Das Wörtchen "liest" wird mit einem langen "i" gesprochen, weil hinter dem "i" ein "e" steht. Aber "gibt" wird auch lang gesprochen, obwohl da kein "e" steht. Warum? "Da kann ich euch nicht helfen", sagt Anja Augustin ihren Schülern, "das müsst ihr einfach lernen." Ihre Schüler sind Flüchtlinge aus Syrien und dem Iran. In einem Kurs, den der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) trägt, sollen sie eine erste Basis an Deutschkenntnissen erhalten.
"Anja Augustin als Dozentin zu bekommen, war für uns ein echter Glücksgriff", sagt Awo-Geschäftsführer Carsten Höllein. Er ist begeistert vom Engagement der studierten Germanistin, die mit ihrer Deutschklasse keine kleine Herausforderung angenommen hat. Eine Herausforderung aber, der sie sich mit spürbarer Begeisterung stellt.
"Ich habe völlige Analphabeten in der Gruppe, aber auch Studienabbrecher und Leute, die kurz vor dem Abitur standen, als sie ihr Land verlassen haben", schildert sie die Voraussetzungen, auf die sie aufbauen muss. Niemand spricht Deutsch, wenige gutes Englisch. Sie sind die Stütze der Dozentin, wenn doch einmal etwas auf Arabisch erklärt werden muss.
Die Teilnehmer kommen aus unterschiedlichsten Altersklassen, aber alle sind mit großem Lerneifer dabei. Es geht in diesem Kurs darum, einmal selbständig in einem deutschen Laden einkaufen zu können, beim Arzt zu erklären, wo es weh tut, nach einem Weg zu fragen und dergleichen.


Große Nachfrage

Die Nachfrage nach solchen Kursen ist gigantisch. "Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, wenn es um Pädagogen, Sozialpädagogen oder Lehrkräfte für Deutschunterricht geht", bestätigt auch Hubert Klingler-Joppich als Kreisvorsitzender der Awo. Pensionäre springen ein. Doch gerade, wenn sie früher aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, haben sie oft das Problem, dass sie nur begrenzt zuverdienen dürfen. Daher stehen sie auch bei entsprechender Qualifikation immer nur in einem begrenzten Zeitrahmen zur Verfügung.
Anja Augustin steht zur Verfügung. Seit Mitte Dezember läuft der Kurs. Jeden Werktag steht sie im Bad Rodacher Haus des Gastes vor ihrer Klasse in einem Raum, den die Stadt der Awo für den Kurs zu günstigen Konditionen überlässt, wie Carsten Höllein betont.
Insgesamt umfasst der Kurs 320 Unterrichtsstunden a 45 Minuten. Wenn sie jetzt nach zweieinhalb Monaten auf die Erfolge blickt, ist Anja Augustin von ihren Schülern beeindruckt. Eine der Frauen konnte auch auf Arabisch weder lesen noch schreiben. Jetzt kann sie gemessen an der kurzen Lernzeit schon verblüffend viel Deutsch. Ein anderer spricht mehrere Sprachen ausgezeichnet - lesen und schreiben aber keine davon.


Material nicht immer geeignet

Das Lehrmaterial, das zur Verfügung steht, erhält von Anja Augustin keine guten Noten. Oft seien Aufgaben schon am Beginn des Lehrbuchs auf Deutsch - aber erst nach zehn Seiten wird überhaupt erst auf das Alphabet eingegangen. Zu schwierige Grammatiken kommen zu früh im Lernverlauf, andere, die wichtig wären, werden vernachlässigt und so weiter und so weiter. Die Dozentin hat sich ihren eigenen Weg zurechtgelegt. Einen guten offenbar, denn die Fortschritte ihrer Schüler geben ihr Recht.
"Sie ist keine Pädagogin, aber ich glaube, es ist eine an ihr verloren gegangen", sagt Carsten Höllein. Er spielt darauf an, dass Anja Augustin auch die seelische Verfassung ihrer Schüler im Blick hat. Da steht plötzlich einer nach der Pause noch im Flur und lässt nicht vom Smartphone ab, eine Frau reagiert ungewöhnlich heftig auf eine flapsige Bemerkung eines anderen Teilnehmers. "Ich habe dann erfahren, dass sie gerade die Nachricht erhalten haben, dass russische Flugzeuge ihren Heimatort bombardiert haben." Momente, in denen der Deutschunterricht in den Hintergrund einmal in den Hintergrund treten muss, die Dozentin im Rahmen des Möglichen tröstet.


Wunsch nach klaren Strukturen

Wie viele Haupt- und Ehrenamtliche an der Basis wünscht sich Anja Augustin endlich klarere Strukturen für die Bewältigung der vielfältigen Anliegen, Ansprüche und Aufgaben im Umgang mit den Flüchtlingen. Und wie viele ihrer Kollegen erlebt sie frustrierende Augenblicke, wenn ausgerechnet die unter den Flüchtlingen, die sich schon besonders gut integriert haben oder wegen ihrer Qualifikaktion die besten Aussichten auf einen Einstieg in den Arbeitsmarkt hätten, aus Gründen zurück geschickt werden, die niemand wirklich nachvollziehen kann.
In zwei Kursen, die vom Jobcenter Coburg Land unterstützt werden, betreut die Awo in Bad Rodach zurzeit rund 40 Teilnehmer. "Die Agentur für Arbeit war auch schon da, um Qualifikationen anzufragen. Es sieht sogar so aus, als könnten einige schon bald ein Praktikum antreten", sagt Carsten Höllein. Hoffnungsschimmer, die für alle Beteiligten motivierend wirken. Dann wieder erhalten Teilnehmer, die aus Ländern mit guter Aussicht auf Bleiberecht kommen, plötzlich ein Schreiben, dass sie möglicherweise auf der Basis des Dublin II Abkommens nach Ungarn zurück geschickt werden sollen. "Die sagen mir dann, dass sie sich in dem Fall entweder das Leben nehmen werden oder eben versuchen, wieder nach Syrien zurück zu kommen, egal wie schlimm es dort ist", sagt Anja Augustin und wünscht sich, dass Leute in solche Entscheidungen eingebunden werden, die mit den Leuten an der Basis zu tun haben.