Schwarz ist die Hose, definitiv schwarz. "Golden", sagen die Jurymitglieder des ISPO-Gold-Awards, der im Rahmen der Sportmesse in München verliehen wurde. Eine echte Goldhose, so liest sich die Pressemitteilung. "Puma bringt Kompressionsbekleidung auf das nächste Level", sagt Clare Varga, Jurymitglied, die den Preis dem Herzogenauracher Sportlifestyleunternehmen mit zugesprochen hat. "Es ist nur eine Hose", sagt der FT-Marathonmann, nachdem er die Nachricht der Award-Verleihung auf seinem Tisch liegen hatte.
Doch die Hose geht einem nicht aus dem Sinn. Preise für technische Erfindungen, die einem das Leben einfacher machen, das ist nachvollziehbar. Aber für ein Stück Stoff? Grund genug, dieses "Wunder der textilen Gestaltung" mal näher zu betrachten.
Der Marathonmann testet die Hose.

Sie sieht ganz typisch aus

Je nach Modell kostet die zunächst typisch aussehende Laufhose zwischen 100 und 120 Euro. Da es durchaus noch kühl draußen ist, wird die lange Version getestet. Doch bevor die Bedingungen auf der Laufstrecke getestet werden, geht es auf die Piste. Skifahren ist angesagt - und wo lässt sich solch eine Hose besser testen, als bei den extremen Bedingungen, die beim Skifahren auftreten?
Beim ersten Anziehen der erste skeptische Blick. Eine Art "Gumminoppen" ist durchgängig auf der Innenseite angebracht. Es sieht ein wenig aus, als ob ein Auto darübergefahren wäre. Bei behaarten Beinen keine leichte Angelegenheit, die Noppen überzuziehen. Eine neue Technik muss her: Aufrollen wie Strumpfhosen und dann über das Bein rollen.
Es handelt sich um ein spezielles Silikonmaterial, sagt Thorsten Krauß, der bei Puma die Funktionstextilien verantwortet. "Performance-Bekleidung", wie der Profi sagt. "Die Idee ist vor dem Hintergrund der Kinesiotapes entstanden." Das sind die bunten Bänder, die immer öfter bei Sportlern, sowohl im Profi- als auch im Amateurbereich, zu sehen sind. Die werden auf die Haut aufgeklebt, um positive Effekte für den Organismus zu erzeugen, sie unterstützen die Muskeln und den Blutfluss - nicht nur bei Verletzungen. Es entsteht ein "Mikromassageeffekt", der die Muskeln aktiviert - erklärt der Fachmann.
Bei der Entwicklung der Hose sei man auf die Idee gekommen, diesen Stimulationseffekt sozusagen in die Hose einzubauen. "Durch diese Technik soll es ermöglicht werden, bessere Leistungen zu erzielen."

Schnell warm durch Kompression

Gut, beim Skifahren ist die Leistungsfrage erst einmal schwer zu beantworten. Ein Effekt, der einer Kompressionshose, stellt sich aber tatsächlich ein: Die Beine sind nach wenigen Minuten warm, das Material schützt zusätzlich von dem beißenden, minus 20 Grad kalten Wind. Andere Skifahrer schauen skeptisch herüber, da die Hose den Eindruck eines professionellen Skifahrers erweckt. Sie ist eng anliegend und sehr dünn im Material. Die Fahrweise des Marathonmanns verdeutlicht allerdings, dass es sich um keine "Profi-Skihose" respektive Skiartisten handeln kann.
Dennoch: Die Wirkung ist erstaunlich. Auch bei rasanten Abfahrten bleiben die Beine warm. Viel interessanter ist aber die Zeit nach dem Skifahren. Wer Ski fährt, weiß, dass die langen Abfahrten (ab und zu mal mit Hocke) auf die unteren Extremitäten gehen. Nicht selten siegt der Muskelkater über einen weiteren entspannten Abfahrtstag. Davon ist aber nichts zu spüren. Die Regeneration ist fantastisch. Ob das nun an den Haftstreifen oder der Kompression liegt, ist nicht zu erkennen.

Wissenschaftliche Erklärung

Krauß weiß um den Effekt: "Wir haben in gemeinsamen wissenschaftlichen Untersuchungen mit der Universität Wuppertal festgestellt, dass durch die Kompression der Laktatwert im Blut bei gleicher Belastung niedriger ist." Dieser Wert ist ein Indikator für die Muskelermüdung. "Je niedriger der Wert ist, desto leichter kann man laufen, desto schneller kann man laufen, desto länger kann man laufen", erklärt der Manager. Und die Regeneration schreitet bei niedrigen Laktatwerten schneller voran.
Das mit dem "Schneller" ist dann auch der erste Lauftest, der sich an die Skiwoche angeschlossen hat. Für zehn Kilometer mit der Vergleichshose von Skin braucht der Marathonmann 55 Minuten. Der Lauf selber ist entspannt, die Hose fühlt sich gut an, von dem Silikon ist auch auf den behaarten Beinen nichts zu spüren. Im Gegenteil: Trotz eisiger Temperaturen geht der Blick immer wieder nach unten, um zu schauen, ob die Hose überhaupt noch da ist. Man spürt sie nicht.
So motiviert könnte es durchaus eine Bestzeit geben. Im Ziel die Ernüchterung: Trotz Goldhose keine Medaille; 55 Minuten für zehn Kilometer. Also das Prinzip "Hose anziehen, schneller sein" funktioniert (zumindest beim Marathonmann) nicht.
Christiane Wilms-Otto ist Technische Leiterin der Schnittkonstruktion im Bereich Textilien. Sie erklärt: "Unsere Technologie aktiviert die Muskulatur. Wir verzichten daher bewusst auf zusätzliche äußere Verstärkungen und regen die eigene Stabilisierung des Muskels an." Es ist also eine Art Training, die die Hose mit dem Träger absolviert? "Die Läufer, die wir getestet haben, registrieren eine Verbesserung des Laufgefühls." Sie sind zum Beispiel schneller in der Lage, wieder auf eine Trainingsrunde zu gehen.
Und das ist "Gold" wert? Ja, sagt auf alle Fälle die Jury der ISPO. "Wer die unabhängige Fachjury überzeugt und den Award erhält, überzeugt auch die Branche und die Endverbraucher", sagt Tobias Gröber, Geschäftsbereichsleiter Konsumgüter der Messe München. Die internationale Jury setzt sich aus Experten und fachkundigen Konsumenten zusammen. "Eine Mischung aus verschiedenen Bereichen wie Verbraucher, Handel, Marketing, Design, Medien und Sport ist entscheidend, um den Award zusätzlich aufzuwerten", betont Gröber. "Denn die Gewinner müssen gleich eine Vielzahl an unabhängigen Fachvertretern überzeugen."
Der Laie lässt sich aber nicht so leicht überzeugen. Ein Kinesologietape für 9,80 Euro und die "alte Laufhose" tut's auch - so der Gedankengang. Aber bereits beim Aufkleben wird es haarig. Im doppelten Sinne des Wortes. Denn sich in zwei Minuten schnell mal tapen, geht kaum. Wenn das Band dann schief liegt, heißt es: Abziehen. Es wäre jetzt Haarspalterei, über dieses ungewollte Epilieren zu diskutieren. Nach mehr als einer Viertelstunde sitzen die blauen Bänder, und die nicht goldene schwarze Hose ist übergezogen. Der Lauf selber ist nicht erwähnenswert, eher wieder die "Ausziehphase". Es sei so viel verraten: Unter der Dusche mit viel warmem Wasser und dem Waschlappen zwischen den Zähnen geht es einigermaßen.
Vielleicht war das einer der Gründe, dass die Mitentwicklerin Christiane Wilms-Otto und ihr Team überhaupt auf so eine Idee gekommen sind. "Die Produktidee entstand in einem Brainstorming unseres Entwicklungsteams mit einem Physiotherapeuten, der uns die Wirkweise des Kinesio-Tapings erläuterte." Danach ging es "recht schnell". Zwei Jahre dauerte die Entwicklung bis zum fertigen Produkt.
Die Idee mit dem Tapen war von der Idee der Entwicklungsmannschaft gar nicht so weit entfernt. In einer normalen Hose wurde ein Bein mit einem Silikonband (handelsüblich, Heimwerkermarkt) versehen, das zweite Bein blieb frei von dem Inlet. "Dann schickten wir Läufer damit los, die nicht wussten, warum wir die Hose so präpariert hatten", erklärt Krauß. Und diese berichteten von dem Effekt, dass das eine Bein "leichter" schien, nämlich das Silikonbein.
In einer kleinen Gruppe von fünf Leuten wurde das Thema weiterverfolgt. "Kontinuierlich wurden die Probleme erkannt, Lösungen erarbeitet", sagt Krauß. "Der Award ist ein toller Ausweis unserer Entwicklungsarbeit und Beispiel dafür, wie sich innovative Technologien mit ansprechendem Design erfolgreich umsetzen lassen." Puma hat diesen Preis erstmalig errungen.
Die größte Testphase startet aber jetzt. Denn die Läufer sind es, die letztlich über die Hose und damit auch die eingesetzte Technologie entscheiden. Kilometer für Kilometer wird dieser Test absolviert. "Go for Gold" hat mit der Hose zumindest eine ganz neue Bedeutung gewonnen.