Das gab's noch nie: Ein Stadtrat, der gleichzeitig das Amt des Kinderbeauftragten inne hat. Derzeit ist das aber so: Thomas Apfel für die Wählergemeinschaft Pro Coburg in den Stadtrat gewählt, hat das Amt noch so lange kommissarisch inne, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Soweit so gut. Möglich ist diese Konstellation. Es gibt kein Ausschlusskriterium, das ihm die Tätigkeit untersagt. Einen Gewissenskonflikt sieht der wortgewandte Moderator nicht: "Schließlich ist das Amt des Kinderbeauftragten kein politisches. Ich will Vermittler sein, helfen, wo es Probleme gibt und Ideen einbringen."

Eine Ausschreibung für einen Nachfolger hat es auch schon gegeben und eine ganze Reihe Kandidaten. Elf Bewerber soll es gegeben haben. Drei kamen in die engere Wahl, das heißt, drei wurden vom Jugendhilfesenat dem Stadtrat empfohlen - allesamt Männer. Doch keiner der drei bekam eine Mehrheit. Wie zu erfahren war, soll es sich um Kandidaten gehandelt haben, die parteipolitisch engagiert sind. Der Punkt wurde in nicht-öffentlicher Sitzung abgesetzt.

Zur Chefsache gemacht

Die Akte Kinderbeauftragter ist jetzt zur Chefsache gemacht worden und im Büro des Oberbürgermeisters angesiedelt. Stefan Hinterleitner, persönlicher Mitarbeiter des OB, gibt sich auf Nachfrage zurückhaltend. "Es gibt einen Plan, der aber noch mit den Fraktionen abgestimmt werden soll. Wir wollen noch in diesem Jahr eine Lösung finden", sagt er. Da es sich um eine politische Diskussion handle, könne er im Moment nicht vorgreifen. Bis eine Entscheidung gefallen ist, bleibt Thomas Apfel kommissarisch im Amt.

Und das tut er auch gerne, wie er selbst sagt. Er würde das Amt auch noch weitere drei Jahre ausüben. Natürlich würde er dann seinen Sitz im Jugendhilfesenat als Pro Coburg-Stadtrat abgeben und frei machen. Als Kinderbeauftragter kann er beratend, aber nicht stimmberechtigt im Senat tätig sein.

Aber, das sagt Apfel auch ganz offen, er würde einem Nachfolger auch gerne beim Übergang helfen.

Fatal fände es Apfel, wenn der Plan, der jetzt diskutiert werden soll, das Ehrenamt Kinderbeauftragter mit ein paar zusätzlichen Stunden dem Familienbüro in der Verwaltung zuordnet. Denn genau das werde im Moment diskutiert. Damit würde der Kinderbeauftragter als unabhängiger Mittelsmann zwischen Bürger und Behörde seine wichtige Rolle verlieren. Denn eins, so Apfel, sei klar: "Eine Verwaltung ist eine Verwaltung, zuweilen betriebsblind und für die Beschwerden der Bürger nicht so offen wie einer oder eine, die sich für die Belange der Kinder stark macht."

Wichtig in Corona-Zeiten

Eine Option für Apfel wäre allerdings ein hauptamtlicher Kinderbeauftragter innerhalb der Verwaltung, der nicht an ein Amt gebunden ist. Wie wichtig das Amt ist, zeige sich gerade in diesen Corona-Zeiten. Viele Eltern seien in den vergangenen Tagen auf ihn zugekommen, weil sie nicht wüssten, an wen sie sich sonst wenden können. Es geht da beispielsweise um die Maskenpflicht für Grundschüler und über vollgestopfte Schulbusse am Morgen.

"Corona deckt gnadenlos alle Missstände auf", sagt Thomas Apfel nachdenklich. Viel zu spät sei gehandelt worden. Weder die Schulen noch die öffentlichen Verkehrsmittel seien auf den zweiten Corona-Welle eingestellt gewesen. Es fehlt an Lüftungsanlagen in den Klassenzimmern und an Konzepten für die Schülerbeförderung.

Die Situation in den Bussen werde sich noch verschärfen, prognostiziert Apfel. Noch fahren manche mit dem Fahrrad oder werden von den Eltern zur Schule gebracht. Wenn das Wetter schlechter wird, werde es in den Bussen wohl noch enger. Ein versetzter Schulbeginn, wie jetzt von einigen Politikern gefordert, könnte die Situation entspannen, meint der Kinderbeauftragte.

Luftfilteranlagen für die Klassenzimmer werden nach Aussage von Apfel derzeit im Schulamt geprüft. Aus Gesprächen mit einer Reihe von Lehrkräften weiß Apfel aber auch, dass viele ideenreich sind, was das Lüften oder auch die Maskenpflicht betrifft. Es gebe Möglichkeiten, das den Kindern so angenehm wie möglich zu machen. Vermehrte Essenspausen im Unterricht seien ein Beispiel dafür.

Apfel hält den Präsenzunterricht für wichtig. "Wenn die Kinder wieder aus den Schulen genommen werden, geht uns eine ganze Generation flöten", meint er. Gerade Kinder aus bildungsfernen Familien würden den Anschluss verlieren. Für Grundschüler wäre das fatal."

KOMMENTAR

Mehr als schade

Wie schade ist das denn: Das Amt des Kinderbeauftragten wird für politische Zwecke missbraucht. Die Parteien versuchen Kandidaten zu installieren, die auf ihrer schwarzen, grünen oder roten Welle schwimmen. Am Ende sind sie mit ihrem verdeckten Vorstoß in nicht-öffentlicher Stadtratssitzung untergegangen, denn eine Mehrheit konnte keiner für sich verbuchen. Vermutlich auch, weil nicht nach tatsächlicher Eignung, sondern nach Parteibuch abgestimmt wurde. Und jetzt will man das ganze Prozedere ändern. Es wurde zur Chefsache. Der Plan: den Mann oder die Frau gleich in der Verwaltung ansiedeln, damit das seit Jahren leidige Thema, immer wieder einen geeigneten Kandidaten zu finden, endlich aufhört. Und vielleicht auch so manche unangenehme Diskussion in der Öffentlichkeit.

Sollte es tatsächlich künftig so gehandhabt werden, verlieren wir einen unabhängigen Anwalt und Streiter für die Belange unserer Kinder. Das ist dann nicht nur schade, sondern einer Familienstadt unwürdig.