herzen. Er betreut Projekte wie den Kreuzotternschutz am Main-Donau-Kanal oder das Nürnberger Wanderfalkenprojekt an der Kaiserburg. Die Ornithologie fasziniert den Biologen immer mehr: "Wenn ich mich auf Vögel konzentriere, erlebe ich, wie der Zeitdruck von mir abfällt. Und ich werde immer wieder überrascht, was man bei uns in Franken alles entdecken kann."

Steckbrief Lachmöw e

 

Lebensraum: Chroicocephalus ridibundus ("die reichlich Lachende") ist bei uns in Franken das ganze Jahr über anzutreffen. Im Sommer brütet sie an Seen. Im Winter sucht sich der Allesfresser gern ein Quartier in Städten, in denen viel Nahrung für ihn abfällt.

Nahrung: Die Lachmöwe frisst alles, was ihr vor den Schnabel kommt. Am liebsten sind ihr Regenwürmer, die sie mit einem Trick aus der Erde lockt: Sie trippelt an geeigneter Stelle schnell auf dem Boden herum. Der Wurm denkt, es beginne zu regnen, und wenn er sich zeigt, packt sie ihn beim Schopf und verspeist ihn.

Schlicht- und Prachtkleid: Zweimal im Jahr wechselt die knapp 40 Zentimeter große Lachmöwe ihr Gefieder. Im Frühling mausert sie sich vom schlichten weiß-grauen Winterkleid ins Prachtkleid mit schokobrauner Kopfhaube und weißen Halbringen hinter den Augen. Im Herbst legt sie wieder ihr Schlichtkleid an.